Synodaler Weg

Eine tektonische Verschiebung

Demoskopie, Zeitgeist und Expertokratie statt Schrift, Tradition und Lehramt: Wie der Orientierungstext des Synodalen Weges mit dem Konzil bricht.
Synodale bei der 4. Vollversammlung in Frankfurt
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Expertokratie statt Lehramt? Synodale bei der 4. Vollversammlung in Frankfurt

Der Zeuge der Wahrheit steht unter der Wahrheit. Der Zeuge des Wortes steht unter dem Wort. Erst durch diese Bindung wird er überhaupt zum Zeugen. Ein Zeuge, für den die Wirklichkeit ein frei flottierendes Chaos beliebiger Bedeutungen wäre, das erst durch seine Entscheidung die Gestalt der Ordnung gewinnt, hat damit aus sich selbst aufgehört, Zeuge zu sein. Er mutiert vom Zeugen zum absolutistischen Gesetzgeber: „Auctoritas, non veritas facit legem“ (Thomas Hobbes). Nicht die Wahrheit, sondern die hervorbringende Macht des Gesetzgebers erzeugt das Gesetz. Halten wir fest: Dort wo die Wirklichkeit (die natürliche, politische, religiöse) in Vieldeutigkeit versinkt, löst sich das Konzept des Zeugen auf. An seine Stelle tritt – verborgen oder offen – die Entscheidung einer Instanz, die das Chaos überhaupt erst in Ordnung verwandelt.

Wahrheit, die bezeugt sein will

Nun ist es doch scheinbar völlig klar: Katholische Glaubenswelt ist Zeugenwelt. Ausdrücklich gehört es zum Selbstverständnis der beauftragten, gesendeten und bevollmächtigten Zeugen, dass sie eben genau das sind: Zeugen für eine lebendige, letztlich personale Wahrheit, die sie zugleich überragt und in Anspruch genommen hat, in der sich das Antlitz Christi spiegelt – und die sie nicht erst konstruieren und durch ihre Entscheidungen hervorbringen. Das Wort Gottes, in dem seine Selbstoffenbarung und Selbstmitteilung zur Präsenz geschieht – vermittelt durch die grundlegenden Zeugnisgestalten von Schrift und Überlieferung – ist der Gegenstand der im christlichen Glauben erfassten und bezeugten Wahrheit.

Und die berufenen und bevollmächtigten Zeugen stellen sich ausdrücklich unter dieses Wort, wenn sie selbst in einem konziliaren Text ihr Selbstverständnis so ausdrücken: „Das Lehramt ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft.“ (Dei Verbum 10) Dazu tritt eine weitere Aussage, die ganz eng mit der ersten verknüpft ist. Zeugniswahrheit – also Wahrheit, die nicht nur gilt, sondern immer neu lebendige Gegenwart gewinnt, indem sie durch Zeugen verkündet wird – lässt sich von diesen personalen Trägern nicht ablösen. Zeuge und Zeugnis bilden eine ursprüngliche und unauflösliche Einheit. Jede weitere Verarbeitung dieser Wahrheit in der Kontemplation, im Denken, in der Feier und so weiter knüpft hier an.

Deshalb folgt in „Dei Verbum“ 10 auf die eben zitierte Aussage unmittelbar eine weitere, ebenso gewichtige Aussage: „Es zeigt sich also, daß die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, daß keines ohne die anderen besteht und daß alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen.“

Halten wir fest: Überlieferung, Schrift und Lehramt bilden einen unauflöslichen Zusammenhang, durch den sich das Wort Gottes als Wahrheit im Wort der Zeugen vermittelt. Die Wahrheit darin wird durch die Zeugen empfangen und nicht erst durch ihre Entscheidungen hervorgebracht.
Im Licht dieser beiden Aussagen, die im Rahmen einer „dogmatischen Konstitution“ durch das höchste Lehramt der Kirche im letzten Konzil ausgesprochen, eine sehr hohe Verbindlichkeit besitzen, wird sichtbar, was im Orientierungstext des Synodalen Weges eigentlich geschieht.

Wahrheit, die nicht bindet

Kurz und knapp: Tatsächlich werden beide Zusammenhänge aufgelöst – sowohl die Einheit von Überlieferung, Schrift und Lehramt, als auch die Bindung an eine Wahrheit, die die Zeugen nur deshalb binden kann, weil sie ihnen vorgegeben ist. Dies geschieht unter der Oberfläche eines Textes, der eine betont scheinbar traditionelle Sprache spricht.

Es geschieht also subkutan, aber es geschieht eindeutig. Die Pragmatik des Textes zielt darauf, den Weg freizuschaufeln für eine weitgehende Revision christlicher Lehre – und dabei gleichzeitig ein theologisch gutes Gewissen zu vermitteln. Mithin: Das, was unter der Oberfläche geschieht, soll durch eine möglichst traditionell klingende Oberfläche zugedeckt werden. Ich gestehe, dass ich das ziemlich perfide finde.

