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Ein rein funktionales Verständnis von Sexualität

Ein Resümee zu den Texten des Synodalforums IV zum „Leben in gelingenden Beziehungen“. 
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Foto: KNA | Die christliche Sichtweise von Leiblichkeit als dem natürlichen Ausdruck der Person und Abbild der göttlichen Liebe spielt in den Texten des Synodalen Weges keine Rolle mehr.

Die Forderung nach grundlegenden Veränderungen in der offiziellen kirchlichen Sexualmoral ist eines der zentralen Anliegen des Reformprojekts ,Synodaler Weg‘.“ So fasst Professor Konrad Hilpert im jüngsten Band der Reihe „Katholizismus im Umbruch“ ganz unverklausuliert das Anliegen des vierten Synodalforums zusammen. Zwar sprechen die Synodaltexte selbst etwas vorsichtiger von „Neuakzentuierung“, „Präzisierung“ und „Weiterentwicklung“ der kirchlichen Sexualmoral, doch in vielen Punkten geht es um nichts weniger als eine Umkehrung der bisherigen Lehre.

Als Basis der neuen Sexualmoral war ein langer Grundtext „Leben in gelingenden Beziehungen“ geplant, mit kurzen „Handlungstexten“ als praktischen Folgerungen. Doch als der Grundtext bei der vierten Synodalversammlung im September 2022 nicht die nötige Stimmenzahl der Bischöfe erreichte, fehlte plötzlich die theoretische Grundlage für die entsprechenden Handlungstexte. Trotzdem wurden sie der Synodalversammlung vorgelegt, und nach dem Wechsel von geheimer zur namentlich-öffentlichen Abstimmung erhielten alle die nötige Mehrheit, auch von den Bischöfen. Damit gelten nun Handlungstexte, deren theoretische Grundlage bereits abgelehnt war. Ein Grund mehr, sich näher mit den Inhalten zu befassen.

Handlungstext „Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität“

Nach dem Beschluss soll zukünftig eine homosexuelle Orientierung als ethisch gleichwertig zur heterosexuellen gelten. „Sie ist eine Normvariante und keine ,Minus-Variante‘.“ Jede sexuelle Handlung sei moralisch gut, wenn sie Selbstbestimmung, Liebe, Treue, gegenseitige Verantwortung und Fruchtbarkeit achtet, wobei „Fruchtbarkeit“ auch in gesellschaftlichem Engagement bestehen kann. Die entsprechenden Nummern im Katechismus seien zu ändern; Homosexualität dürfe kein Hindernis mehr für kirchliche Dienste oder Weiheämter darstellen. Eine solche Neubewertung der Homosexualität sei notwendig aufgrund der Ergebnisse der empirischen Humanwissenschaften.

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Diese Argumentationsfigur überrascht. Ohne Zweifel können Humanwissenschaften helfen, den Menschen besser zu verstehen. Aber aus deskriptiven Forschungsergebnissen lassen sich keine moralischen Normen ableiten. Wenn Sexualwissenschaften nachweisen, dass eine homosexuelle Neigung genetisch veranlagt ist (oder nicht), unveränderbar ist (oder nicht), häufig auftritt (oder nicht), ihr Ausleben den subjektiven Selbstwert steigert (oder nicht) und so weiter, folgt aus all dem nichts für die moralische Qualifikation solcher Handlungen. Empirische Humanwissenschaften können den Menschen funktional beschreiben, sind aber von ihrem Ansatz her wertfrei. Wer unter Berufung darauf moralische Normen „weiterentwickeln“ will, muss sich den Vorwurf eines plumpen naturalistischen Fehlschlusses gefallen lassen.

Handlungstext „Segensfeiern für Paare, die sich lieben“

Gemäß dem Handlungstext sind Beziehungsformen positiv und segnenswert, wenn die Partner „ihre Sexualität in Achtsamkeit für sich selbst, füreinander und in sozialer Verantwortung auf Dauer zu leben bereit sind.“ Genannt werden „Wiederverheiratete, gleichgeschlechtliche Paare, Paare nach ziviler Eheschließung“ und „Paare, die sich für das Sakrament der Ehe noch nicht disponiert sehen“. Entsprechende liturgische Segensfeiern seien zu entwickeln, ihre Anwendung dürfe für Seelsorger keine disziplinarischen Folgen nach sich ziehen. Auch hier beschreibt der Handlungstext menschliche Sexualität aus der horizontalen Perspektive der Funktionalität. Das eigene Wohl, das Wohl des Partners, das Gemeinwohl (Ich – Du – Wir) bilden den moralischen Maßstab.

Doch biblisch gesehen sind Geschlechtlichkeit und Partnerschaft viel mehr als bloßes Mittel zur gelungenen Ich-Du-Wir-Beziehung. Sexualität ist von Gott konzipiert als leibhaftiges Abbild seiner Bundesliebe zum Menschen: Gott schenkt sich ganz (auch wenn wir halbherzig antworten). Er bleibt unbedingt treu (auch wenn wir untreu werden). Er befähigt uns zur Fruchtbarkeit (auch wenn unser Herz steiniger Boden bleibt). Gottes Liebe ist unbedingt, dauerhaft, fruchtbar. Hier ist das Urbild. Geschlechtliche Liebe ist als Abbild dieser göttlichen Liebe erdacht. Darum ist sie Sakrament, heiliges Zeichen (Epheser 5, 32), und darum erhält menschliche Sexualität von hier aus ihre wirkliche Bedeutung, ihren Maßstab, ihren Sinn. Von dieser christlichen Sicht der Sexualität ist in dem Handlungstext nicht einmal andeutungsweise die Rede.

