Vom Erbhof zum Feldlazarett

Die Verschmelzung von Kulturkatholizismus und Mainstream ruiniert die Volkskirche in Irland - Warum die Gläubigen noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen.

Situation der Kirche in Irland
Auch in Irland macht der Katholizismus momentan eine schwere Krise durch - und noch ist keie Erholung in Sicht. Foto: fotolia.de

Schwarze Spitzenschleier verhüllen das Haar der Seniorinnen, die eilig die Whitefriar Street Church im quirligen Zentrum Dublins betreten. Ein ehrfürchtiger Kuss für die Madonna im Atrium, dann zünden die Beterinnen im Hauptschiff eine Kerze vor der Statue Unserer Lieben Frau von Lourdes an. Gegenüber der Nachbildung der Grotte von Massabielle sitzen fünf ältere Männer auf einer Bank im Gebet versunken zu Füßen der Schutzpatronin Dublins. Um 13.10 Uhr beginnt eine von täglich fünf Werktagsmessen. Gekommen sind etwa vierzig Rentner. Nur wenige hundert Meter weiter verharren zur selben Zeit Beter in der Clarendonstreet in der Klosterkirche der Unbeschuhten Karmeliten. Zur Großelterngeneration gesellen sich hier vereinzelt auch Berufstätige der mittleren Generation. In dem von bunten Glasfenstern erhellten Kirchenraum nutzen sie ihre Mittagspause zur Besinnung.

Dublins Innenstadtkirchen verblüffen mit vitalem sakramentalem Leben

Dublins Innenstadtkirchen verblüffen auf den ersten Blick mit vitalem sakramentalem Leben. Fünf reguläre heilige Messen an Werktagen? Keine Ausnahme. Beginn um 15 Uhr oder 16.30 Uhr? Es kommen mehr Besucher, als manche deutsche Innenstadtpfarrei nach Büroschluss zählt. Eine Schnittstelle ist der Beichtstuhl. Fünf Stunden täglich werde Beichte gehört, sagt Pater Seán Mac Giollarnáth O.Carm., Prior der Karmeliten und Pfarrer der Whitefriar Street Church. Er nimmt sich Zeit für die Obdachlosen und Bedürftigen, die ihn beim Rundgang durch das Stadtviertel auf der Straße ansprechen. Der Trost, einem Menschen sein Herz ausschütten zu dürfen, gehört für sozial Benachteiligte im Sprengel seines Klosters untrennbar zum Erlebnis Beichtstuhl. Mit leiser Stimme sagt ein Mittfünfziger aus der Gemeinde: „Wir sind das Feldlazarett, von dem Papst Franziskus spricht“.

Die Folgen des Vertrauensverlustes in Bischöfe und Priester infolge der Missbrauchskrise, die Auflösung des familiären Zusammenhalts, die steigende Zahl der Scheidungen und Alleinerziehenden wirken sich auf das Leben vieler Pfarreien aus. Irland gilt als Europas Musterschüler, doch der wirtschaftliche Aufstieg fordert seinen Tribut. Immer mehr Inselbewohner pendeln zur Arbeit in die Städte und verbringen immer weniger Zeit mit ihrer Familie. Auch die Landpfarreien, einst Bastionen des irischen Katholizismus und Berufungsbeete, spüren den Säkularisierungsschub. Anders als in Deutschland harrt die noch nicht von der Freizeitgesellschaft absorbierte Großelterngeneration zwar aus. Mit dem überalterten Klerus erhalten die Alten mühsam die traditionellen Pfarrstrukturen aufrecht.

