Nach ad Limina-Besuch

„Beim Thema Evangelisierung zeigt sich ein Dissens“

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke äußert sich zum „Ad-limina-Besuch“ der deutschen Bischöfe, zur Gefahr eines Schismas und zum neuen kirchlichen Arbeitsrecht.
Bischof Hanke zur Missbrauchskrise
Foto: Harald Oppitz (KNA) | "Wir brauchen Atempausen des Gebetes und des Hörens auf den Herrn", habe es auch in Rom geheißen, berichtet Bischof Hanke vom Ad LImina-Besuch.

Herr Bischof, der Ad-Iimina-Besuch liegt eine Woche zurück. Was beschäftigt Sie jetzt, nachdem sich alles setzen konnte, noch besonders?

Ich habe die gemeinsame Feier der Liturgie in den großen Basiliken Roms sowie das Zusammensein mit den Bischofsbrüdern über fast eine Woche als etwas Verbindendes erfahren. Viele Begegnungen an der Kurie, darunter vor allem das interdikasterielle Gespräch, habe ich als offene Aussprache erlebt. Diese Parrhesia gehört zur Mitbrüderlichkeit, dafür bin ich dankbar. Besonders wertvoll war die Papstaudienz. Man spürte bei Papst Franziskus eine ins Leben übersetzte Spiritualität, an der er uns teilhaben ließ, wie auch seine Besorgnis um uns in Deutschland.

Der Papst hat nochmal auf den Brief von 2019 verwiesen. Wie wollen die deutschen Bischöfe sich jetzt mit den Inhalten auseinandersetzen beziehungsweise die päpstlichen Vorgaben konkret in den Prozess aufnehmen?

Persönlich hatte ich den Eindruck, Papst Franziskus kann nicht verstehen, dass sein Brief an das pilgernde Gottesvolk in Deutschland keine Wirkung gezeigt hat. Das Schreiben wurde entgegengenommen, kommentiert, auch wohlwollend kommentiert. Mit seinem nachdrücklichen Hinweis auf diesen Brief hat er aus meiner Sicht auf Defizite beim deutschen Synodalen Weg aufmerksam machen wollen. Synodalität in seinem Verständnis unterscheidet sich von unserem Synodalen Weg. Nachdenken ist angebracht, wenn ich die Worte des Papstes ernst nehme: was unterscheidet Synodalität von Parlamentarismus, was hält die Kirche aus der Dynamik des Evangeliums lebendig und bewirkt Wandel und was ist Zeitgeist?

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Ein großes Thema dieses Briefes war auch die Evangelisierung. Wie soll es auf dem Synodalen Weg integriert werden — jetzt, wo die Synodalversammlung ja nur noch einmal tagt?

Beim Thema Evangelisierung zeigt sich ein Dissens unter uns, der derzeit nicht leicht aufhebbar zu sein scheint. Der Synodale Weg versteht sich mit seinem Ansatz, Veränderungen in Struktur und Lehre zu zeichnen, als evangelisierend. Für mich setzt Evangelisierung in Selbstevangelisierung an, in meiner Bekehrung auf den Ruf des Evangeliums, es geht um etwas Neues, um ein Leben in der Gegenwart Gottes. Evangelisierung zielt auf Nachfolge, die existentielle Antwort sein will auf den Ruf des Herrn in das neue Menschsein, dessen Maß er selbst ist. Es geht darum Jüngerin und Jünger zu sein, die Zeugnis geben, also Teilhabe an der Frohen Botschaft. Evangelisierung ist eine bleibende Anforderung für den Weg der Kirche in die Zukunft, das Thema kann nicht bei einer Versammlung, bei einem Kongress theoretisch abgehandelt werden. Es muss Haltung des Kircheseins werden. Die Kirchengeschichte zeigt, wie sich Kirche auf diesem Weg wandelt und erneuert. Ich habe Franz von Assisi und seine Bewegung vor Augen oder auch Theresa v. Avila.

Insgesamt hat Rom grundsätzliche Bedenken in Bezug auf die Forderungen des Synodalen Weges angemeldet. Es werde keine Zugeständnisse geben in den großen Fragen wie Frauenpriestertum, Sexualmoral, christliche Anthropologie. Römische Interventionen sollen umgesetzt werden. Das ZdK hat sich dazu bereits geäußert und will dennoch weitermachen. Wie wollen die Bischöfe jetzt vorgehen – angesichts dessen, dass im Fall des Nichtgehorsames Rom gegenüber ein Moratorium drohen könnte? 

Ich kann hier nicht für die deutschen Bischöfe sprechen. Ich will zunächst hinweisen, dass die in Ihrer Frage angeführten Themen nicht nur in der katholischen Kirche in Deutschland diskutiert werden. Sie sind auch in anderen Ländern präsent. Und wir müssen Menschen, die diese Fragen haben, ernst nehmen. Aber in Deutschland, so mein Eindruck, ist der Ton der Forderungen oft hart, ultimativ und mitunter aggressiv. Das lässt mich manchmal an eine Sacco di Roma -Stimmung denken. Zum Moratorium, ich meine, das ist nicht das Thema. Mir geht vielmehr die grundsätzlichere Frage durch den Kopf, weshalb dem Glauben, wie ihn weltweit viele Katholiken praktizieren und sogar mit Freude praktizieren, in vielen seiner Inhalte auf unseren Versammlungen des Synodalen Weges die Plausibilität abgesprochen wird.

