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Sommerkurs der Gustav-Siewerth-Akademie

Der Sommerkurs der Gustav-Siewerth-Akademie nimmt den Nichtort und die Zukunft in den Blick. 
Erbischof Georg Gänswein spricht beim Sommerkurs
Foto: Stefan Groß | Erbischof Georg Gänswein spricht beim Sommerkurs der Gutav-Siewerth-Akademie.

Die Utopie, die Ideologie und die Eschatologie standen im Fokus des Sommerkurses der Gustav-Siewerth-Akademie. Mit über 150 Teilnehmern verzeichnete der Kurs der Akademie in diesem Jahr einen neuen Rekord. Den Auftakt machte Winfried König aus Köln. Der langjährige Leiter der deutschen Sektion im Staatsekretariat des Vatikans sprach über die Utopie von Thomas Morus. Ein Grundzug des Werkes, so König, sei eine gewisse Ironie, die für Thomas Morus typisch sei. „Thomas Morus kritisiert die englische Gesellschaft ohne das Land expressis verbis zu nennen“, so König. Die Beschreibung eines Gottesdienstes im Buch zeige eine große Schlichtheit, so König. Morus spricht von der Niederwerfung aller Beteiligten. Damit werde nichts anderes beschrieben als das „Judica me“ aus der Kartäuserliturgie. Morus war Postulant bei den Kartäusern in London gewesen.

Die Unendlichkeit

Am folgenden Morgen erwartete die Teilnehmer der Höhepunkt der Tagung. Erzbischof Georg Gänswein sprach in seinem Vortrag zum Thema „Eschatologie und Christozentrik: Theologisches Denken über Zukunft und ewiges Leben“. Eine medizinisch hergestellte Unsterblichkeit könne für den Menschen und die Menschheit im Grunde nur ein Alptraum sein, sagte Erzbischof Gänswein über säkulare Ewigkeitsvorstellungen. Der Mensch stehe vor der Spannung, dass er Unendlichkeit will, aber Endlosigkeit fürchten müsse. Er brauche die Zukunft einerseits und andererseits könne er sie nicht ertragen.

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„Er müsste also zugleich sterben und weiterleben – ein Dilemma“, so Gänswein. Eine erste Erfahrung des Menschen sei zunächst die seiner Sterblichkeit, so Gänswein. „Er sieht, dass er aus sich und in sich keinen Bestand hat“, stellte der Erzbischof fest. „Unser Glaube lebt von der Hoffnung auf die Erlösung in Jesus Christus“, so Gänswein, „wir leben in dieser Hoffnung, die nicht nur eine mühsame Vorstellung einer ungewissen Zukunft ist, sondern eine Gewissheit, ,eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können‘.“ Damit zitierte der Erzbischof die Enzyklika „Spe salvi“ von Papst Benedikt.

Zum Ende seines Vortrages nahm Erzbischofs Gänswein eine Abgrenzung zu modernen Erlösungsvorstellungen wie dem Marxismus vor. Mit einem Blick auf die Hoffnung leitete der Erzbischof zum Schluss über: „Nicht irgendein Gott, der sich unseren Blicken entzieht, ist unsere Hoffnung und Erlösung, sondern Jesus Christus, in dem Gott uns sein Angesicht geschenkt hat und das Heil gebracht hat.“

Grundbedeutungen der Utopie im Fokus

Eine theoretische Einordnung der Utopie nahm der Philosoph Thomas Sören Hoffmann vor. Der Professor ordnete Utopien systematisch vier Grundbedeutungen zu. Zunächst die Benennung einer literarischen Gattung, ferner die evaluativ ausgerichtete, die ideologische Utopie und letztlich jene Form, in der der Mensch eine ontologische Sonderstellung einnimmt und sein eigener Former und Bildner wird. Hoffmann stellte den Menschen als utopisches Wesen vor. Schon die Sündenfallerzählung, die Hoffmann als Beispiel nahm, zeige, dass der Mensch von Anfang an nichtreale Dinge habe denken können. Die Schlange habe den Menschen mit „Ihr werdet sein wie Gott“ gelockt, die Frau habe auf die Vorstellung hin die Frucht genommen. Um die Systematik der Utopie zu verfeinern, identifizierte der Philosoph drei Kategorien. Die „Utopie der Aufwandslosigkeit“, die „Utopie der Verantwortungslosigkeit“ und die „Utopie der Machenschaft“.

