Erfurt

Berufsziel Priester: Wege und Ausbildung

Die Wege zum Priestertum werden immer individueller, und das erfordert Kreativität in der Priesterausbildung. Ein Besuch im Erfurter Priesterseminar.
Papst Franziskus feiert Heilige Messe und Priesterweihe im Petersdom
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | "Den Zölibat kann man leichter leben, wenn man mehr Zustimmung hat. Es wird nicht leichter, wenn die Gemeinde immer wieder diese Lebensform anfragt", meint der Priesteramtskandidat Martin Hohmann.

Wer von den großen Plattenbauten auf dem Erfurter Juri-Gagarin-Ring in Richtung Altstadt abbiegt, landet mitten im "katholischen Viertel" der thüringischen Landeshauptstadt. Im Schatten des mächtigen Erfurter Domes steht ein grauer, schlichter Bau aus den 1950er Jahren. Er beherbergt das Erfurter Priesterseminar, die Ausbildungsstätte für die fünf ostdeutschen Bistümer Berlin, Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg. Gegründet 1952 als Folge der deutschen Teilung, wurde das Gebäude vier Jahre später errichtet.

Regens Ansgar Paul Pohlmann leitet das Haus seit sieben Jahren - mitten in einer Zeit weiter abnehmender Kirchenbindung. Als 1983 das Haus durch einen Anbau erweitert wurde, lebten hier noch über 100 Seminaristen, aktuell sind es sechs - je einer aus Magdeburg und Dresden-Meißen, vier aus Erfurt. Die fünf Diözesen, die das Seminar tragen, haben zwar derzeit gut 30 Seminaristen - vom Propädeutikum bis zum Pastoralkurs -, aber nicht alle werden in Erfurt ausgebildet. "Man darf sich das eben nicht so vorstellen, dass ein Bistum eine große Gruppe hat, die gemeinsam zum Studium geht", sagt Regens Pohlmann. "Das sind oft sehr individuelle Wege." So würden manche junge Männer erst irgendwo in Deutschland ein Theologiestudium aufnehmen und dann die Entscheidung treffen, Priester zu werden.

Besonderer Charakter durch extreme Diasporasituation

Deswegen glaubt er auch nicht, dass die von der Deutschen Bischofskonferenz vor gut zwei Jahren formulierten Reformpläne für die Priesterausbildung quasi am Reißbrett umgesetzt werden können. Im Juni 2020 wurde bekannt, dass die Zahl der Seminare deutlich sinken soll. Demnach soll die Ausbildung während des Studiums nur noch in Münster, Mainz und München erfolgen. Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hat bereits deutlich gemacht, dass er am ostdeutschen Priesterseminar festhält - und auch Pohlmann bleibt gelassen: "Ich glaube, dass diese Frage letztlich nicht von den Bischöfen entschieden wird, sondern von den Studenten", meint der Regens. Bereits heute kooperiert Erfurt mit zahlreichen anderen Seminaren, beim Pastoralkurs sind es mittlerweile 14 nord- und ostdeutsche Bistümer, die ihre Seminaristen gemeinsam auf die Weihe vorbereiten.

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Gerade die extreme Diasporasituation - nur gut sieben Prozent der Einwohner im Bistum Erfurt sind katholisch - verleiht der dortigen Priesterausbildung einen besonderen Charakter. Falls sich die Mitgliederzahl der Kirche weiterhin so entwickelt wie bisher, könnte diese Situation bald bundesweite Realität sein. Einer der Seminaristen ist gerade deswegen nach Erfurt gekommen: Martin Hohmann stammt aus dem Bistum Limburg   und der 43-Jährige hat eine ungewöhnliche Berufungsgeschichte. Zunächst evangelisch, konvertierte er 2013 zur katholischen Kirche   und erkannte bald, dass er seiner neuen geistlichen Heimat auch als Priester dienen wollte. Seinen Beruf als Lehrer für Deutsch und Geschichte gab er auf und begann ein Theologiestudium an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt. Dann aber wählte er gezielt Erfurt als Ausbildungsort. "Die Kirche in der Diaspora hat mich sehr interessiert", berichtet er im Gespräch mit dieser Zeitung. Nach einem Referat über den Religionssoziologen Detlef Pollack, der intensiv über diese Thematik forscht, habe er sich bewusst entschieden, in der Diaspora zu leben, "weil sie charakteristisch für unsere Zeit ist", so Hohmann. "Wir sind eine Kirche im Umbruch und bewegen uns überall in diese Richtung", ist er überzeugt.

