Welt&Kirche

Der Mensch nach Gottes Bild

Jenseits des anthropologischen Nihilismus.
Gendern im Zeitalter des Transhumanismus „Jede/r  ist seines/ihres Körpers Designer/in“.
Foto: Adobe stock | Hieß es einmal in der Blütezeit selbstbewussten Bürgertum „Jeder ist seines Glückes Schmied“, so gendert es im Zeitalter des Transhumanismus „Jede/r ist seines/ihres Körpers Designer/in“.

Nietzsche verkündete den Übermenschen. Was kam, war der Unmensch des 20. Jahrhunderts, der über die zertrümmerte christliche Moral und gewaltige Leichenberge zum selbstgemachten Paradies aufsteigen wollte. Wenn der Mensch nicht mehr das Geschöpf sein darf nach dem Bild und Gleichnis des dreieinigen Gottes, dann versinkt er im Malstrom des anthropologischen Nihilismus, der zwangsläufig aus der Leugnung der Existenz Gottes und seines unbedingten Heilswillens folgt.

Die Ideologen der Moderne fallen bei all ihrem Vernunftstolz ins blinde Heidentum zurück. Sie kennen den Menschen nur als eine Laune der Götter, als Zufall der mit sich spielenden Naturelemente, als  komplexeren Organismus der Evolution oder als Produkt der Gesellschaft oder Angebot aus dem Warenkatalog. Statt des allumfassenden und alles durchdringenden Logos Gottes, der sich in seinem Wort und Geist  dem erwählten Volk  Israel und der Kirche  Christi als Schöpfer der Welt und Retter aller Menschen selbst bezeugt und mitteilt, ist es dann die fehleranfällige und interessengeleitete Vernunft des endlichen Menschen, die sich selbstbewusst einen Sinn gibt und sich Ziele seines Willens zur Macht setzt. Der Mensch ist dann nicht mehr wie zu Beginn der Neuzeit mit ihrem anthropologischen Dualismus von Geist und Körper lediglich „Meister und Besitzer der Natur“ (Descartes), sondern auch ideologisch der Schöpfer seines geistigen Selbst, das sich existentialistisch-emanzipatorisch aus dem Nichts zu einem (selbst entworfenenen, aber nur scheinbaren) Sein emporarbeitet (Sartre).

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Das Ich in seinem von Gott verfügtem Selbststand löst sich lebensgeschichtlich auf in nicht mehr zu integrierende Selbst-Erfahrungen und emanzipierte Selbst-Bestimmungen, die ohne Grund wie Wasserblüten in allen Farben auf der Oberfläche forttreiben, ohne je Wurzel zu fassen.
Dann ist aber auch mein Körper nicht mehr mein Ich in seinem materiellen Möglichkeitsgrund, sondern mit mir nur akzidentell verbunden wie ein Kleid, das sich umschneidern lässt und dem es einen je neuen Look zu verpassen gilt. Hieß es einmal in der Blütezeit  selbstbewussten Bürgertum „Jeder ist seines Glückes Schmied“, so gendert es im Zeitalter des Transhumanismus „Jede/r  ist seines/ihres Körpers Designer/in“.

Der suizidale Nihilismus kehrt zurück

Der Posthumanismus ist identisch mit dem klassischen Antihumanismus der atheistischen Ideologien, nur geschickter getarnt und besser verkauft. Mit ihm erlebt der de-christianisierte „Westen“ die „Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche), nämlich seines suizidalen Nihilismus. Wenn Nietzsches Satz „Gott ist tot“ das Bewusstsein der Welt von heute widerspiegelt, dann ist klar, dass unter den Vorzeichen dieses Nihilismus „ihre Entfaltung nur noch Weltkatastrophen zur Folge haben kann.“ (M. Heidegger,  Nietzsches Wort „Gott ist tot“: ders., Holzwege, Frankfurt a.M. 1972, 201)
Der anthropologische Nihilismus hat als Vater den Stolz des Geschöpfs, das sein will wie Gott und den Unterschied zwischen Gut und Böse, Wahr und Falsch selbst setzten will, und als Leih-Mutter die Torheit, die die „Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes“ vertauscht mit selbstgemachten ideologischen Bildern (vgl. Röm 1,  20-32).

Wer aber die Wahrheit Gottes mit der Lüge verwechselt und statt des Schöpfers das Werk seiner Hände und Gedanken anbetet, der entehrt sich selbst in seinem Geist und Leib, der wird sich in seiner Selbstreduktion auf ein Lustsubjekt selbst zur Strafe in seiner geistig und leiblich unfruchtbaren Existenz, weil er nicht begreifen will, dass Gott den Mann für die Frau und die Frau für den Mann geschaffen hat (1 Kor 11, 11f).

Die freie Wahl des Geschlechtes ist Fiktion

Der anthropologische Nihilismus ist sowohl in seiner politischen Gestalt als auch im ideologisch-emanzipatorischen Pathos der Woke-Kultur signifikant  lebens- und leibfeindlich. Das wird manifest in der Forderung nach der Tötung/Abtreibung der Kinder im Mutterleib als Menschenrecht und dem Gnadentod (Euthanasie) für die lebensunwilligen, die verbrauchten oder nicht mehr zu gebrauchenden Menschen.

