Synodale Zitate

Ein Bruch mit dem Konzilstext zur Offenbarung

Der Orientierungstext zum Synodalen Weg. „Auf dem Weg der Umkehr und der Erneuerung Theologische Grundlagen des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland“
Laieninitiative "Neuer Anfang" hat die Texte des "Synodalen Weges" aufbereitet
Foto: Arne Dedert (dpa) | Die Laieninitiative "Neuer Anfang" hat die Texte des "Synodalen Weges" aufbereitet, kommentiert und aussagekräftige Zitate ausgewählt, um die Absichten auch international bekannt zu machen.

Die Laieninitiative "Neuer Anfang" hat, wie sie auf ihrer Webseite mitteilt, als katholische Initiative beschlossen, Licht ins Dunkel der zahllosen Grundsatz- und Handlungstexte zu bringen. Nicht jeder, so die Initiative, habe die Zeit, geschweige denn die fachliche Expertise, um sich durch das Material zu arbeiten. Deswegen habe man Vorarbeit geleistet für alle Interessierten. Sowohl für den Orientierungstext als auch für alle vier Foren des Synodalen Weges liegen jeweils eine Zusammenstellung der wichtigsten Themen und Zitate vor.

Die Initiative hat diese Texte auch gleich in mehrere Sprachen übersetzt. (Englisch, Spanisch und Italienisch.)

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Texte sprechen für sich

"Wir lassen die Texte für sich selbst sprechen", betont die Initiative auf ihrer Webseite,  das bringe mehr Klarheit und Transparenz als die medialen Interpretationen, die zahlreich kursieren und verbreitet würden. Ferner werden die Texte knapp eingeordnet. Dies sei auf dem Hintergrund der heute gültigen Lehre der Kirche geschehen.

"Lesen Sie einfach selbst nach, was auf dem deutschen Synodalen Weg wirklich beschlossen wird!", ruft die Initiative auf. Die Tagespost dokumentiert die fünf Dokumente sowohl online als auch in einer Beilage zur Printausgabe am 10. November 2022 in voller Länge. Hier im Portal sind die Dokumente mit Links zum Neuen Anfang und mit Links zu dem Originaldokumenten des "Synodalen Weges" versehen. 

 


Orientierungstext zum Synodalen Weg
(Beschluss des Synodalen Weges von der Synodalversammlung am 3. Februar 2022)

Das höchste Lehramt der Kirche hat die verbindliche Lehre über die Offenbarung zuletzt, unter Rezeption der gesamten Tradition, namentlich des Konzils von Trient und des ersten vatikanischen Konzils, in der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum des zweiten vatikanischen Konzils dargelegt. Die Darlegung dieser Lehre ist zwar nicht im formellen Sinn Dogma, genießt aber als Akt des höchsten Lehramts und als Zeugnis der durchgehenden Lehrtradition höchste Verbindlichkeit.

Aus dieser lehramtlichen Darlegung ergibt sich eine Architektur der theologischen Erkenntnislehre, die diese Verbindlichkeit spiegelt.

Generell ist zu sagen: Der Orientierungstext des Synodalen Weges löst diese Architektur auf und verschiebt sie fundamental. Die Pragmatik des Textes lässt das Ziel dieser tektonischen Verschiebung erkennen: Es geht um die Vorbereitung der Revision christlicher Lehre, bei der Offenbarungsquellen („Geschichte“, „Zeichen der Zeit“) namhaft gemacht werden, die jenseits der in Jesus Christus eschatologisch endgültigen und abgeschlossenen Offenbarung Gottes liegen (vgl. DV 4 und sachlich bereits DV 2).

Weiterhin wird die für Dei Verbum entscheidende Einheit von Schrift, Tradition und Lehramt (vgl. DV 10) aufgelöst. Entsprechend wird die allein letztverbindliche Auslegungskompetenz des Lehramts im Blick auf das Wort Gottes (vgl. ebd.) ignoriert.

