Auf den Spuren Edith Steins

Die heilige Edith Stein, Teresia Benedicta a Cruce OCD, hat an vielen Orten Spuren hinterlassen. Besonders viele und deutliche findet man in ihrer Geburtsstadt Breslau. Von Josef Bordat
Breslauer Altstadt
| Die Breslauer Altstadt putzte sich zuletzt vor zwei Jahren heraus, als Breslau Kulturhauptstadt Europas war.

Dort!“ – „Wo?“ – „Dort drüben! Da ist schon wieder einer!“ – „Ach, ja! Wie niedlich!“ Die Breslauer Zwerge auf Fensterbänken, an Häuserecken und auf dem Marktplatz sind sicher nicht die einzige Attraktion der schlesischen Stadt, aber eine, an der kein Besucher vorbeikommt. Kinder streicheln sie, ihre Eltern machen Fotos. Nicht alle werden den recht ernsten Hintergrund der Zwerge kennen: Sie gehen auf die Opposition der 1980er Jahre gegen das kommunistische Regime in Polen zurück. Der Zwerg ist das sinnfällige Maskottchen des Untergrunds: klein, aber listig, subversiv, schwer zu fassen, kaum zu sehen, aber doch überall präsent.

Die Zwerge ziehen Kinder an, sonst beherrschen Studenten das Stadtbild. Breslau (polnisch: Wroc³aw) ist eine junge Stadt – mit tausendjähriger Geschichte. Die sanierte Altstadt zeugt vom Reichtum der letzten Jahrhunderte. In den Außenbezirken stehen marode viergeschossige Wohnbauten, deren bröckelnde Fassaden in nur marginal voneinander abweichenden Grautönen das schwere Erbe der vergangenen Jahrzehnte auch heute noch erfahrbar machen. Der Tourist bleibt jedoch lieber in der Altstadt, die zuletzt noch vor zwei Jahren herausgeputzt wurde, als Breslau „Kulturhauptstadt Europas“ war.

Es sei denn, der Tourist interessiert sich wie wir für eine der berühmten Töchter Breslaus: Edith Stein. Dann führt der Weg auch mal zu Stationen, die etwas außerhalb des Kerns rund um den Marktplatz liegen. Doch alles ist gut zu erreichen, dank der Straßenbahn.

Die erste, fußläufig erreichbare Anlaufstelle: die Synagoge „Weißer Storch“, benannt nach einer Gaststätte, die hier zuvor stand. Als Synagoge wurde sie zwischen 1829 und 1941 genutzt. Jetzt finden in dem Gebäude Konzerte und Kulturveranstaltungen statt, eine interessante Dauerausstellung zeigt Dokumente zur Geschichte des Judentums in Breslau. Edith Stein, am 12. Oktober 1891 in Breslau geboren, wird darin mehrfach erwähnt.

Wir fragen nach dem Edith Stein-Haus, das wir als nächstes besuchen wollen. Die Dame am Eingang zur Synagoge reagiert etwas gereizt auf den Namen „Edith Stein“. Ach, dieses Haus. Das sei katholisch, damit habe man nichts zu tun. Zu sehen gäbe es aber ohnehin nicht viel. Eine Plakette, die an Edith Stein erinnert, das sei alles. Der Stimmungswandel der eigentlich recht freundlichen Dame weist zurück auf die Kontroverse zwischen Vertretern des Judentums und Katholischer Kirche anlässlich der Heiligsprechung Edith Steins im Jahr 1998. Dass sie 1987 seliggesprochen wurde, konnte man noch verkraften – das Konzept der Seligkeit ist auch im Judentum bekannt, wenn auch in anderer Bedeutung –, aber dass man sie „heilig“ nennt, ist für Juden nicht hinnehmbar, beziehen sie das Konzept der Heiligkeit doch auf Gott allein, niemals auf einen Menschen. Auch nicht auf einen so wunderbaren wie Edith Stein.

