Was meint Leo XIV., wenn er von einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ spricht? Er tat das direkt am Abend seiner Wahl: Der Friede des auferstandenen Herrn Jesus Christus sei „ein unbewaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beharrlich. Er kommt von Gott, dem Gott, der uns alle bedingungslos liebt“, sagte er am 8. Mai von der Loggia des Petersdoms aus. Und genau das machte er nun zum Gegenstand seiner ersten Botschaft zum „Welttag des Friedens“, den die katholische Kirche an jedem 1. Januar begeht. In dem heute veröffentlichten Text bezieht sich der Papst auf seinen Friedensgruß vom 8. Mai und appelliert an alle Christen, sich immer wieder für den Frieden zu öffnen, selbst da, wo er unmöglich zu sein scheint: „Selbst an Orten, an denen nur noch Trümmer übrig sind und die Verzweiflung unvermeidlich scheint, finden wir gerade heute Menschen, die den Frieden nicht vergessen haben. So wie Jesus am Abend des Ostertages den Ort betrat, an dem die Jünger verängstigt und entmutigt versammelt waren, so gelangt der Friede des auferstandenen Christus mittels der Stimmen und Gesichter seiner Zeugen auch weiterhin durch Türen und Hindernisse.“
Papst Leo ist der einzige „Global Player“, der heute lautstark für den Gedanken des Friedens eintritt. Natürlich nicht nach der „Logik dieser Welt“, sondern nach der Logik der Welt, die sich im Fleisch gewordenen Wort offenbart hat. Kurz vor seiner Gefangennahme, so der Papst im ersten Kapitel „Ein unbewaffneter Friede“ seiner Friedensbotschaft, habe Jesus Christus den Jüngern versprochen: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Doch die Evangelien würden es nicht verbergen, dass es vor allem seine gewaltfreie Antwort war, die die Jünger verstört habe, schreibt Papst Leo. Aber gerade dem Petrus, der Jesus verteidigen wollte, habe der Herr gesagt: „Steck das Schwert in die Scheide!“ Denn der Friede des auferstandenen Jesus sei unbewaffnet, „weil sein Kampf unter ganz bestimmten historischen, politischen und sozialen Umständen unbewaffnet war. Die Christen müssen von dieser Neuheit gemeinsam prophetisch Zeugnis ablegen, eingedenk jener tragischen Ereignisse, an denen sie allzu oft mitgewirkt haben“.
Wider die Logik der Gegensätzlichkeit
Leo XIV. weiß, dass man es heute vielerorts als Verfehlung der Regierungen ansehen würde, wenn man sich nicht ausreichend auf den Krieg vorbereite, darauf, auf die Angriffe anderer reagieren und Gewalt erwidern zu können. „Auf der politischen Ebene ist diese – weit über den Grundsatz der legitimen Verteidigung hinausgehende – Logik der Gegensätzlichkeit der derzeit relevanteste Umstand für die globale Destabilisierung, die jeden Tag dramatischer und unvorhersehbarer wird“, schreibt der Papst. Genau dieses Abschreckungspotenzial durch Macht und insbesondere durch nukleare Abschreckung stehe für „die Irrationalität von Beziehungen zwischen Völkern, die nicht auf Recht, Gerechtigkeit und Vertrauen beruhen, sondern auf der Angst und der Herrschaft der Stärke“. Der Papst nennt Zahlen: „Im Laufe des Jahres 2024 stiegen die weltweiten Militärausgaben im Vergleich zum Vorjahr um 9,4 Prozent und bestätigten damit die seit zehn Jahren anhaltende Tendenz. Sie erreichten einen Wert von 2718 Milliarden Dollar, was 2,5 Prozent des weltweiten BIP entspricht.“ Eine Aufrüstung finde aber auch in der Bildungspolitik statt: „Statt einer Kultur der Erinnerung, die das im 20. Jahrhundert gewonnene Problembewusstsein bewahrt und die Millionen Opfer jenes Jahrhunderts nicht vergisst, werden Kommunikationskampagnen und Bildungsprogramme in Schulen und Universitäten sowie in den Medien vorangetrieben, die Bedrohungswahrnehmungen verbreiten und eine rein militärisch geprägte Vorstellung von Verteidigung und Sicherheit vermitteln.“
Papst Leo verweist auf das Gegenbeispiel des heiligen Franz von Assisi: In jener Welt voller Wachtürme und Verteidigungsmauern, in der die Städte blutige Kriege zwischen mächtigen Familien erlebten und die Elendsviertel der Ausgestoßenen an den Rändern wuchsen, habe Franz den wahren Frieden empfangen: „Er befreite sich von jedem Verlangen, andere zu beherrschen, er wurde einer der Geringsten und versuchte, in Harmonie mit ihnen zu leben.“ Das sei eine Geschichte, fügt Leo an, „die in uns weiterleben soll und die es erfordert, dass wir unsere Kräfte bündeln, damit wir gemeinsam zu einem entwaffnenden Frieden beitragen, zu einem Frieden, der aus Offenheit und evangeliumsgemäßer Demut entsteht“.