Eine Sprache, die in die Irre führt

Unter Nr. 10 des Orientierungstexts finden wir folgende, für den weiteren Aufbau grundlegende Aussage: „Zu den wichtigsten ,Orten‘ der Theologie gehören die Heilige Schrift und die Tradition, die Zeichen der Zeit und der Glaubenssinn des Volkes Gottes, das Lehramt und die Theologie.“ Hier wird der – schon vorher eingeführte, aber sachlich vage bleibende – Begriff des „theologischen Ortes“ (locus theologicus) benutzt, um eine Sechserreihe von Instanzen zu benennen, auf die man sich für die theologischen Texte des Synodalen Weges kriteriologisch beziehen will.

Für jemanden, der sich in den Feinheiten der theologischen Erkenntnislehre nicht auskennt, mag das zunächst ganz so wie die traditionelle Sprache der Kirche klingen. Alle Begriffe sind bekannt und in einschlägigen Zusammenhängen etabliert. Aber – wie eben schon angedeutet – in Wahrheit wird hier die Architektur der theologischen Erkenntnislehre fundamental im Sinne des pragmatischen Zieles des Textes, die Grundlage für die Revision kirchlicher Lehre zu schaffen, umgebaut: Von Schrift und Tradition wird – gegen die gewichtige, dichte und programmatische Aussage von „Dei Verbum“ 10 – das Lehramt abgetrennt. Letzteres findet sich plötzlich als Gegenüber zur Theologie. Und dies ist nun keineswegs nur eine flüchtige Ungenauigkeit. Vielmehr bestimmt diese Abtrennung – ich behaupte: absichtsvoll! – die weitere Architektur des Orientierungstextes.

Lesen Sie auch:

Fehlinterpretiertes Konzil

Die folgenden Abschnitte ordnen Schrift und Tradition, Zeichen der Zeit und Glaubenssinn des Volkes Gottes, Lehramt und Theologie einander zu und lösen damit den grundlegenden Zusammenhang aus „Dei Verbum“ 10 auf.

Das hat für die Pragmatik des Textes natürlich die gewünschten Folgen. Schrift und Tradition werden, losgelöst von den  bevollmächtigten Zeugen, die im Konfliktfall auch verbindliche Entscheidungen treffen können, zur konstitutiven Vieldeutigkeit verurteilt. Im Sinne dessen, was der Orientierungstext erreichen will, ist es deshalb nur folgerichtig, dass eine weitere Aussage aus „Dei Verbum“ 10 schlicht unterdrückt wird: „Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird.“ Dieser Text kommt auch an den einschlägigen Stellen, wo er sachlich hätte zitiert werden müssen, nicht vor, noch wird er etwa sachlich umschrieben.

Schrift und Tradition werden damit dem Zusammenhang gebundener und verbindlicher personaler Zeugenschaft entzogen – deren bevollmächtigender Grund der berufende und sendende Christus ist und deren Wahrheit der Heilige Geist trägt und im äußersten Fall garantiert – und einer neuen Trias eingeordnet: den Zeichen der Zeit, dem Glaubenssinn des Gottesvolkes und – last but not least – der akademischen Theologie. Schrift und Tradition, nach der ausdrücklichen Aussage unseres Textes vielstimmig und vieldeutig, gewinnen ihre Eindeutigkeit nun erst durch den – wie?, etwa demoskopisch? – irgendwie erhobenen Glaubenssinn des Gottesvolkes, die Zeichen der Zeit (in denen sich göttliche Wahrheit zeigen kann) und zuletzt durch die Expertise der akademischen Theologie.

„Quis judicat?“ Wer urteilt verbindlich? Unter allen traditionellen Wendungen und vielen bewusst gesetzten Vagheiten finden wir schlussendlich eine ziemlich eindeutige Beantwortung dieser Frage: Es ist die neue Trias aus „Glaubenssinn“, „Zeichen der Zeit“ und „Theologie“. Keine Verheißung der Schrift („Wer euch hört, hört mich“) und keine personale Sendung des erhöhten Christus im Heiligen Geist garantiert für diese Trias. Ich gestehe, dass mich hier schaudert, denn ohne geistliche Ermächtigung heißt sie soziologisch: Demoskopie, Zeitgeist und Expertokratie.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Martin Brüske Jesus Christus Synoden Thomas Hobbes Traditionen

Weitere Artikel

Der Orientierungstext zum Synodalen Weg. „Auf dem Weg der Umkehr und der Erneuerung Theologische Grundlagen des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland“
10.11.2022, 21 Uhr
Redaktion
Ein weiteres Kapitel der lockeren „Tagespost“-Serie über die „Köpfe des Konzils“: War Annibale Bugnini ein Reformer oder am Ende doch Zerstörer der traditionellen Liturgie?
08.11.2022, 19 Uhr
Dirk Weisbrod
Wie frei ist das Gewissen in existenziellen Fragen? Eine befreiende Antwort aus der Schrift, der Tradition und dem Lehramt der Kirche.
05.12.2021, 09 Uhr
Andrzej Kucinski

Kirche

Der Vorschlag, die Kirche solle "das Erbsündensyndrom" überwinden, ist ein alter Hut. Die modernen Irrlehrer haben sich vom überlieferten Glauben an den Erlöser verabschiedet. Ein Kommentar.
08.12.2022, 09 Uhr
Regina Einig
Das Hochfest Maria Immaculata am 8. Dezember offenbart das Wesentliche über den Lebensbeginn der Gottesmutter.
08.12.2022, 07 Uhr
Josef Kreiml