Bruch mit der Lehre

Man wird also in Summe feststellen müssen: Der Text bricht mit der höchstlehramtlichen Lehre von Dei Verbum an zentralen Stellen. Er tut dies in der Sache klar, jedoch nicht offen. Er verhüllt den Sachverhalt in einer scheinbar traditionellen Sprache. Es ist deshalb notwendig, die Weichenstellungen des Textes genau zu analysieren.

Entscheidend ist die Auflösung der von Dei Verbum 10 programmatisch postulierten Einheit von Schrift, Lehramt und Tradition in Nr. 10 des Orientierungstextes und in der weiteren Architektur des Textes. Das Lehramt wird (gegen DV 10) von Schrift und Tradition abgetrennt, dem Glaubenssinn der Gläubigen und den Zeichen der Zeit nachgeordnet und schließlich der Theologie zugeordnet. Diese fundamentale Verschiebung bestimmt die gesamte weitere Architektur des Orientierungstextes. Es handelt sich also nicht um eine Ungenauigkeit, sondern eindeutig um eine systematische Option.

Die sog. „Zeichen der Zeit“ werden sachlich schon im Text auf Grund potenzieller Offenbarungsqualität zu eigenen, ggfls. normativen Erkenntnisquellen der Lehrbildung in denen der Wille Gottes erkannt werden kann. Dies bestätigt zuletzt eindeutig die sicher authentische Interpretation, die Bischof Georg Bätzing im Streit mit Kardinal Koch diesem Zusammenhang im Orientierungstext gegeben hat. So wie hier formuliert wird, ist ein Konflikt mit der Aussage von der Abgeschlossenheit der Offenbarung in Jesus Christus (DV 4, vgl. 2) klar zu konstatieren.

Durch die Auflösung des Zusammenhangs von Schrift, Lehramt und Tradition werden Schrift und Tradition vieldeutig, was im Orientierungstext auch klar benannt wird. Die verbindliche Feststellung ihres Sinns wandert im Text vom Lehramt zur Theologie. Die Frage „Quis judicat?“ wird also mehr oder weniger offen im Verweis auf die akademische Theologie beantwortet. Denn letztere ist auch Deuterin von Glaubenssinn und Zeichen der Zeit.

Revision christlicher Lehre

Im ganzen Text taucht fast ausschließlich die bezeugende Funktion des Lehramts auf, seine Fähigkeit zur verbindlichen, autoritativen Entscheidung (etwa im Konfliktfall) spielt systematisch keine Rolle, ebenso wenig wie die Vorstellung einer verbindlichen, in Urteilen sich aufbauenden Lehrgestalt, die der Ausgangs- und Referenzpunkt jeder legitimen Entwicklung und Vertiefung ist.

Dies ist noch einmal ein Hinweis auf die Pragmatik des Textes: Es geht um die Vorbereitung der Revision christlicher Lehre, die die bisherige Lehrgestalt nicht vertieft, sondern verneint (exemplarisch seien Anthropologie, die Sexualethik und Lehre von der Ehe und die Lehre vom Bischofsamt genannt).

 


„Auf dem Weg der Umkehr und der Erneuerung Theologische Grundlagen des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland“

(Beschluss des Synodalen Weges von der Synodalversammlung am 3. Februar 2022)

"Neuer Anfang" hat die Synodaltexte ausgewertet
Foto: Neuer Anfang | Die Laieninitiative "Neuer Anfang" hat die Synodaltexte ausgewertet und aussagekräftige Zitate ausgewählt.

Hinweis: Die Zahlen in Klammern vor den Abschnitten geben die Zeilennummer im Originaldokument - siehe Link unten - an.

