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Kant und seine theologischen Nichtversteher

Der Aufklärungsphilosoph ist zum Liebling liberaler Theologen avanciert – zu Unrecht. Zeit für eine Richtigstellung.
Immanuel Kant hat abendländische Philosophie revolutioniert
Foto: Irina Borsuchenko (316931582)

Immanuel Kant hat die abendländische Philosophie revolutioniert. Darüber dürfte es, egal ob man die kantische Wende nun für eine gute oder schlechte Entwicklung hält, kaum Streit geben. So ist das Wort vom „alles zermalmenden Kant“, welches der jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn geprägt hat, durchaus zutreffend. Denn die Philosophie Kants trat an, um sowohl die traditionelle Metaphysik als auch die üblichen Begründungen der Ethik in ihren Grundlagen zu erschüttern.

Weder „Alleszermalmer“ noch „Alleserlauber“

Diese Grundlagen lagen nicht nur für die Theologie, sondern auch für die Philosophie jahrhundertelang im Bereich des Nicht-Sinnlichen, ja Übernatürlichen, und zwar letztlich in Gott. Gottes Existenz selbst galt als ein Gegenstand philosophischer Erkenntnis. Noch bei René Descartes, der aufgrund seines Satzes „Ich denke, also bin ich“ gerne für den Begründer der modernen subjektzentrierten Philosophie gehalten wird, wird die Möglichkeit sicheren Wissens über Beweise der Existenz Gottes abgesichert. Kant hingegen argumentierte in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ schonungslos gegen die Möglichkeit einer rationalen Gotteserkenntnis. Jede Erkenntnis bedürfe, zumindest indirekt, auch einer sinnlich-anschaulichen Komponente, und dies sei bei einem transzendenten Gott von Haus aus nicht gegeben. 

Auch in der Ethik verrückte Kant den Fokus von Gott hin zum Menschen. Moralische Pflichten gründen ihm zufolge nicht in göttlichen Befehlen, sondern in der Selbstgesetzgebung der menschlichen Vernunft. Es ist auch diese moralische Selbstgesetzgebungskompetenz des Menschen, die nach Kant seine Würde begründet. Moral und Autonomie fallen bei Kant letztlich zusammen.

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Angesichts dieser Charakterisierung des „Alleszermalmers“ ist es höchst erstaunlich, dass er unter den deutschen Theologen unserer Zeit zu einem positiven Fixpunkt ihres Denkens, ja zu einer Art Säulenheiligen geworden ist. Ein paar Beispiele: Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz kritisierte das erst kürzlich erschienene Vatikan-Dokument zur Menschenwürde, „Dignitas infinita“, dafür, dass darin „von einer Autonomie-Würde im neuzeitlichen Sinne“ keine Rede sei, und bezog sich damit implizit auf keinen geringeren als Kant. Auch die Theologin Saskia Wendel berief sich in ihrem Buch „In Freiheit glauben“ (Regensburg 2020) wesentlich auf Kants Autonomiebegriff.

Und schließlich sei noch Magnus Striet erwähnt: Der Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg bestreitet, dass es möglich sei, Gottes Existenz zu erkennen und stellt sich mit dieser Ansicht ausdrücklich in die Tradition Kants. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk antwortete Striet auf die Nachfrage, ob seine Position nicht relativistisch sei, forsch: „Das ist kein Relativismus, das ist Kant.“ Zudem wird Kants autonomiebasierte Ethik von seinen heutigen theologischen Anhängern besonders gerne angeführt, wenn es um Sexualität geht. Die vermeintlich altbackene und rigorose katholische Sexualmoral soll endlich abgewickelt und durch eine „selbstbestimmte Sexualität“ (Stephan Goertz) ersetzt werden; der Mief des Lehramts soll dem frischen Wind der Aufklärung weichen.

Wider den Schmalspur-Kant

Nun gäbe es einiges zu schreiben über die Gründe, weshalb Kants Kritik an der rationalen Gotteserkenntnis fehlgeht und warum seine Konzeption einer autonomen Moral letztlich doch keine Basis für objektiv verbindliche Plichten liefert. Angesichts seines 300. Geburtstags scheint es jedoch angebrachter, ihm einmal beizuspringen – und ihn gegen seine theologischen Bewunderer zu verteidigen. Denn gerade die Kant-Fans unter den deutschen Theologen haben, wie der Philosoph Pater Engelbert Recktenwald in der Vergangenheit mehrfach erörtert hat, eine Schmalspurversion des Aufklärers konstruiert und sich zu eigen gemacht, die diesem alles andere als zur Ehre gereicht.

Beginnen wir mit Gott. Bei aller Kritik, die Kant an den klassischen Gottesbeweisen übt, nimmt Gott doch eine zentrale Rolle in seinem philosophischen System ein. Auf keinen Fall ist Gott für Kant ein bloßes „Sehnsuchtswort“, wie es Magnus Striet für sich formuliert hat. Vielmehr ist Gott im Rahmen von Kants Philosophie ein „Postulat“ der praktischen Vernunft. Das heißt: Wir können nach Kant Gott zwar nicht im strengen Sinne des Wortes erkennen, aber seine Existenz ist für uns als moralische Wesen eine unumgängliche Denknotwendigkeit. Die Gründe dafür haben mit der Trennung von Moral und Glück in der kantischen Ethik zu tun.

