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Fiducia supplicans: Was ist Segen?

Zur Debatte um „Fiducia supplicans“: Segen ist Fürbitte für etwas, das in Gottes Plan passen muss. Die Segnung einer Ehesimulation gehört sicher nicht dazu, schreibt Dorothea Schmidt.
Unwiderruflich, aber keine Magie: Der Segen Gottes wird frei von ihm gespendet - und nur dem, was in seinen Plan passt, wird er zuteil.
Foto: ipolly80 (701755028) | Unwiderruflich, aber keine Magie: Der Segen Gottes wird frei von ihm gespendet - und nur dem, was in seinen Plan passt, wird er zuteil.

Zunächst: Wer einen Segen spricht, hält Fürbitte beim himmlischen Vater. Was damit gemeint ist, zeigt uns das Zweite Gebot: Dort geht es um die Anrufung des einen, wahren Gottes, der seinem Volk seinen Namen „Jahwe – ich bin für dich da“ mitgeteilt und dem Menschen damit den goldenen Schlüssel zu seinem Herzen gegeben hat.

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In seiner Negativformulierung „Du sollst den Namen nicht verunehren!“ meint das Gebot, dass der Name Gottes weder verzweckt noch missbraucht werden darf, wie die alten Römer ihr „do ut des“ – ich gebe, damit du gibst – verstanden haben; es muss vielmehr geschützt werden. Der Gott des zweiten Gebotes ist einfach mit seiner Liebe da. Leider, so schrieb der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber 1923, sei kein Wort so besudelt, so zerfetzt worden wie das Wort „Gott“. Gott ist aber weder irgendeine durch menschliche Techniken beherrschbare Energie noch ein für menschliche Wunscherfüllung bereitstehender Diener. Dem deutschen Philosophen Theodor W. Adorno zufolge gibt es kein richtiges Leben im Falschen. Man kann ergänzen: Es gibt auch keinen richtigen Segen für Falsches. Segnen kann nur, wer segnen will, was Gott zu segnen bereit ist. Und Segen erbitten kann nur, wer erlangen möchte, was in Gottes Plan vorgesehen ist. Und dazu gehört die Sünde ganz sicher nicht. Im Fall blasphemischer oder magischer Anrufungen Gottes wird aus Segen Fluch.

Ein Priester kann Soldaten segnen, die ihre Lieben im Krieg gegen einen Aggressor verteidigen. Er kann aber keine Mordwaffen für einen Angriffskrieg segnen, ohne dass dies Fragen beim Jüngsten Gericht nach sich zieht. Auch führt ein Segen um Schutz und Hilfe beim Bankraub ins Leere und wird zum Fluch. Der heilige Pfarrer von Ars sagte: „Ihr wisst, dass ein gestohlenes Gut niemals Segen bringt.“ Es bringt also gar nichts, um Segen zu bitten, wenn wir uns außerhalb der göttlichen Ordnung bewegen, wie es auch bei einer Ehesimulation der Fall ist. Die Beteiligten und die festlich Gekleideten könnten die Pseudoehe kirchlich oder gar heilig nennen. Und doch handelt es sich dabei nur um ein „Absegnen“ einer Sünde durch einen Geistlichen — was nur zu verstehen ist, wenn man weiß, was Sünde ist und was Sakrament bedeutet.

Während Segen eine Bitte an Gott ist, Heil schaffend dabei zu sein, ist das heilschaffende Dabeisein Gottes bei jedem Sakrament garantiert. Das Ehesakrament spenden sich Eheleute gegenseitig, es ist das einzige Sakrament, das Laien ordentlich spenden können (Taufe nur im Notfall). Sie müssen dabei einhellig eine Ehe nach Gottes Plan eingehen wollen. Der Priester kann in dieser Intention Gott um seine Gnade bitten. Das könnte er nicht, wollte das Paar eine Ehe auf Zeit führen oder bewusst kinderlos bleiben. Schon Papst Johannes Paul II. wies darauf hin, wozu Gott dem Menschen seinen Segen gab: zur „tiefen Einheit…, als Mann Mensch und Körper und als Frau Mensch und Körper zu sein. Auf das alles fiel von Anfang an der Segen der Fruchtbarkeit, verbunden mit der menschlichen Zeugung (vgl. Gen 1, 28)“.

Jakob erzwingt Segen und muss mit Gott ringen

Von Anfang der Schöpfung an gehören Gott und Segen zueinander. Die Schöpfung selbst ist ein Segen – und wer mit Gott geht, steht unter Gottes Segen. Gott schenkt Segen nicht nur im Überschwang. Es scheint auch, als wollte er, dass der Mensch ihn ersehnt, als wollte er regelrecht um Segen gebeten werden. Bestes Beispiel ist der biblische Trickbetrug des Jakob. Erst tauscht er hinterlistig das Erstgeburtsrecht, den Segen, der seinem älteren Bruder Esau zustand, gegen ein leckeres Linsenmus, und zwar in dem Moment, in dem Esau vor Hunger kaum klar denken kann. Und Gott segnet Jakob.

