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Heiligung durch die Eucharistie

Edith Stein: Eine Beterin „an der Hand des Herrn“
Die katholischen Philosophin Dr. Edith Stein
Foto: dpa | Die katholischen Philosophin Dr. Edith Stein wurde am 12. Oktober 1891 in Breslau als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Von 1911 bis 1915 Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte.

Die Eucharistie gehört zu dem vielfältigen, aber „unerbittlichen Licht der göttlichen Gegenwart“, wie Edith Stein (1891-1942) so schön formuliert. Im Radius dieses Lichtes wird sie zur Märtyrerin von Auschwitz. Als „Bürgerin Jerusalems in Babylon“ (Reinhold Schneider) erfährt sie nämlich die Eucharistie als bezwingende „Lebenswirklichkeit“, als „untrennbaren Bestand des eigenen Seins“; tief „in tabernaculo Domini“ verborgen, kann sie weder durch Verhaftung noch durch Martyrium aus ihm herausgezerrt werden. In einem Brief schreibt sie schon 1938: „Gewiss ist es schwer, außerhalb des Klosters und ohne das Allerheiligste zu leben. Aber Gott ist ja in uns, die ganze Allerheiligste Dreifaltigkeit. Wenn wir es nur verstehen, uns im Innern eine wohlverschlossene Zelle zu bauen und uns so oft wie nur möglich dahin zurückzuziehen, dann kann uns an keinem Ort der Welt etwas fehlen. So müssen sich ja auch die Priester und Ordensleute im Gefängnis helfen. Für die, die es recht erfassen, wird es eine große Gnadenzeit.“

Dazu gibt es karge, aber klare Zeugnisse. Dabei formuliert Edith Stein nicht Glaubenssätze, die durch Ungewöhnlichkeit haften blieben; sie versucht vielmehr, das Große einfach zu sagen. Das Geheimnis des eucharistischen Brotes gewinnt Leben in ihr selbst, so in dem Aufsatz mit dem starken Titel „Das eucharistische Geschehen als pädagogischer Akt“ von 1932.

„Die Sättigung des irdischen Leibes mit der Eucharistie
führt zum Wachsen in den mystischen Leib, was wiederum heißt:
gleichzeitig Kleinwerden und Großwerden“

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Einige Gedanken in dem Aufsatz „Das Weihnachtsgeheimnis“ von 1931 skizzieren den unerschöpflichen sachlichen Zusammenhang von Eucharistie und Menschwerdung, das „unteilbare Ganze“ der Geburt Jesu und seines letzten Abends vor der Verhaftung. Ohne die Befangenheit heutigen Misstrauens gegen Sühne oder die Stellvertretung des einen für alle, steht ihr im „Angelpunkt der Weltgeschichte“ Jesu Opfer, das er schon vor seiner Kreuzigung im Abendmahl vorwegnahm: in der Eucharistie. Eben dieses umstürzende Opfer wird täglich vergegenwärtigt, geschah zwar ein für allemal, wird aber immer wieder zeitfrei anwesend. Worin liegt der Grund für eine solche beständig erneuerte Gnade, griechisch charis, wie diese unvorstellbare Gegenwart umschrieben wird? Diese tägliche charis wird zu eucharis. Der eucharistische Heiland ist der gekreuzigte Heiland, das Sakrament des Leidens ist das Sakrament der Liebe.

Tatsächlich überbrückt Christus auf diese Weise die Jahrtausende des Abstandes zwischen seinem geschichtlichen Leben und allen später Lebenden. In der Eucharistie schwindet die trennende Zeit, die Gegenwart des Nie-Vergangenen öffnet sich, weder Gott noch Mensch sind sich entzogen. So entsteht die persönliche Nähe zwischen dem Glaubenden und dem Herrn, die tägliche „Menschwerdung des Wortes“, die Menschwerdung des einen im andern. Die „Früchte seiner Tat persönlich zuführen“, die „persönliche Aneignung“: So nennt Edith Stein die individuelle Aufgabe, und so muss das Ziel der gottesdienstlichen Dramaturgie lauten. „Dein Leib durchdringt geheimnisvoll den meinen.“ Die Sättigung des irdischen Leibes mit der Eucharistie führt zum Wachsen in den mystischen Leib, was wiederum heißt: gleichzeitig Kleinwerden und Großwerden - klein im Blick auf das Eigene, das immer irdisch Begrenzte, groß im Blick auf Ihn, den immer göttlich Grenzsprengenden.

