Gescheiterter Grundtext

Ein Wink des Heiligen Geistes?

Zum Auftakt der Vierten Synodalversammlung wurden Hoffnungen zerstört – und die kirchliche Sexuallehre gerettet. Eindrücke der Synodalen Dorothea Schmidt.
Vierte Synodalversammlung des Synodalen Weges
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Die ganze Situation stellte uns vor allem eines vor Augen. Wir haben an unserem Verständnis von Synodalität doch noch zu arbeiten.

Was war das? Es war wie das leise Grollen einer Lawine, die sich ankündigt — man wartet gespannt — und mit einem Schlag die Welt in tiefe Stille hüllt. Nur wurden in dem Fall allein Hoffnungen zerstört – und die kirchliche Sexuallehre gerettet. Für alle völlig unerwartet hat der Grundtext "Leben in gelingende Beziehungen - Grundlinien einer erneuerten Sexualethik", über den auf der Vierten Synodalversammlung abgestimmt wurde, die nötige bischöfliche Mehrheit nicht erhalten. Fassungslos verstummte die versammelte Mannschaft. Ungläubiges Schweigen erfüllte den Saal. 

Christliche Anthropologie versus Diversity 

Eben noch hatte reges Treiben und Plauschen das Frankfurter Kongresszentrum und dessen Vorplatz erfüllt. Synodale drängten sich zur Anmeldung, plauderten, begrüßten sich. Die Dame hinter dem Tresen hatte mir schon fröhlich lächelnd mit dem Kuvert zugewunken, in dem Badge und Abstimmungsgerät zu finden sind — man kennt sich. Zu Beginn der Versammlung schenkten wir an diesem Festtag Maria Geburt der Muttergottes erstmals auf einer Synodalversammlung einige Minuten Aufmerksamkeit und stimmten ihr zu Ehren das Magnifikat an, bevor wir uns in den bekannten Ablauf aus Wortbeiträgen und Abstimmungen stürzten.

Lesen Sie auch:

Und dann, auf einmal, schien die Zeit für einen Moment still zu stehen. Ich brauchte einige Minuten bis ich begriff und glaubte, was passiert war: Der Synodaltext zur neuen Sexualethik war wirklich aus dem Rennen.

Für mich war das ein Wunder, für das ich dankbar war, denn der Text demontiert in meinen Augen die kirchliche Sexuallehre, verabschiedet sich von der christlichen Anthropologie und leugnet die Biologie: Nach Diversity-Regeln sollte auch die Sexualmoral umgestaltet werden. Für die Mehrheit der Synodalen war die Ablehnung des Textes allerdings eine Katastrophe. Und so legte sich beinahe fühlbar ein Schleier der Lethargie über den Raum.
Dann bewegten sich langsam zwei Menschentrauben in die Mitte des Saals und begannen eine Demo. „Wir sind sauer“, skandierten einige Synodale. Eine von ihnen stellte sich in die Mitte und hielt ein Banner hoch: „Kein Raum für Menschenfeindlichkeit“. 

Tränen der Enttäuschung

Das ist es, was denen vorgeworfen wird, die sich für die kirchliche Sexualmoral einsetzen. Die Befürworter des Textes hatten in dem Text und der Umsetzung von dessen Forderungen ein Ende von Diskriminierung gesehen. Von dieser Warte aus ist es verständlich, wenn Tränen fließen vor Enttäuschung, dass der Text abgelehnt worden und die Sache mit der neuen Sexualmoral vom Tisch war. 

Es hagelte aber auch Vorwürfe, Druck wurde aufgebaut: Stunden Arbeit seien umsonst gewesen. Bischöfe hätten sich vorher öffentlich positionieren sollen. Dann hätte man gewusst, wo sie stehen und welche Chancen der Text hatte, um durchgewunken zu werden. Gegen den Text zu stimmen, wurde mit „menschenfeindlich“ etikettiert. 

Der Passauer Bischof Stefan Oster wehrte sich dagegen, erntetet dafür aber ein polemisches „Oooooh“. Solche Reaktionen und Attacken sind übrigens der Grund für das Schweigen vieler Hirten, wie einige von ihnen es auch sagten. Dafür kassierten sie wiederum Polemik.

