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Synodaler Weg verabschiedet sich von biblischer Zweigeschlechtlichkeit

Mit großer Mehrheit stimmen die Synodalen für den Handlungstext „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“. Auch die Bischöfe sind deutlich dafür.
Synodale Weg hat beschlossen, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt umfassend anzuerkennen
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L)

Der Synodale Weg hat beschlossen, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt umfassend anzuerkennen. Zum Auftakt des letzten Tages der fünften Vollversammlung stimmten 170 Synodale (95,51 Prozent) in zweiter Lesung für den Handlungstext „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“. Acht Mitglieder der Synodalversammlung (4,49 Prozent) stimmten dagegen, 19 enthielten sich. Die Abstimmung erfolgte auf Antrag des BDKJ-Bundesvorsitzenden Gregor Podschun namentlich.

Von den Bischöfe stimmten 38 (84,44 Prozent) für den Text, sieben (15,56 Prozent) stimmten dagegen. 13 Bischöfe enthielten sich. Die benötigte Zweidrittelmehrheit der Bischöfe wurde somit deutlich erreicht.

Oster: Text noch nicht zustimmungsfähig

Der Theologe und Sozialethiker Andreas Lob-Hüdepohl erklärte bei der Vorstellung des Textes: „Wir stehen mit unserem Handlungstext keinesfalls allein – weder humanwissenschaftlich, noch weltkirchlich.“ Dies sollte ermutigen, „diese Impulse als Kirche aufzugreifen und auch in unsere Gesellschaft hineinzuspiegeln als einen substanziellen Beitrag in einer auch gesellschaftlich hoch umstrittenen Diskussion“. Lob-Hüdepohl plädierte für einen „achtsam-anerkennenden Umgang mit der geschlechtlichen Vielfalt Gottes guter Schöpfung“.

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Der Passauer Bischöfe Stefan Oster betonte in der Aussprache, die der Abstimmung vorangegangen war, er halte den Handlungstext noch nicht für zustimmungsfähig. Es stehe außer Frage, dass die Kirche in vielen Fragen rund um geschlechtliche Identität von Menschen „riesigen Nachholbedarf“ habe. „Auch und besonders im achtsamen Gehen mit Menschen, die sich hier nicht verstanden oder ausgegrenzt fühlen“, so Oster. Auf der Basis der überlieferten Anthropologie befinde man sich beim Verstehen der genannten Phänomene jedoch erst am Anfang. „Wir sprechen beispielsweise wie von selbst vom Begriff Identität, als würden wir alle schon verstehen, was wir damit meinen“, so der Passauer Bischöfe. „Wir fügen im Grunde dann so gut wie nie hinzu, dass gerade unser Christsein das Hineinwachsen in eine spezifische, in eine neue Identität bedeutet.“ Was eine existenzielle christliche Identitätserfahrung mit alledem mache, „was auch noch beiträgt zur Identitätsfindung von Menschen, ist meines Erachtens auch im vorliegenden Text noch nicht einmal angedacht worden“.

Text beruht "praktisch komplett auf der Gendertheorie"

Der Münsteraner Weihbischof Stefan Zekorn erklärte, er könne einer Reihe von Punkten aus dem Handlungstext zustimmen, „aber ich kann nicht einem Text zustimmen, der praktisch komplett auf der Gendertheorie beruht“. Zekorn betonte, dem Robert-Koch-Institut zufolge seien bei 99,38 Prozent der Bevölkerung Geburtsgeschlecht und aktuelle Geschlechtszuordnung identisch. Von den Geschlechtsvarianten „männlich“ und „weiblich“ zu sprechen, wie es dieser und andere Texte des Synodalen Wegs täten, „ist daher meines Erachtens nach falsch. 99,38 Prozent der Bevölkerung sind keine Varianten“, so Zekorn. Jedoch müsse man als Gesellschaft und als Kirche „alles tun, dass inter- und transgeschlechtliche Personen ihre Persönlichkeit frei entfalten und ihr Leben gut und ohne Diskriminierung gestalten können“.

Dieser: "Ringen muss weitergehen"

Der Aachener Bischöfe Helmut Dieser lobte die Debattenkultur der Synodalversammlung und betonte: „Das Ringen muss weitergehen.“ Das Schlimme sei, „wenn man erkennt, dass jemand sich überhaupt nicht beteiligt am Ringen um das Gemeinsame“. Dieser betonte, man müsse weiter  „aufeinander hören und zugehen, gerade in einem solchen Text, der elementar das Glück oder das Leid von Menschen betrifft“. Daher werbe er „sehr eindrücklich“ für die Annahme des Textes, auch mit Änderungsanträgen.