Giuseppe Gracia stellte die Utopie in ihren praktischen Konsequenzen vor. Internationale Organisationen und Konferenzen riefen globale Krisen aus, die nach einer Zentralisierung der Macht verlangten. Krisen als Legitimation für ein Zurückbinden von Demokratie und Föderalismus. Um zu erklären, wie das funktioniert, vergleiche man eine vorgefundene menschliche oder gesellschaftliche Realität mit einem Wunschbild, das nirgends existiere und nur dazu diene, Fundamentalkritik zu legitimieren. „Die Utopia-Methode“, so Gracia, „führt zu einer von der Realität abgekoppelten Moralisierung der Politik.“ Die Reaktion der Kirche auf diese Situation sei ein Wegfall der Unterscheidung zwischen Seelsorge und Verkündigung. „Ich würde sogar sagen: Eine massenmedial ausgetragene Seelsorge ist an die Stelle der Glaubensverkündigung getreten“, so Gracia.

Seelsorge oder Politik?

Wenn zum Beispiel ein Seelsorger, der die Menschen liebe, so Gracia, einem Homosexuellen sage, er wolle ihn nicht verurteilen, so sei das christlich. „Aber wenn sich, rein hypothetisch“, fuhr Gracia fort, „dieser Seelsorger in einem Flugzeug befindet und das Gleiche zu den Medien sagt, dann dringen seine Worte in den politischen und kommerziellen Raum der massenmedialen Verwertung. Dann wird daraus Politik.“

Der Theologe Thomas Möllenbeck sprach über „Unstillbares Heimweh nach Transzendenz, Freiheit – Individualität – Unendlichkeit“. Es gehe, so Möllenbeck, um historische Analysen des Gedankens der Freiheit. Ein Prozess, der gut 500 Jahre dauere, habe dazu geführt, dass wir in einer subjektivistischen Gesellschaft leben. Es sei der Weg von einer Außensicht (Objektivierung) zu einer Innensicht (Subjektivierung). Was hat es mit dem „Unstillbaren Heimweh nach Transzendenz“ auf sich? Diese Frage stellte Möllenbeck an den Anfang. Ein neuer Beweis aus dem Inneren des Menschen solle den alten Beweis von außen ersetzen. Das komme dem modernen Autonomiedenken entgegen. Daher habe sich die neue Methode auch Immanenzapologetik genannt, weil sie die Transzendenz vom Inneren des Menschen her denken wollte. In der zweiten Etappe warf der Professor einen Blick in ein Kinder- und Jugendbuch, um ein Gedankenexperiment zu führen. Es schloss sich eine historische Analyse an.

Ein Weltethos

Der italienische Politiker Rocco Buttiglione sprach über das Entstehen eines Weltethos durch Globalisierung. Einem religionslosen Ethos erteilte der Professor eine Absage. Wie jedoch das Wirken Gottes, Buttiglione sprach vom Finger Gottes, die Geschichte verändern kann, schilderte er am Beispiel des Besuches von Papst Johannes Paul II. in Warschau am 2. Juni 1979. Im Glauben rückte durch den Besuch das polnische Volk zusammen und veränderte seine Wirklichkeit. Damit schilderte Buttiglione, wie das Volk-Werden und die Religion zusammenhänge. Die Religion bilde ein Volk. Damit sprach er sich für christliche Mission aus, die allein einen globalen Ethos begründen könne.