Das Bild des Priesters verändert sich

Und die Kirche wandelt sich auch in anderer Hinsicht: Das Bild des Priesters verändert sich, "Klerikalismus" gilt heute als Schimpfwort für ein abgeschottetes, weltfremdes Amtsverständnis. Martin Hohmann glaubt nicht, dass heutige Seminaristen dafür in Haftung genommen werden könnten. In der jüngeren Generation sei ein Auftreten, das als anmaßend empfunden werden könnte, kaum noch verbreitet, meint er. Stattdessen überwiege ein kooperatives Verhalten gegenüber Laien, sodass hier kein Verdacht des Klerikalismus aufkommen könne. Auch Regens Pohlmann ergänzt, Ziel der Ausbildung sei es, die Kandidaten auf den Dienst für Kirche und Menschen vorzubereiten. "Ich glaube, dass jungen Menschen klar ist, dass mit diesem Dienst auch Verantwortung verbunden ist. Klerikalismus passt hier überhaupt nicht", macht er deutlich. Und er setzt auf ein offenes Haus: Hier leben derzeit 22 Studierende, nur sechs von ihnen sind Seminaristen. Die anderen sind junge Studenten aller Fachrichtungen. Die Männer und auch Frauen wohnen gemeinsam Tür an Tür mit den Priesteramtskandidaten, sie begegnen sich zu gemeinsamen Mahlzeiten oder Freizeitaktivitäten.

Gerade wegen solcher kritischen Einwände verfolgen Regens Pohlmann und die Seminaristen mit Interesse die innerkirchlichen Reformdebatten, insbesondere den "Synodalen Weg". Auch die Debatte über den Zölibat bewegt Seminarist Martin Hohmann, der sich bewusst für diese Lebensweise entschieden hat. "Den Zölibat kann man leichter leben, wenn man mehr Zustimmung hat. Es wird nicht leichter, wenn die Gemeinde immer wieder diese Lebensform anfragt", macht der Priesteramtskandidat deutlich. Die synodalen Debatten sollten seiner Meinung nach viel mehr genutzt werden, um   einer Forderung von Papst Franziskus folgend   die Neuevangelisierung zu fördern. Das gelte umso mehr in der ostdeutschen Diaspora. "In einer Zeit, in der der Glaube angefochten ist, müssen wir für mehr Glaubenswissen sorgen, den Glauben stärker erklären", ist Hohmann überzeugt. Dazu leistet der Spätberufene bereits einen Beitrag: Er hat einen Lesekreis über den irischen Schriftsteller C.S. Lewis gegründet, der für seine christlich-apologetischen Schriften wie die "Chroniken von Narnia" bekannt ist.

Nicht fürchten, allein zu sein

Auch Christian Winkhold, Seminarist des Bistums Aachen, der im Münsteraner Priesterseminar ausgebildet wird und aktuell sein Freijahr zum Studium in Wien absolviert, unterstreicht gegenüber dieser Zeitung den Lernwert des Seminars: Das geistliche Leben werde gesund und regelmäßig, zum anderen übe man Mitbrüderlichkeit als eine besondere Form von Freundschaft ein, lerne aber auch, Kritik im Sinne einer brüderlichen Korrektur anzunehmen. Viel gelernt habe er auch mit Blick auf das Priestertum aller Getauften: "Viele Mitbewohner im Haus bringen sich ein und zeigen, dass man auch später - das ist mit Blick auf den Priestermangel ja eine Befürchtung - als Priester nicht fürchten muss, allein zu sein, sondern sich auch andere Getaufte einbringen mit ihren Talenten. Gerade die Möglichkeit, viele junge Gläubige kennengelernt zu haben, sehe ich als etwas sehr Wertvolles."

Was er als großen Vorteil sehe, sei zugleich ein Problem: Einerseits werde das Taufpriestertum sehr betont und auf die Verantwortung und den Dienst von Laien hingewiesen. "Dass dabei die Priesteramtskandidaten im Seminar selbst eine relativ kleine Minderheit geworden sind und das Haus versucht, allen gerecht zu werden, bleibt dann bei mir immer mal wieder die Frage zurück: Warum entscheide ich mich für das besondere Priestertum, wenn es doch vorrangig um die mit der Taufe ergangene Berufung geht? Bislang habe ich im Rahmen der Ausbildung keine erfüllende Antwort auf die Frage erhalten, was das besondere Priestertum ausmacht. Wenn das Thema auf Nachfrage dann mal aufkommt, werden eher funktionale Antworten gegeben, die erklären, was ein Laie nicht kann, ein Priester aber doch. Mir ist es aber zu wenig, den Priester auf besondere kirchenrechtliche Befugnisse zu reduzieren, wenn ich mich mit meinem ganzen Leben dem hingebe."

Transparente Ausbildungsziele und eine klare Kommunikation, was von Seminaristen eigentlich erwartet wird, könnten Seminaristen helfen, herauszufinden, welchen Erwartungen sie gerecht werden sollen. Positiv bewertet er einen stärkeren Praxisbezug der Ausbildung: In Wien erlebe er, dass Seminaristen eine Bezugspfarrei erhalten, "in der sie am Sonntag aufschlagen, bei der Firmvorbereitung helfen und anderweitig mittun. Das Priesterseminar, so ist mein Eindruck, bleibt ja eine Parallelwelt auch dann, wenn ich Nicht-Seminaristen als Mitbewohner in diese Parallelwelt aufnehme: Durch den Kontakt zum Gemeindealltag kann das durchbrochen werden und ich kann ganz praktisch erfahren, wo und wie der Priester heute gebraucht wird".

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