Auch in Irland zeichnet sich ein Einbruch des kirchlichen Lebens ab

Doch auch wenn der Kollaps der Pfarrseelsorge noch bevorsteht, zeichnet sich der Einbruch des kirchlichen Lebens auf der Insel ab. Zwischen 1993 und 2018 schlossen sieben Priesterseminare ihre Pforten. Über die Zahl der irischen Seminaristen macht das lückenhafte Direktorium der Kirche keine Angaben. Im Nationalen Seminar in Maynooth leben Erzbischof Diarmuid Martin zufolge derzeit „unter vierzig“. Höchstens zwanzig seien es noch, meinen andere, hinzu kommen einige im Irish College in Rom. Beim weiblichen Ordensnachwuchs sieht es noch schlechter aus. Die meisten Frauenorden sind überaltert und haben keine Novizin. Viele sind feministisch ideologisiert und gelten eher als Problem der Kirche denn als Lösung. Einem geistlich trägen Kulturkatholizismus, von dem kein missionarischer Funke mehr ausgeht, steht auf einer Insel, die weniger Einwohner hat als London, eine Minderheit von Überzeugungschristen gegenüber.

Die Anpassung der irischen Kulturkatholiken an den gesellschaftlichen Mainstream gab 2015 den Ausschlag beim Referendum für die Einführung der Homo-„Ehe“. Die Unfähigkeit, eine Gegenkultur zum vorherrschenden gesellschaftlichen Trend zu bilden, zeigte sich zudem 2018, als zwei Drittel der Iren für die Liberalisierung der Abtreibung votierten. Auch Priester, Ordensleute und Laien, die täglich kommunizieren, stellten die Weichen für das Gesetz, das seit 1. Januar 2019 in Kraft ist. Es erlaubt die Tötung Ungeborener während der ersten zwölf Schwangerschaftswochen und danach, wenn Leben und Gesundheit der Mutter bedroht sind. Abtreibungen werden im Rahmen des staatlichen Gesundheitssystems kostenlos angeboten.

"Jahrzehntelang ist die Glaubensunterweisung
in Irland grob vernachlässigt worden"
Rechtsanwältin Maria Steen

Wie kam es zu diesem Dammbruch in einer Nation, die einst Johannes Paul II. einen legendären Empfang bereitete? Immerhin kämpften landauf landab wackere katholische Laien für das Lebensrecht Ungeborener. „Man darf die Rolle der Kirche in Bezug auf Katechese und Bildung nicht übersehen“, sagt Maria Steen. Die attraktive Rechtsanwältin ist eine der bekanntesten Lebensrechtlerinnen Irlands und vertritt die Rechte der Ungeborenen vor der Kamera wie im persönlichen Gespräch so sachlich wie eloquent. „Vielen war das Thema schlicht egal oder sie stellten sich offen gegen die Lehre der Kirche. Jahrzehntelang ist die Glaubensunterweisung in Irland grob vernachlässigt worden. Selbst Priester und Ordensleute verstehen die Lehre der Kirche, die Gottes Gebot abbildet, nicht mehr.“

Die vierfache Mutter hat Konsequenzen aus dem kirchlichen Bildungsnotstand gezogen und homeschoolt ihre vier Kinder. Sie ist nicht die einzige. Die staatlich forcierte Einführung der LGBT-Agenda in Form des „Bildungsprogramms für neue Beziehungen und Sexualkunde“ hat zu einem Vertrauensverlust vieler Eltern in das konfessionell dominierte Bildungssystem geführt. Katholische Schulen, die scharenweise getaufte Heiden ins Leben entlassen, haben einer jungen Elterngeneration, die Katholizismus im Alltag ausschließlich als Gegenkultur erlebt, nichts zu sagen.

Die Talsohle der Krise noch nicht erreicht

Auf wen kann diese geschlagene Armee mit ihren demoralisierten Generälen und Offizieren noch zählen? In einem ruhig gelegenen Einfamilienhaus unweit des Botanischen Gartens Dublins schaut Michael Kinsella, Leiter des Irischen Kirche-in-Not-Büros, gefasst in die Zukunft: „Wir befinden uns in einer existenziellen geistlichen Krise und haben die Talsohle noch nicht erreicht. Aber glücklicherweise gibt es eine Gruppe tiefgläubiger Wohltäter, die uns durch Dick und Dünn mittragen.“