Eintreten in den Abglanz der wahren Wirklichkeit

Ihn essen und trinken heißt im selben Atemzug Leiden mit Ihm, aber das ist nur vordergründig abschreckend. Ermutigend ist etwas anderes: die Abgabe der irdischen Not, der eigenen Enge an die Weite seines Lebens. „Befreiende Kraft“ nennt es Edith Stein: Eintreten in den Abglanz der wahren Wirklichkeit; Solche eucharistischen Erfahrungen erreichen eine Umwandlung des Empfängers, die der fruchtlosen Selbstverliebtheit und triebhaften Egobezogenheit gegensteuern. Gerade die dogmatische Wahrheit von der Gegenwart Christi in Brot und Wein hat nach Edith Stein - wie alle Dogmen, wenn sie „innerlich angeeignet“ sind – „höchste bildende Kraft“. Vor dem Tabernakel kann fehlender Mut aufgerichtet werden; auch die Verarbeitung des Nichtgelungenen wird sich dort finden. In einem Gedicht von 1936 zur Taufe ihrer älteren Schwester Rosa (die später mit ihr starb) heißt es an Christus gerichtet:

„Du kommst und gehst, doch bleibt zurück die Saat,
die du gesät zu künft’ger Herrlichkeit,
verborgen in dem Leib von Staub.“

Das „Weihnachtsgeheimnis“ klingt aus in die Thematik der dunklen Nacht. Der Weg der Willensübergabe meint grundsätzlich Helle, nämlich ein Auflichten der abgegebenen Sorge; sie kann aber auch subjektiv gesehen Verlust des eigenen Durchblicks bedeuten: „Gott ist da, aber Er ist verborgen und schweigt.“ So kann die Zugehörigkeit zu Ihm auch erfahren werden als Schritt in die eigene Verdunkelung, deutlicher gesprochen: Sie fordert eigenen Anteil am Leiden ein.

Tritt Verwirrung ein hilft die Beschränkung auf das Einfache

Damit gerät Edith Stein in den Gedankengang der lösenden Kraft von Stellvertretung. Es geht darum, dass die Glieder des Leibes auch in der Dunkelheit, nach dem Erlöschen des inneren Lichtes, dem geheimnisvollen Leib zugehörig bleiben und sich nicht aus Verwirrung für abgetrennt halten. Sollte eine solche Dunkelheit eintreten, erteilt Edith Stein selbsterprobten Rat zu einfachem Tun, und ihre eigene Erfahrung ist so weit vorgedrungen, dass sie überzeugende Hinweise geben kann. Um im Ganzen einer unsichtbaren Einheit zuhause zu sein, sind vier Mittel nötig: Beten, Gehorsam gegen den Geist in der Kirche, das Verlassen auf die Fürbitte anderer und vor allem die tägliche Teilnahme an der Eucharistie.

In dieser „dauernden Ernährung“ liegt der Kern des Weihnachtsgeheimnisses. Die Menschwerdung des Einen in den Vielen geschieht in der Tat leibhaft, sinnlich, lebendig, täglich. Die Umstellung des ganzen Lebens, von der Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Vorlieben bis zum Annehmen und Sich-Ertragen eben im „unerbittlichen Licht der göttlichen Gegenwart“, verändert die eigene Kontur. Der Zutritt zur täglichen Eucharistie belässt nichts so, wie es ist. Ein Ganzes wird in den Mysterien gefeiert, als Ganzes wird das Leben dadurch eingefordert.  So fügen sich Krippe und Kreuz, Menschwerdung und Passion zusammen. Auch umgekehrt gilt: Passion und das Glück des Kindes gehören zusammen.

Stein äußert sich spezifisch für Frauen

1936 verfasst Edith Stein als Schwester Teresia Benedicta den Artikel „Das Gebet der Kirche“. Eucharistie ist darin als Geburtsort der Kirche und Zusammenfassung der gesamten Geschichte gesehen: „Segnung und Verteilung von Brot und Wein gehörten zum Ritus des Ostermahls. Aber beides bekommt hier einen völlig neuen Sinn. Damit nimmt das Leben der Kirche seinen Anfang. (…) Die alten Segenssprüche sind im Munde Christi lebenschaffendes Wort geworden. Die Früchte der Erde sind sein Fleisch und Blut geworden, von seinem Leben erfüllt. Die sichtbare Schöpfung, in die er sich schon durch die Menschwerdung hineinbegab, ist nun auf eine neue, geheimnisvolle Weise mit ihm verbunden. Die Stoffe, die dem Aufbau des menschlichen Leibes dienen, sind von Grund auf umgewandelt, und durch ihren gläubigen Genuss werden auch die Menschen umgewandelt: in die Lebenseinheit mit Christus einbezogen und von seinem göttlichen Leben erfüllt. (…) So kann die ganze immerwährende Opferhingabe Christi – am Kreuz, in der heiligen Messe und in der ewigen Herrlichkeit des Himmels – als eine einzige große Danksagung – als Eucharistie – aufgefasst werden: als Dank für die Schöpfung, Erlösung und Vollendung.“

Und schon früher 1930 spezifisch für Frauen formuliert: „Ein Frauenleben, das die göttliche Liebe zur inneren Form haben soll, wird ein eucharistisches Leben sein müssen. Sich selbst vergessen, frei werden von allen eigenen Wünschen und Ansprüchen, ein Herz bekommen für alle fremden Nöte und Bedürfnisse – das kann man nur im täglichen, vertrauten Umgang mit dem Heiland im Tabernakel. (…so) dass sein Herz nach dem Bilde des göttlichen Herzens umgeformt wird.“
Edith Stein wird vielfach und zurecht als bedeutende Denkerin wahrgenommen. In solchen Anleitungen sieht man sie aber in der schlichten Weise einer Beterin „an der Hand des Herrn“.

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