Das zeigt sich besonders auch in  der Relativierung der Ehe von Mann und Frau als einer unter beliebig vielen Varianten des orgiastischen Genusses sexueller Befriedigung. Dabei wird  der Bezug auf die Fruchtbarkeit  geleugnet, mit der der Schöpfer Mann und Frau gesegnet hat, dass sie das von ihm geschaffene Leben weitergeben, behüten, fördern und damit so die Ehe in die Gemeinschaft der Familie mündet und in der Folge der Generationen sich der universale Heilswille Gottes realisiert.

Abgesehen von der biologisch einwandfrei bewiesenen Tatsache, dass eine wirkliche Geschlechtsumwandlung nicht möglich ist, entspringt die Fiktion auf eine  freie Wahl des Geschlechtes einer Negation des Willens Gottes zu unserem Person-Sein, das immer in einer leiblichen Natur männlicher oder weiblicher Ausprägung jedem Einzelnen als Gabe und Auftrag geschenkt ist.

Der Körper ist keine Zwangsjacke

Der Mensch steckt nicht in seinem Körper wie in einer Zwangsjacke. Vielmehr ist der menschliche Leib der Möglichkeitsgrund der lebensgeschichtlichen Selbstverwirklichung einer geschaffenen  Person, insbesondere in der höchsten Form von Freundschaft, die nur in der ehelichen Gemeinschaft  eines Mannes mit seiner Frau erreichbar ist (vgl. Thomas von Aquin, Summa contra gentiles III, cap. 123).

Denn einer und derselbe ist der Schöpfer und Erlöser. Der uns „nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, männlich und weiblich“ (Gen 1, 27), der hat uns auch von Ewigkeit her im „Voraus (zu unserer historischen Existenz in der Zeit und als deren Grund im Sein Gottes) dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborenen unter seinen Brüdern sei.“ (Röm 8,  29).

Schöpfung bedeutet im christlichen Sinn die Einsicht, dass alles, was ist, geworden ist durch den Logos, das Wort, durch das Gott sich ausspricht und in dem sich seine unendliche Vernunft im Sinngrund alles Seienden offenbart.

Die Naturwissenschaften beschränken sich in ihren möglichen Einsichten auf die Strukturen und Funktionen der materiellen Welt, können aber nicht die Erkenntnis in Abrede stellen oder eintrüben, dass die Welt in der Vernunft des Menschen zu sich selbst kommt und sich notwendig übersteigt in die Wahrnehmung der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes in seiner ewigen  Macht und Gottheit (vgl. Röm 1, 20).

Die Kenntnisse, die aus dem Fortschritt der empirischen und  transzendentalen Anthropologien resultieren, können die Wahrheit des Geschaffen-Seins des Menschen nach Gottes Bild und Gleichnis und die Einheit seines Persons-Seins in Leib und Seele niemals in Frage stellen, sondern nur das Geheimnis des Menschen in seiner ganzen Tiefe ein wenig mehr zum Leuchten bringen. Letztlich „klärt sich das Geheimnis des Menschen nur auf im Geheimnis des Fleisch gewordenen Wortes“ (Gaudium et spes 22).

Der Mensch findet sich nur durch Hingabe

So ergibt sich als erster Hauptsatz der christlichen Anthropologie, die jeden nihilistischen Anflug und auch anmaßendes Selbstschöpfertum vertreibt wie die aufgehende Sonne die Schatten der Nacht und den Nebel am Morgen, die natürliche und geoffenbarte Wahrheit: „Der Mensch ist die einzige um ihrer selbst willen von Gott gewollte Kreatur, der sich nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann“ (Gaudium et spes 24), nämlich in der Liebe zu Gott über alles und der Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst. Die Vernunft Gottes in der Schöpfung und Heilsgeschichte ist unüberbietbar. Sie hält nicht die endliche Vernunft der Geschöpfe nieder, sondern erhellt sie wie ein unaustrinkbares Licht. „Das Licht aber, das jeden Menschen  erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1, 9) in Jesus Christus. Er ist das Wort, das Fleisch geworden ist, der Logos Gottes, seines Vaters.

Er offenbart uns die Idee Gottes von uns, die sich in unserer leiblichen und sozialen Natur darstellt, wenn er die vernünftelnden Fallensteller und Sophisten aller Zeiten fragt: „Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie im Anfang männlich und weiblich erschaffen hat“, um darin das Geheimnis der Ehe zu offenbaren: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die Zwei werden ein Fleisch sein.“ (Mt 19, 4).

Es gibt keine  deutlichere Antwort auf die Lüge einer Wahl des Geschlechts nach Belieben oder auf die Theorie von der Homosexualität als Schöpfungsvariante oder auf die blasphemische Erschleichung des göttlichen Segens für die Farce eines Ehe-Spielens von Personen gleichen Geschlechtes. Es braucht keinen größeren theologischen Sachverstand, um einzusehen, dass jede versuchte sogenannte „Geschlechtsumwandlung“ an der Tatsache nichts ändert, dass gültig und erlaubt nur ein Katholik männlichen Geschlechts das Weihesakrament (Bischof, Presbyter, Diakon) empfangen können.