Für Druck auf die Kirche sorgen die Getauften selbst. Anfang Juli musste sich Irlands Premier Leo Varadkar, bekennender homosexueller Katholik, öffentlich dafür entschuldigen, dass er Oppositionsführer Micheál Martin auf unflätige Weise mit katholischen Priestern verglichen hatte. Der „Taoiseach“, wie die Iren ihren Premier nennen, sowie die politische Elite verkörpern eines der gravierendsten Defizite Irlands: dem Land fehlt eine gebildete katholische Oberschicht. Neu ist das nicht. Schon der selige Kardinal John Henry Newman scheiterte Mitte des 19. Jahrhunderts beim Versuch, in Dublin eine katholische Universität zu gründen, am mangelnden Bildungseifer der irischen Bischöfe. Die äußerlich unscheinbare Universitätskirche, die fast zwischen den stattlichen Fassaden der georgianischen Herrschaftshäuser an St. Stephan‘s Green verschwindet, und einige historische Ausgaben von Newmans „Idea of a university“, die in der Katholischen Bücherei hinter Glas aufbewahrt werden, erinnern noch an die von den irischen Bischöfen vertane Chance.

Sehnsucht nach intellektuellem Reichtum des Katholischen ist lebendig

Doch die Sehnsucht nach dem intellektuellen Reichtum des katholischen Glaubens ist lebendig. Pater Conor McDonough beispielsweise wurde als 15-Jähriger bei der Lektüre der Texte von Thomas von Aquin gepackt. Inzwischen hat sich der energiesprühende 32-Jährige im Dominikanerkonvent St. Saviour‘s in Dublin einen Ruf als hervorragender Prediger erworben. „Ich lese die ganze Breite theologischer Publikationen, darunter viele zeitgenössische Autoren, und greife dann immer wieder zu Thomas. So klar, messerscharf und ausgewogen denkt sonst keiner. Er hat der Kirche heute viel zu geben.“ In einer Zeit, in der die Institutionen des katholischen Irland wanken, schätzt er es besonders, in seinem Orden aus den Quellen der Tradition schöpfen zu können.

Das Kloster St. Saviour‘s liegt in einem verwahrlosten Stadtteil Dublins. Nur zwei Prozent der Gemeinde besuchen die Messe. Doch der Konvent mit 24 Brüdern – darunter zwölf jungen Iren – gilt als monastisches Herz und berufungsstärkste Adresse der Stadt. „Die jungen Mitbrüder treiben uns an“, schmunzelt der Prior. „Sie wollen würdige Liturgie, Disziplin, Gebet und Studium. Sie tragen ihren Habit in der Öffentlichkeit und lieben den dominikanischen Ritus.“ Auch medial punkten die jungen Dominikaner. Priesterweihen wie die von Pater Philip Mulryne OP, eines früheren Manchester-United-Stars, oder des ehemaligen Barkeepers Pater Matthew Farrell OP sorgten für positives Medienecho – keine Selbstverständlichkeit im postkatholischen Irland.

"Wer die Liturgie missbraucht,
kann alles missbrauchen"
Pfarrer Gerard Deighan

Auf die Tradition setzt auch die Personalpfarrei St. Kevin in Dublin. Seit 2007 wird die außerordentliche Form des römischen Ritus täglich in dem neugotischen Gotteshaus gefeiert. Die Gemeinde ist international, Pfarrer Gerard Deighan möchte die nigerianischen und polnischen Gläubigen nicht missen. Sogar die andernorts oft fehlenden jungen Männer kommen zur Messe. Für Familien gibt es eine Sonntagsschule. Dass es in Irland keine Möglichkeit gibt, Seminaristen im alten Ritus auszubilden, bedauert Pfarrer Deighan. Zugleich geben ihm die jungen Messbesucher Hoffnung, weil sie ihren Glauben ernst nehmen. Die liturgische Krise der Gegenwart, so Pfarrer Deighan, sei viel ernster als die Missbrauchskrise. Beides hänge zusammen. „Wer die Liturgie missbraucht, kann alles missbrauchen.“