(10) Zu den wichtigsten „Orten“ der Theologie gehören die Heilige Schrift und die Tradition, die Zeichen der Zeit und der Glaubenssinn des Volkes Gottes, das Lehramt und die Theologie. Kein Ort kann die anderen Orte ersetzen; alle brauchen die wechselseitige Unterscheidung und Verbindung. All diese „Orte“ gilt es in jeder Zeit neu zu entdecken und zu verbinden, sodass die Verheißungstreue Gottes von Generation zu Generation den Glauben der Kirche zu erneuern vermag. Jeder dieser Orte birgt zu jeder Zeit einen Verheißungsüberschuss, der durch andere „Orte“ und andere „Zeiten“ nicht verringert, aber bestärkt werden kann.

(30) „Reformen sind ein integraler Bestandteil der Tradition: Der Gottesdienst wandelt sich; die Lehre entwickelt sich; die Caritas entfaltet sich. In ihrer Dynamik ist die Tradition der Prozess, die gegenwärtige Gestalt der Kirche und des Glaubens zu überprüfen, um sie immer neu als Gottes Gabe zu empfangen und zu gestalten. Die Tradition der Kirche ist offen für den Kontext neuer Entdeckungen, neuer Einsichten, neuer Erfahrungen, die den überlieferten Glauben herausfordern und nach neuen Antworten verlangen, die die geoffenbarte Wahrheit Gottes tiefer bezeugen, dem Wachstum der Kirche dienen, der Verkündigung des Evangeliums und der Weggemeinschaft mit allen Menschen, denen Gottes Gnade gilt. Die Philosophie und die Weisheit der Völker, die Wissenschaft und die Künste, das Leben der Menschen und die soziale Arbeit der Kirche waren und sind inspirierende Faktoren für die Weiterentwicklung und immer wieder neue Entfaltung der Tradition. Prophetische Stimmen finden sich nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Kirche. Die Lebensverhältnisse und -einstellungen der Menschen ändern sich im Laufe der Zeit; diese Veränderungen werden von der Tradition mitgeprägt und prägen sie mit.“

Die Interpretation von Bischof Bätzing hierzu:

„Der Orientierungstext geht nun aber, gemeinsam mit einer Reihe von lehramtlichen Texten, wie etwa der Konzilskonstitution Gaudium et spes und der Enzyklika Pacem in terris des hl. Papstes Johannes XXIII., davon aus, dass Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt, sich auch in dieser Welt und in der Geschichte der Menschen immer wieder offenbart, dass sein Wirken und sein Wesen also an Ereignissen der Geschichte verdichtet erkennbar wird…..Unter dieser Rücksicht aber sind sie tatsächlich nicht nur „Verstehens-Hintergrund“, sondern echte Quellen für die Reflexion des Glaubens. Nicht allein aus Schrift und Tradition, Theologie, Lehramt und Glaubenssinn der Gläubigen kann etwas über den Willen Gottes für die Menschen und für seine Kirche erfahren werden, sondern auch aus Zeitereignissen und Zeitentwicklungen in der Geschichte, durch die das Volk Gottes pilgernd unterwegs ist.“

https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/bischof-baetzing-stellungnahme-zur-antwort-von-kardinal-kurt-koch-vom-29-september-2022

 

 

Die Zeichen der Zeit

(35) „Die Zeichen der Zeit zeigen an, in welcher Richtung die Tradition weiterentwickelt werden muss. In seinem Glaubenssinn erkennt das Gottesvolk kraft des Geistes, wo die Wege des Glaubens verlaufen: was aus der Vergangenheit zu bewahren und was abzulegen, was weiter zu entwickeln und was neu zu integrieren ist. Die Theologie reflektiert, was als Tradition gilt, gegolten hat und gelten kann.“