„Der Forderungskatalog des Synodalen Sonderwegs
quillt auf wie ein durchgeweichter Pappkarton“

Der entsprechende Forderungskatalog des Synodalen Sonderwegs  deutscher Bistümer beruht nicht nur auf einem Missverständnis in einzelnen natürlichen und geoffenbarten Wahrheiten, sondern quillt auf wie ein durchgeweichter Pappkarton, weil er die eschatologische und historisch-einmalige und unüberholbare Offenbarung Gottes in Jesus Christus leugnet.

Sensus fidelium: Laien gegen Bischöfe?

All das steht im striktem Gegensatz zum Offenbarungs- und Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanums, das man  in einem seltsamen Anfall von Hybris und Ignoranz  weiterzuentwickeln vorgibt.

Niemand kann die Lehre Christi modernisieren, „denn er selbst hat (bei seiner Menschwerdung) alle Neuheit/Modernität mit sich gebracht, um den Menschen zu erneuern und zu beleben.“ So sagte es der kürzlich von Papst Franziskus zum Kirchenlehrer erklärte Irenäus von Lyon gegen die Gnostiker und Manichäer seiner Zeit (Gegen die Häresien IV 34, 1). Weder das Lehramt noch die Kirche insgesamt können etwas lehren, das über das Wort Gottes hinausgeht, es verbessert oder uminterpretieren will  (Dei verbum  10).

Papst und Bischöfe empfangen bei aller Autorität, den Glauben zu bewahren und treu auszulegen, in keinem Fall „eine neue öffentliche Offenbarung als Teil der göttlichen Glaubenshinterlage/depositum fidei “ (Lumen gentium 25).

Den Glaubenssinn des gesamten Gottesvolkes legen die Texte der Frankfurter Synodalen völlig sinnwidrig aus, wenn sie ihn als  Filter verstehen, durch die eine Mehrheit bisher abgelehnte Irrlehren als  neue Erleuchtungen  durch den Heiligen Geist durchrinnen lässt und das dem ahnungslosen Publikum als Demokratie in der Kirche verkauft.

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Es geht vielmehr um den übernatürlichen Sinn des gesamten Gottesvolkes (und keineswegs der Laien im Gegensatz zu den Bischöfen), in dem sich die Unfehlbarkeit der Kirche in der Erkenntnis und Bewahrung der ein für allemal in Christus ergangenen Offenbarung Gottes ausdrückt.

„Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird, hält das Gottesvolk unter der Leitung des Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes empfängt, den einmal den Heiligen übergebenen Glauben unverlierbar fest: Durch ihn dringt es mit rechtem Urteil immer tiefer in den Glauben ein und wendet ihn im Leben an.“ (Lumen gentium 12).

Der übernatürliche Glaubenssinn  ist alles andere als eine Einflugschneise für die Selbstsäkularisierung der Kirche oder ihre Verweltlichung zu einer Partei, in der ihre Flügel mit dem Willen zur Macht um die Deutungshoheit kämpfen, oder kurz gesagt,  „die Weisheit der Welt über die Weisheit Gottes stellen“ (vgl. 1 Kor 1, 20).

Das wahre Problem, dessen Ausdruck der anthropologischen Nihilismus mit seinem destruktiven Potential ist, besteht darin, dass sogar katholische Bischöfe nicht mehr an die Tatsache der  geschichtlich einmaligen und unüberholbaren Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus glauben.

Orientierung an der Offenbarung

Schöpfung, Alter und Neuer Bund, Inkarnation,  der Kreuzestod Jesu als sein Opfer für die Versöhnung der Menschen mit Gott, seine und schließlich unsere leibliche Auferstehung gelten ihnen nur als uminterpretierbare oder austauschbare Symbole von mythischer Qualität. Wenn das Christentum nur eine Sammlung von disparaten Ansichten über das unerkennbar Göttliche wäre, das sich über unserer theoretischen Weltdeutung und praktischen Kontingenzbewältigung diffus ausbreitet, dann lohnte es sich wahrhaftig nicht, für die Wahrheit Christi zu kämpfen und zu leiden.

„Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, dann  lasst uns (wie die Heiden) essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (1 Kor 15, 32).
Wenn es nicht um die Erneuerung des subjektiven Glaubens und der persönlichen Nachfolge Christi geht in der Orientierung an der objektiven Realität der Offenbarung in der Person Jesu Christi in seiner gott-menschlichen Wirklichkeit, dann werden aus den vorgeblichen Kirchenreformern fatale Kirchenruinierer.

Der Nihilismus, „das Gefühl der neuen Zeit“, dass „Gott selbst tot ist“ (G. W. F. Hegel, Glauben und Wissen, Ph B 62b,  123) wird nur dann nicht zum Gefühl führen, dass es folglich auch nichts mit dem Menschen auf sich habe und alles erlaubt sei, was gefällt, wenn wir glauben an die unendliche und menschenfreundliche Vernunft Gottes über und in allem Sein seiner Schöpfung. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt.“  (Weish 1, 13f).

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