Auch die Medizinethikerin Christiane Woopen betonte in ihrer Wortmeldung, sie werde dem Text zustimmen. Es sei ihr ein Anliegen, zum Ausdruck zu bringen, „dass ich als große Unterstützerin dieses Textes großes Verständnis für all diejenigen habe, die damit Schwierigkeiten haben“. Als Mitglied des Deutschen Ethikrates sei sie an einer Stellungnahme zur sexuellen Identität beteiligt gewesen. „Aus dem Medizinstudium kommend ging auch ich mit diesem tiefen Vergewisserungsmuster da rein, dass es auf dieser Welt Männer und Frauen gibt.“ Durch die Auseinandersetzung, intensive Studien und den Dialog mit vielfältigen Menschen sei ihr klar geworden, „dass das eine falsche Selbstvergewisserung ist“, so Woopen. Geschlechtlichkeit sei „ein so tiefes Element dessen, wie diese Menschen sich in die Welt gestellt sehen, wie sie zu sich selbst stehen, wie sie zu anderen Menschen stehen und wie sie zu Gott stehen“. Somit bestehe ein „tiefer, existenzieller Bezug zur Würde des Menschen“. Woopen wörtlich: „Diese Würde entzieht sich jeder Quantifizierung. Wie viele es davon gibt, ist irrelevant. Wir alle sind Varianten dessen, was Gott gemeint hat.“ 

Bruch mit biblisch begründeter Zweigeschlechtlichkeit

Der nun in zweiter Lesung endgültig beschlossene Handlungstext „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“ fordert die umfassende Anerkennung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt und einen Bruch mit der biblisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit. Die aktuelle „naturrechtspositivistische“ christliche Anthropologie, wie sie geltenden kirchlichen Texten zugrunde liegt, legitimiere und befördere „Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung, vor denen die Kirche eigentlich zu schützen hätte. Stattdessen weisen die Lehre und das Recht der Kirche trans- und intergeschlechtlichen Personen nach wie vor höchst prekäre und verletzliche Positionen zu“, argumentiert der Beschlusstext. Die Synodalversammlung spricht daher eine Reihe von Empfehlungen an die Bischöfe aus, zu der unter anderem der Einsatz von „LSBTI*-Beauftragten“ in allen Diözesen gehört, die über eine „von Akzeptanz geprägte geistliche Begleitung für trans- und intergeschlechtliche Gläubige“ wachen sollen. Transgeschlechtliche Gläubige sollen unbürokratisch ihren Geschlechtseintrag im Taufregister ändern lassen können.

„Die Feststellung des Zustands der äußeren Geschlechtsmerkmale ist dort, wo sie im Zuge der Annahme eines Mannes als Priesteramtsanwärter noch Praxis sein sollte, abzuschaffen“, fordert der Text außerdem. Passend dazu fordert die Synodalversammlung vom Papst: „Der Zugang zu den kirchlichen Weiheämtern und pastoralen Berufen muss auch für inter- und transgeschlechtliche Getaufte und Gefirmte, die eine Berufung für sich spüren, im jeweiligen Einzelfall geprüft werden und darf nicht pauschal ausgeschlossen werden. Außerdem empfiehlt die Synodalversammlung dem Heiligen Vater, die „normativ naturrechtspositivistische Geschlechteranthropologie und ihre Legitimation durch Rekurs auf biblische Schöpfungstexte“ mit den Erkenntnissen moderner Bibelwissenschaft und Theologie zu überprüfen.

Der zugehörige Grundtext des Synodalforums zu Sexualmoral „Leben in gelingenden Beziehungen – Grundlinien einer erneuerten Sexualethik“ hatte in der letzten Synodalversammlung im September 2022 die notwendige Bischöfe Zweidrittelmehrheit verfehlt. Mehrere Bischöfe hatten ihre Ablehnung damit begründet, dass der Grundtext mit dem christlichen Menschenbild breche und sich von dem Glauben der katholischen Kirche entferne.  DT/mlu/fha

 

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost umfassende Berichte, Hintergründe und Meinungen zur fünften Vollversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt.

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