(43) „Das Zeichen der Zeit, das der Aufschrei der Opfer sexualisierter Gewalt wirkmächtig setzt, bleibt nicht folgenlos. Es rückt weitere Fragen kirchlichen Lebens ins Blickfeld, die teilweise schon lange aufgebrochen sind: die Frage der Macht und das Verlangen nach Gewaltenteilung; die Zukunftsfähigkeit priesterlicher Lebensformen; das Verlangen nach gleichberechtigtem Zugang aller Geschlechter zu den Diensten und Ämtern der Kirche; die Rezeption der gegenwärtigen Forschungserkenntnisse in die kirchliche Sexualmoral. Auch sie könnten sich als Zeichen der Zeit erweisen. Auch sie wollen auf die Spuren nach Gottes Gegenwart und dessen Ratschluss gedeutet werden. Auch für sie gilt: „Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,19–21)“

(48) „Kein persönliches Gewissensurteil könnte auf Dauer Bestand haben, wenn es sich dem Für und Wider gemeinsamer Erwägungen mit anderen verschließen würde. […] Nicht umsonst weist das Wort Gewissen auf das Gemeinsam-Wissen, auf conscientia, auf syneidesis (1 Kor 10,28) hin. Aber es appelliert im Letzten immer an die eigene Einsicht, an das eigene Urteil, an die eigene Entscheidung. Die höchstpersönliche gewissenhafte Letztentscheidung über die eigene Lebensführung bindet – selbst wenn sich herausstellen sollte, dass sie einem Irrtum aufgesessen ist. Das Gewissen zu übergehen, es von außen zu steuern, es auszuschalten oder auch es selbst zu vernachlässigen, hieße, die personale Mitte des Menschen und seine von Gott geschaffene Würde zu negieren. Das Gewissen seinerseits findet Orientierung im Licht des Glaubens.[…]“

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Das Gewissen 

(49) „Das Gewissen der Gläubigen macht sich dabei nicht zuletzt die Erkenntnisse unterschiedlicher Wissenschaften zu Nutze. Damit zeigt sich aber auch: Der Glaubenssinn begründet keinen exklusiven Besitzanspruch einzelner Glaubender. Der Glaubenssinn der Gläubigen drängt auf einen Kon-Sens, auf einen gemeinsam geteilten Sinn – auch wenn ein solcher Konsens nicht immer erreicht wird und die Gemeinschaft der Gläubigen dann über eine gewisse Zeit mit Dissensen leben muss. Die Kirche ist nicht nur Erinnerungsgemeinschaft, sondern auch Dialoggemeinschaft.“

(62) „So kommt der Theologie auch die Aufgabe zu, fundamentalistischen Versuchungen entgegenzutreten, wenn Positionen von einzelnen oder Gruppierungen in dialogunfähiger Weise absolut gesetzt und jeder Debatte entzogen werden sollen. In der scientific  community der Theologie ergibt sich eine Selbstkorrektur durch den kritischen wissenschaftlichen Diskurs. Im Dialog mit dem Lehramt ist auch ein kritisches Gegenüber erforderlich, für beide Dialogpartner.“

(68) „Die Frage nach der angemessenen Beteiligung des ganzen Gottesvolkes an den Beratungen und Entscheidungen in der Kirche stellt sich weltweit und verlangt nach neuen Antworten. Vor allem die Betroffenen und Überlebenden des Missbrauchs müssen gehört werden. Deren Erfahrungen, deren Empörung und Klagen müssen einen Widerhall in der Lehre und in der Praxis der Kirche finden. Schon für die Heilige Schrift gehören die Erfahrungen der Menschen und die Verkündigung des Wortes Gottes untrennbar zusammen. Niemand darf sie auseinanderreißen.“

Synodale Zitate - Orientierungstext zum Synodalen Weg als *.pdf

https://neueranfang.online/wp-content/uploads/2022/10/Synodale-Zitate-%E2%80%93-Der-Orientierungstext.pdf

 


Link zum Original-Dokument:

https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/SV-III_1.1NEU_Synodalpraesidium-Orientierungstext-Beschluss.pdf

Die Texte der Initiative "Neuer Anfang" lesen Sie ebenfalls in einer Beilage zur kommenden Ausgabe der Tagespost.

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