Moralisch zu handeln, bedeutet für Kant, den von der Vernunft vorgeschriebenen Pflichten gerecht zu werden. Ob ein Grundsatz, den ein Mensch seinem Handeln zugrunde legt, pflichtgemäß oder pflichtwidrig ist, hängt allein davon ab, ob sich der fragliche Grundsatz widerspruchsfrei verallgemeinern lässt. So ist es nach Kant etwa unter jeglichen Umständen moralisch verboten, zu lügen. Denn wäre die Lüge ein universell praktiziertes Prinzip, würde niemand die Aussagen des anderen für wahr halten. Aber wo nicht einmal der Schein der Wahrheit aufrechterhalten werden kann, kann auch nicht gelogen werden. Der Grundsatz zu lügen, zerstört also, wenn er verallgemeinert wird, seine eigene Existenzgrundlage. Allein deswegen ist die Lüge nach Kant moralisch verboten. Nutzen oder Nachteile für sich oder andere spielen, selbst wenn sie substantieller Art sind, dagegen keine Rolle. Der Verbrecher mag sich seines Lebens freuen, der Gerechte leiden, ja die ganze Welt kann untergehen – für moralische Erwägungen sind all diese Gesichtspunkte aus kantischer Sicht belanglos.

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Nach Kant stehen wir daher vor dem Problem, dass im Diesseits alles andere als gesichert ist, dass ein moralischer Mensch auch ein glücklicher Mensch ist. Diese Tatsache wiederum stellt eine schmerzhafte Ungerechtigkeit dar. Wir können nun gar nicht anders, als die Forderung aufzustellen, dass die Glückseligkeit, die einem Menschen zuteilwird, seiner moralischen Güte entsprechen sollte. Um eine solche Übereinstimmung von Glück und moralischer Glückswürdigkeit zu gewährleisten, muss es aber nicht nur ein Leben nach dem Tod geben, sondern vor allem auch einen gerechten Gott, der am Ende jedem das Seine zukommen lässt. So finden wir beim angeblichen Metaphysikerschreck Kant am Ende doch eine Art Gottesbeweis, wenn auch „nur“ einen moralischen: Ohne Gott gäbe es im ethischen Denken des Menschen eine Leerstelle, die sein gesamtes moralisches Empfinden und Handeln zu destabilisieren drohte. Eben daher ist der Glaube an Gott für Kant nicht bloß Ausdruck einer „Sehnsucht“, sondern ein Erfordernis der Vernunft.

Kants Sexualmoral hat es in sich

Was wiederum die Anwendung der kantischen Autonomie-Moral auf den Bereich der Sexualität betrifft, so dürften nicht wenige der liberalen Theologen, die Kants Namen so gerne im Munde führen, bei einem genaueren Blick in seine Werke überrascht werden. Hier ist keine Spur von der Liberalisierung wider alle natürlichen Zweckmäßigkeiten, wie sie beispielsweise auf dem Synodalen Weg immer wieder gefordert worden ist. Man lese nur einmal, was Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“ über die Selbstbefriedigung – oder „wollüstige Selbstschändung“, wie er sie ungeschönt nennt – schreibt: „So wie die Liebe zum Leben von der Natur zur Erhaltung der Person, so ist die Liebe zum Geschlecht von ihr zur Erhaltung der Art bestimmt.“

Dieser Satz allein dürfte liberalen Moraltheologen schwer missfallen. Kant geht aber noch weiter: Denn in der Konsequenz ist Selbstbefriedigung für ihn nichts anderes als „der naturwidrige Gebrauch (also Missbrauch) seiner Geschlechtseigenschaft“. Das eigentlich moralische Problem liegt für Kant allerdings tiefer als auf der Ebene natürlicher Zweckmäßigkeiten: In der Selbstbefriedigung degradiere sich der Mensch selbst zu einem bloßen Mittel der Lustgewinnung. Man darf nach Kant aber keinen Menschen, nicht einmal sich selbst, als ein Instrument zur Befriedigung der eigenen Neigungen herabwürdigen. Denn Menschen sind als autonome Vernunftwesen nicht bloße Mittel, sondern Zwecke an sich: Sie sind Personen mit einer unveräußerlichen Würde.

Die Reihe derartiger Beispiele, in denen Kant näher bei der katholischen Sittenlehre als bei seinen liberalen theologischen Fürsprechern ist, ließe sich fortsetzen. Die Pointe müsste aber bereits deutlich geworden sein: Wer die Sexualmoral der katholischen Kirche loswerden oder auch die Notwendigkeit des Menschen, sich auf Gott zu beziehen, aufweichen möchte, der muss sich nach einem anderen Gewährsmann als Immanuel Kant umsehen.

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