Gewalt religiös zu rechtfertigen ist Blasphemie
Im zweiten Kapitel seiner Friedensbotschaft, „Ein entwaffnender Friede“, erinnert Papst Leo an den Aufruf von Johannes XXIII. in dessen Enzyklika „Pacem in terris“ von 1963 zur weltweiten Abrüstung. Für den Papst ist im Augenblick genau das Gegenteil der Fall: „Leider gehört es zunehmend zum derzeitigen Gesamtbild, dass Worte des Glaubens Einzug halten in politische Kämpfe, dass Nationalismus gepriesen wird und dass Gewalt und bewaffneter Kampf religiös gerechtfertigt werden. Die Gläubigen müssen diesen Formen der Blasphemie, die den heiligen Namen Gottes verdunkeln, aktiv entgegentreten, in erster Linie durch ihre Lebensweise.“ Es sei notwendiger denn je, zusammen mit dem Handeln das Gebet, die Spiritualität, den ökumenischen und interreligiösen Dialog als Wege des Friedens und als Formen der Begegnung zwischen Traditionen und Kulturen zu pflegen.
Gerechtigkeit und Menschenwürde seien heute mehr denn je den Machtungleichgewichten zwischen den Stärksten ausgesetzt, fährt Papst Leo fort und fragt: „Wie kann man in einer Zeit der Destabilisierung und Konflikte leben und sich vom Bösen befreien?“ Die Antwort: „Es ist nötig, alle geistlichen, kulturellen und politischen Initiativen zu fördern und zu unterstützen, die die Hoffnung am Leben erhalten, um so der Verbreitung fatalistischer Einstellungen entgegenzuwirken. Diese Einstellungen, so zitiert Leo Papst Benedikt XVI. aus dessen Enzyklika „Caritas in veritate“, würden suggerieren, dass „die herrschenden Dynamiken von unpersönlichen anonymen Kräften und von vom menschlichen Wollen unabhängigen Strukturen hervorgebracht würden“. Wenn das die beste Methode sei, zu herrschen, Hoffnungslosigkeit auszusäen und ständiges Misstrauen zu wecken, „dann begegnet man einer solchen Strategie am besten, indem man in der Gesellschaft ein entsprechendes Bewusstsein schafft sowie Strukturen verantwortungsbewusster Vereinigungen, gewaltfreie Beteiligungsformen und eine Praxis wiederherstellender Gerechtigkeit, im Kleinen wie im Großen, entwickelt“.
Das Heilige Jahr, so Papst Leo abschließend, habe Millionen von Menschen dazu bewegt, „wieder neu ihr Pilgersein zu entdecken und in sich jene Entwaffnung des Herzens, des Geistes und des Lebens zu beginnen“. Das sei schon einmal eine Voraussetzung dafür, dass Gott seine Verheißung erfülle: „Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern“ (Jes 2,4–5).
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