Man beansprucht, mit den geforderten und formulierten Änderungen den Glauben weiterzuentwickeln. Der Katechismus sei ja nicht der Koran, hieß es einmal in der Diskussion auf einer Synodalversammlung. Positioniert man sich gegenüber den Neuerungen kritisch bis ablehnend, bläst einem aber massiv der Sturm ins Gesicht, da hört die Geschwisterlichkeit – zumindest verbal – oft auf. Verweist nicht die Vehemenz der Ablehnung bisheriger Lehrinhalte implizit auf einen Bruch? Wie vorgehen? Geistlich nach Innen gehen, einen vertieften Dialog führen, der sich aus Gebet, heiliger Schrift speist sowie aus Berücksichtigung von Theologen wie etwa John Henry Newman und seiner Beschreibung von Entwicklung und Entfaltung des Glaubens, um die Unterscheidung der Geister ringen und weniger wie Abgeordnete im Parlament agieren.

Sehen Sie die Gefahr eines offiziellen Schismas und — wenn ja — wie wollen Sie dieses verhindern? 

Unser Besuch in Rom hat die starke Spannung zwischen dem deutschen Synodalen Weg mit vielen seiner Postulate und den römischen Dikasterienchefs als Anwälten des Glaubens der Gesamtkirche und ihrer Einheit deutlich gemacht. Der deutsche Synodale Weg hat Einspruch erfahren. In einer Familie, in einer Ehe wird man sich in einer solchen Lage gewöhnlich in einen Prozess des Ringens um den Zusammenhalt begeben. Man geht da nicht unter Perspektive des möglichen Scheiterns und Auseinandergehens rein, sondern positiv. Dem Prinzip gilt es nun auch im kirchlichen Miteinander zu folgen. Keiner der Bischöfe will die Spaltung, so positionierte man sich auch in Rom. Wir brauchen dann freilich eine Vertiefung der Fragen und Themen, die nunmehr seit unseren römischen Begegnungen im Raum der Weltkirche und des gemeinsamen Glaubens der Kirche stehen, wir brauchen auch Entschleunigung, hieß es in Rom, wir brauchen Atempausen des Gebetes und des Hörens auf den Herrn. Vielleicht hilft uns der Prozess der Weltsynode.

Meinen Sie, dass jetzt Friede in die deutsche Debatte kommen kann? Wenn nicht, was kann jeder auf seine Weise tun?

Es stehen eher Auseinandersetzungen bevor. Die Positionierungen der römischen Dikasterienleiter werden Diskussionen und Widerspruch auslösen, wie Meldungen kirchlicher Medien jetzt schon vermuten lassen.

Auf dem Synodalen Weg geht es viel um Macht. Was ist Macht in den Augen Jesu?

Nach den schrecklichen Missbrauchsskandalen in der Kirche das Thema Macht zu beleuchten und theologisch zu überprüfen ist sinnvoll und geboten. Es gibt den Machtmissbrauch im Namen des Heiligen. Für die geistliche Fruchtbarkeit des Reflexionsprozesses ist die hermeneutische Folie entscheidend, unter der die Diskussion geführt wird. Wie kann es uns gelingen, in einer von der Botschaft des Evangeliums getragenen Haltung des Dienstes und Dienens zu leben. Das braucht das reife Personsein. Man muss in Selbstdistanz zu sich gehen können, um die Haltung des Loslassens und Dienens zu praktizieren. Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen. An Impulsen reich ist die Kirchengeschichte mit der Vielfalt der Heiligengestalten und den geistlichen Erneuerungsbewegungen. Die Heiligen, Martyrer und Bekenner, sind Exegeten der Botschaft Jesu. Sie könnten uns helfen, auch um nicht vor dem Missverständnis zu erliegen, einfach in einer Mehrheitspraxis den Maßstab künftigen kirchlichen Handelns zu sehen, das vor Machtmissbrauch absichert, ohne dass eine Unterscheidung der Geister vorgenommen wird. Man kann auch so in eine Falle falsch verstandener Macht tappen.

Die DBK hat gerade das neue Arbeitsrecht auf den Weg gebracht. Welche Konsequenzen hat das Arbeitsrecht für die Sexualmoral in der Kirche und die Nachfolge Jesu? Müssen die Mitarbeiter jetzt vor allem gute Arbeitnehmer sein und weniger Jünger Christi und Zeugen Jesu? 

Für die Kirche als Arbeitgeberin im sozialen, caritativen, pädagogischen und administrativen Bereich mit circa 800.000 Arbeitsplätzen lässt sich der Rahmen des Arbeitsrechtsrechts wohl nicht mehr anders gestalten. In unseren Einrichtungen leisten viele engagierte und kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gute Arbeit und prägen die Atmosphäre der Einrichtungen, selbst wenn sie nicht aus der Kirche oder aus der Mitte der Kirche kommen. Veränderungen des kirchlichen Arbeitsrechts sind in relativ kurzen Abständen notwendig geworden. Als Kirche werden wir kleiner, von den Mitgliedern her, von der äußeren Gestalt her. Stellt sich da nicht irgendwann auch die Frage, ob das breite Spektrum kirchlicher Einrichtungen bleiben kann und soll. Macht es nicht Sinn, kirchliches Leben, Kirche und ihre sozialen Einrichtungen und Dienstleistungen in einer Korrelation zu sehen? Die Kirche ist ja keine bloße Unternehmerin mit ethischem Profil.

Als Bruch und Abbruch empfinde ich allerdings im neuen Arbeitsrecht die rechtlich zugesprochene Privatisierung des Lebenszeugnisses für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsbereich. Ich sehe das Anliegen dahinter, bisherige Inkonsequenzen und Heimlichtuerei zu unterlassen. Aber ist es nicht so, dass mich eine kirchliche Beauftragung oder Sendung entprivatisiert und mich ganz in Dienst nimmt? Das nunmehr für den Verkündigungsbereich geltende Arbeitsrecht sieht das anders! Ein bischöflicher Mitbruder meinte, ob wir mit diesem Schritt nicht die innerkirchliche Selbstsäkularisierung vorantreiben.

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