Die ganze Situation stellte uns vor allem eines vor Augen. Wir haben an unserem Verständnis von Synodalität doch noch zu arbeiten. Böse Reaktionen und Kommentare auf Beiträge aus der Minderheitenfraktion sprechen eine deutliche Sprache.

Synodaler Scherbenhaufen

Auch ich hatte gestern wieder die „Ehre“: Der BDKJ -Bundesvorsitzende Gregor Podschun griff mich an, weil ich eine Aussage zu den sozialwissenschaftlich nicht belegten systemischen Ursachen gewagt habe. Dieser „wissenschaftliche Quatsch ist keinen Kommentar wert“, sagte er – und bekam diesmal von jemandem aus der Runde einen Rüffel dafür. Podschun hat sich später öffentlich entschuldigt. Das habe ich nicht erwartet. Danke dafür.

Jedenfalls standen wir nun vor einem synodalen Scherbenhaufen. Wo fängt man an zu kehren? Oder zusammenzukleben? Die kleine Demonstration im Saal kann jedenfalls nicht der richtige Weg sein. Ich zumindest konnte das Schauspiel, auf das die Medien sich gleich stürzten, nicht nachvollziehen. Zwar verstehe ich, dass manche enttäuscht sind. Aber auf die Barrikaden zu gehen, wenn eine Abstimmung einem gegen den Strich geht? Synodalität hört doch nicht auf, wenn einem eine Abstimmung nicht gefällt. 

Lesen Sie auch:

Mir geht es seit zweit Jahren ständig so, dass ich mit den Abstimmungen nicht zufrieden bin, weil die Texte für mich vielfach von einer Selbstdemontage der Kirche zeugen. Während die andere „Fraktion“ übrigens das glatte Gegenteil darin sieht.

Hier prallen ganz offensichtlich zwei Glaubensauffassungen aufeinander, die nicht zusammenzubringen sind. Das sollte uns zu denken geben. Der Heilige Geist schenkt Einheit. Wir erleben Spaltung. Gestern wurde sie so richtig offenbar. 

Das letzte Wort spricht Gott

Langsam scheint sich immerhin bei einigen Synodalen die Erkenntnis Bahn zu brechen, dass unser Umgang miteinander oft alles andere als freundlich und synodal ist. Sogar der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck überraschte mit der Bemerkung, es brauche mehr Raum für Pro und Contra zu gewissen Argumenten, und die Niederlage könne auch ein Wink des Heiligen Geistes sein.

Und der Priester Eberhard Tiefensee dachte offenbar sogar grundsätzlich über den Synodalen Weg nach. Er zitierte aus der Apostelgeschichte, wo es heißt: „Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen.“

Dass es nun zu einer Korrektur und Neupositionierung des Synodalen Weges kommen wird, bezweifle ich dennoch. Aber die Kirche ist schon durch ganz andere Täler marschiert. Und am Ende hat doch immer Gott selbst das letzte Wort!

Lesen Sie ausführliche Hintergründe, Berichte und Analysen zur vierten Synodalversammlung in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

Weitere Artikel
Die LGBT-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der Katholischen Kirche“ wird mit der Auszeichnung der Deutschen Bischofskonferenz geehrt. 
16.08.2022, 17  Uhr
Meldung
Das Gebet ist den Gläubigen heute wichtiger denn je. Doch erfährt, wer das Beten nie gelernt hat, worum es Christen dabei geht? Bischof Stefan Oster über das Gespräch mit dem Herrn.
13.08.2022, 09  Uhr
Regina Einig
Themen & Autoren
Dorothea Schmidt Bischof Oster Bischof Overbeck Bischöfe Bund der Deutschen Katholischen Jugend Franz-Josef Overbeck Heiliger Geist Rettung Stefan Oster

Kirche

Wie ich beim Sommerfest der KISI — God? singing Kids – im österreichischen Altmünster Christus begegnete
26.09.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Der Pfarrer ist mehr als ein Verwalter – Liebeserklärung an einen unterschätzten Beruf.
25.09.2022, 15 Uhr
François Dedieu
Wenn der Osnabrücker Bischof nicht die Konsequenzen aus dem Zwischenbericht zum Missbrauch zieht, diskreditiert er den ganzen Synodalen Weg.
23.09.2022, 11 Uhr
Guido Horst