Handlungstext „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“

Notwendig sei, so der Text, eine grundlegende theologische „Auseinandersetzung mit Geschlechtervielfalt“. Die individuelle Entwicklungsgeschichte jedes Menschen und der je verschiedene Konzentrationswert weiblicher und männlicher Sexualhormone führe zu einem „hormonellen Geschlecht“, das nicht „strikt männlich oder weiblich“ festlegbar sei. Vielmehr präge es „sich auf einer gleitenden Skala aus, bei der der individuelle Status auch zwischen beiden Polen liegen kann.“ Darum sei das biopolare Geschlechterbild der kirchlichen Lehre fragwürdig.

Die deutschen Bischöfe werden aufgefordert, den Geschlechtseintrag im Taufbuch flexibel zu gestalten, die Beziehungsformen von transgeschlechtlichen Personen zu segnen. Zu klären sei, wie ihnen der Zugang zu kirchlichen Gemeinschaften ermöglicht werden kann. Der Papst in Gemeinschaft mit dem Bischofskollegium soll die „normativ naturrechtspositivistische Geschlechteranthropologie“ (sic!) der kirchlichen Lehre auf den Prüfstand stellen. Der „Zugang zu den kirchlichen Weiheämtern (…) für inter- und transgeschlechtliche Getaufte und Gefirmte (…) [ist] in jedem Einzelfall zu prüfen“.

Berufen zur neuen Schöpfung in Christus

Der Handlungstext wirbt für Sensibilität gegenüber intergeschlechtlichen und transgeschlechtlichen Personen, die ihren eigenen Leibbezug als spannungsreich erfahren. Ohne Zweifel bildet die bedingungslose Annahme jedes Menschen eine Grundkonstante des christlichen Glaubens. Trotzdem liegt hier noch nicht der spezifische Punkt der Frohbotschaft. Jesus begnügt sich nicht damit, den Menschen in seiner verletzlichen (und oft verletzten) Identität zu bestätigen, sondern stellt ihm eine neue Identität in Aussicht. Der „alte Mensch“ wird abgelegt, erneuert, geheilt und geheiligt. Frohbotschaft besteht nicht in der Affirmation des Faktischen („Du bist gut, wie du bist“), sondern in der visionären Zusage einer neuen, gnadenhaften Identität:

Christsein bedeutet „das Hineinwachsen in eine spezifische, eine neue Identität (…). Nach Jesus sind wir berufen, neu geboren zu werden oder mit Paulus, neue Schöpfung in Christus zu sein. Und was eine solche existenzielle christliche Identitätserfahrung mit alledem macht, was dann auch noch beiträgt zur Identitätsfindung von Menschen, ist meines Erachtens auch im vorliegenden Text noch nicht einmal angedacht.“ (Statement von Bischof Oster während der fünften Synodalversammlung) Hier läge für einen kirchlichen Handlungstext zum Thema Gender die eigentliche Aufgabe und besondere Chance. Die bloße Affirmation von Verständnis für das „Unbehagen der Geschlechter“ (Judith Butler), wie im vorliegenden Text formuliert, ist das traurige Gegenteil.

Handlungstext „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“

Bisher hat die Kirche von ihren pastoralen Mitarbeitern die Anerkennung der katholischen Glaubens- und Sittenlehre erwartet, auch im persönlichen Leben. Dieser „personenorientierte Ansatz“ soll einem „institutionenorientierten Ansatz“ weichen. Die Entwicklung des kirchlichen Profils obliege der Institution, die persönliche Überzeugung der Mitarbeiter sei zweitrangig. Wer die Ausrichtung der Institution grundsätzlich bejaht, kann – unabhängig von Fragen des Privatlebens – im pastoralen Dienst tätig bleiben. Die Wirksamkeit der Kirche sei nicht abhängig von der persönlichen Lebensführung der Mitarbeiter, sondern vom Profil der Institution als solcher.

Der Handlungstext erweckt den Eindruck einer „Notklausel“ für den Fall, dass die Änderung der Sexualmoral misslingt. Denn würde die Kirche sämtliche Beziehungsformen gutheißen, bestünde wohl kein Grund, das persönliche Zeugnis als zweitrangig für die Verkündigung abzuwerten und den „personenorientierten Ansatz“ aufzugeben – der übrigens von der Würzburger Synode unter dem Schlagwort „personales Angebot“ (vor „Sachangebot“) vehement gefordert wurde.

Eine tendenziell doketische Sexualmoral

Das Profil einer kirchlichen Institution einerseits und das Zeugnis der persönlichen Lebensführung der Mitarbeiter anderseits lassen sich nicht sinnvoll trennen. Nicht ganz aus der Luft gegriffen erscheint der Hinweis, dass es genau diese fatale Trennung von institutioneller Glaubwürdigkeit und persönlichem Verhalten von Mitarbeitern war (wenngleich unter völlig anderen Vorzeichen), die den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche erst möglich gemacht hat. Als „Doketismus“ wird die christologische Irrlehre bezeichnet, die Jesus nur einen (Schein)Leib zuerkennt, der seine eigentliche Person nicht berührt und dessen Akte ihm äußerlich bleiben.

Die Texte des Synodalforums IV sind geprägt von einer solchen doketistischen Unterbewertung des Leibes und seiner Geschlechtlichkeit, verstanden als frei gestaltbarer Rohstoff, ohne intrinsische Bedeutung für die Person, an sich „sinn-los“, beliebig benutzbar, mal zur Identitätsfindung, Beziehungspflege, Fruchtbarkeit… oder auch nicht.  Die christliche Sichtweise von Leiblichkeit als dem natürlichen Ausdruck der Person und Abbild der göttlichen Liebe (Sakrament) spielt bei dieser doketischen Perspektive keine Rolle mehr. So stellt sich die Frage: Warum soll das noch christliche Sexualmoral sein?

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