Für den Abend war ein Podium angesetzt. Peter Hoeres und Dirk Weisbrod, die ihre Vorträge erst am folgenden Tag halten sollten, diskutierten mit Rocco Buttiglione unter der Moderation von Ingo Langner, Theaterwissenschaftler und Chefredakteur des Magazins Cato. Langner, der in seiner Einleitung von dem Problem sprach, all die großen Vorträge großer Männer nun im Gespräch zu verdichten. Er sei zwar Chefredakteur, aber im Herzen immer noch Regisseur und Künstler. Langner gab den Podiumsteilnehmern drei Stichworte zum Reflektieren, um den Themenkontext ihrer Vorträge noch einmal anders zu beleuchten.

Die Wahrheit wird abgeschafft

Peter Hoeres sprach über „Die Abschaffung der Wahrheit in der Postmoderne und die Absolutheit der Gefühle“. Der Historiker begann seinen Vortrag zunächst mit eine anthropologischen Einordnung. Trotz kopernikanischer, darwinistischer und freudianischer Kränkung bleibe der Mensch herausgehoben, er sei schuldfähig und erlösungsbedürftig sowie erlösungsfähig, führte Hoeres aus.

Es folgte eine Herleitung der Sicht auf den Menschen in der abendländischen Tradition, um sich danach der Abschaffung der Wahrheit in der Postmoderne zu widmen. „Verschiebt man den Erkenntnisakt aber zu sehr oder gänzlich auf das Subjekt, verliert man die Korrespondenz zur Sache selbst, zum Objekt, zur Wirklichkeit“, so Hoeres. Das Ende dessen ist Hoeres zufolge ein Umschlag in gefühlte Gewissheiten.

Die Wahrheitsfähigkeit eines Anspruchs hänge nicht mehr an einer intersubjektiv geteilten Erkenntnis der Realität, an der Übereinstimmung mit einer Sache, sie sei allein funktionalistisch oder pragmatistisch ein Erfolgs- und damit ein Durchsetzungskriterium. Als Gegengift empfahl der Historiker, den Konstruktivismus gegen ihn selbst zu wenden.

Eine weitere philosophische Einordnung nahm Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz vor. Unter dem Titel „Wenn Wissenschaft zur Ideologie wird. Verführung und Lösung“ zeigte die Professorin den Gegensatz von Wissenschaft und Ideologie auf. Kritisch schaute Gerl-Falkowitz auf eine mechanistische Sicht des Menschen und auf eine Denaturierung des Menschen. Als Beispiel nannte sie hierfür die Genderideologie. Das Geschlechtsleben werde „inszeniert“, das Ich trage die jeweilige geschlechtliche Maske, so Gerl-Falkowitz. Der Mensch bleibe unverfügbar, das Gesamt der Wirklichkeit des Menschen ebenso. Es sei schlechthin nicht zu erfassen und könne nicht auf einige biologische Daten reduziert und mechanisch montiert werden.

Die Apokalypse

Den Abschluss machte Dirk Weisbrod, Herausgeber des Vatican-Magazins, mit einem Vortrag über „Apokalypse und Revolution zwischen Antike und Neuzeit“. Weisbrod nahm moderne Apokalyptiker wie Greta Thunberg als Beispiele für säkulare Endzeitvorstellungen. Dabei untersuchte er biblische Bezüge in der Rhetorik dieser Apokalyptiker. Selbst eine messianische Erwartung gebe es. Bei Thunberg sei es „Klimaneutralität“.

Im Weiteren nahm Weisbrod eine Abgrenzung zu eschatologischer Apokalyptik vor, wie es sich beispielsweise bei Joachim von Fiore findet, den man heute einen Politikberater nennen würde. Mit einem Postulat, auch den Klimawandel eher nach der Weise des Augustinus mit Vernunft anzugehen, schloss Weisbrod seinen Vortrag bei einer Außentemperatur von gut 30 Grad Celsius.

Alle Vorträge des Sommerkurses sowie Interviews mit den Referenten werden in den kommenden Monaten auf dem Sender EWTN zu sehen sein.

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