In der Bibel galt der Segen als unwiderruflich. Selbst, wenn der blinde Vater es gewollt hätte, er konnte den Segen nicht zurücknehmen und Esau spenden. Die Erwählung des Jakob fand nicht wegen, sondern trotz seines Betruges statt. Später kommt es zu einem Ringen mit Gott. Interessant ist, dass Jakob auch diesmal wieder einen Segen regelrecht erzwingen will: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest“ (Gen 32,27). Er bekommt ihn. Er „muss sich“, sagt Papst Benedikt, „jedoch jetzt einem mysteriösen Kampf stellen, der in der Einsamkeit und ohne die Möglichkeit, eine angemessene Verteidigung zu organisieren, über ihn kommt“. Letztlich werde für ihn dieses Ringen mit Gott „zu einer einzigartigen Gotteserfahrung“. Gott spricht ihm schließlich eine neue Identität zu.

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Die Hebräer glaubten an diese Kraft des Segens. Bei Jakob erschafft Gott durch den Segen „eine neue Wirklichkeit, die Frucht der Bekehrung und der Vergebung ist“, so Benedikt XVI. Diesmal aber ist es kein erschlichener Segen, „sondern der von Gott unentgeltlich geschenkte Segen“. Oder um es mit Papst Franziskus zu sagen: Jakob zieht nun „hinkend in das Gelobte Land“ ein: „verletzlich und verwundet, aber mit einem neuen Herzen“.

Gott segnete neben Jakob viele andere Menschen im Alten Testament — trotz aller Sünde. Und er lehrte uns, es ihm gleich zu tun. Man denke nur an Bileam, der vom König der Moabiter beauftragt wurde, das Volk Israel zu verfluchen, Gott aber das Gegenteil von ihm forderte. Später trug Jesus uns sogar auf, unsere Feinde zu segnen. Jedenfalls arbeitet Gott trotz der Sündhaftigkeit mit dem Menschen und strickt so langsam und gemächlich, über Jahrtausende hinweg, mit unendlicher Geduld, auf zahlreichen Umwegen immer weiter am Aufbau des Reiches Gottes. Nicht auszudenken, was wäre, wenn der Segen nur exponentiell zum Grad der Heiligkeit ausgeschüttet – oder im Fall des Abfalls gar zurückgenommen würde. Das Volk Israel hätte es gar nicht gegeben. König David hätte einpacken können. Gott steht zu seiner Verheißung.

Gott entscheidet, wann er segnet

Wie könnte es anders sein: Gott will das Beste für den Menschen. Segen stärkt uns in unserer Identität als Söhne und Töchter Gottes. Segen bedeutet, dass Gott in uns wirkt und uns mit Gaben und Gnaden segnet, damit er seinen Plan für und durch jeden Einzelnen Wirklichkeit werden lassen kann. Segen bewirkt, dass wir uns ihm immer mehr zuwenden können. Segen bewirkt, was er meint.

Segnen meint das Herabkommen der Herrlichkeit Gottes auf den Menschen. Er will uns „eine Zukunft und eine Hoffnung geben“, sagte der Prophet Jeremia (Jer 29,11). Die Liebe will seine verirrten Kinder zurückgewinnen (vgl. 1 Joh 3,1). Im Gegensatz zu Laien, die Gott zu segnen bitten, spendet ein Priester den Segen „in persona Christi“, (wenn er dies in dieser Intention tut und die Stola als äußeres Zeichen trägt). Sein Segen ist eine Sakramentalie. Wenn er diesen Segen verweigert, verhindert er, dass der Mensch mit Gottes Liebe in Berührung kommt – vorausgesetzt, er bittet in der rechten Gesinnung um einen Segen. Das schließt auch die Annahme der Tatsache mit ein, dass Gott allein entscheidet, ob, wie und wann er segnet. „Er“, sagte John Henry Newman, „wird uns leiten zu dem, was in Wahrheit unser Bestes ist, nicht, wie wir es uns denken, und auch nicht wie es für andere passen würde.“

Schließlich kommt, wo Segen fließt, eine Kettenreaktion in Gang – prototypisch bei Abraham: „Ein Segen sollst du sein“ (Gen 12,2). Der Segen ist gewissermaßen die Tür für das Wirken Gottes im Menschen. Und der Segen sollte durch Abraham allen Völkern zuteilwerden (vgl. Gal 3,8). Der Gesegnete erhält im Beipack der Gnadengabe eine Autorität, einen Auftrag und eine soziale Befähigung, das Gute auszustrahlen und mit dem Guten zu arbeiten im Namen des Herrn. Wir können, so sagte Martin Buber, „das Wort ,Gott‘ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganz machen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge“. In diesem Sinne: Werden wir zu einem Kanal des Segens!

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