Freilich ließe sich theologisch dazu einiges sagen (und die Kirche hat das auch getan), doch entschärfen konnte es den Konflikt nicht. Offensichtlich. Wir ziehen etwas konsterniert wieder ab und suchen das Edith Stein-Haus mit Hilfe des Stadtplans. Dabei kommen wir an der Michaeliskirche vorbei, in der es eine Edith Stein-Kapelle gibt. Diese Kirche besuchte sie nach ihrer Konversion zum Katholizismus (1922) regelmäßig. Eine Urne auf dem Altar in der Kapelle enthält Erde und Asche aus Auschwitz. Der Altar hat die Form einer Bibel und trägt die Aufschrift „Ave Crux Spes Unica“ und das Todesdatum der Heiligen: 9. August 1942.

Über die Edith Stein-Straße führt der Weg zum Wohnhaus der Familie Stein in der Nowowiejska-Straße, ehemals Michaelisstraße. Erbaut wurde es 1890, zwanzig Jahre später von der Familie erworben und 1939 „arisiert“. Heute hat dort die 1989 gegründete Breslauer Edith-Stein-Gesellschaft ihren Sitz, die sich den christlich-jüdischen Dialog und die polnisch-deutsche Verständigung auf die Fahnen geschrieben hat. Das Haus beherbergt eine Ausstellung über Leben und Werk Edith Steins und ist zudem ein Veranstaltungszentrum, in dem interkulturelle Begegnungen möglich werden. Allerdings hat es restriktive Öffnungszeiten: Als wir ankommen, ist es geschlossen.

Zwei Gedenktafeln an der Hauswand und ein Stolperstein erinnern an Edith Stein. Weitere Gedenktafeln findet man an Ediths Schule (2011 zum 100. Jahrestag ihres Abiturs errichtet) und an der Universität. Auch an ganz prominenten Orten des kirchlichen und staatlichen Lebens ist Edith Steins Andenken gewahrt: Am Südturm der Kathedrale auf der Dominsel wurde 2010 eine zwei Meter hohe Statue der Heiligen angebracht und im Bürgersaal des Rathauses befindet sich unter den Büsten berühmter Breslauer Bürger auch die Edith Steins.

Wir fahren weiter zu einem Ort ganz besonderer Erinnerungskultur: dem Alten Jüdischen Friedhof. Dort liegen die Grabstätten von Auguste und Siegfried Stein, Ediths Eltern. Es sind verhältnismäßig einfache Gräber, verglichen mit den Mausoleen an der Friedhofsmauer, in denen die sterblichen Überreste von Spitzenpolitikern wie Ferdinand Lassalle und Gelehrtenfamilien wie den Schottländern ruhen. Die Familie Stein lebte vom Holzhandel, den die Mutter nach dem Tod des Vater (1893) weiterführte. Wichtig für Ediths Entwicklung ist die jüdisch-orthodoxe Frömmigkeit, die in der Familie gepflegt wurde und zu der die Tochter bereits als Teenager eine kritische Distanz entwickelt. Als sie ihre akademische Karriere an der Universität Breslau beginnt, ist sie eine überzeugte Atheistin.

Auch ein Besuch der Universitätsgebäudes gehört dazu, wenn man auf den Spuren Edith Steins durch Breslau geht. Leider haben wir ein weiteres mal Pech: die Aula Leopoldina – ein Paradebeispiel für die Baukunst des österreichischen Barock – ist wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. Ein Blick in die prächtige, fast schon etwas überfrachtete barocke Universitätskirche entschädigt uns.

Von Breslau aus führte Edith Steins Weg weiter nach Göttingen und Freiburg. Unser Weg führt zurück ins Hotel. Das liegt in der Maria Magdalena-Straße. Vom Fenster aus sehen wir auf die Fassade der Magdalenenkirche. Gleich mehrere Kreuzigungsdarstellungen haben wir im Blick. Das Kreuz sollte für Edith Stein zum Segen werden: Sie tritt 1933 in den Kölner Karmel ein und nennt sich fortan Teresia Benedicta a Cruce – Teresia, vom Kreuz gesegnet.

Dass ihr Leben in Nazi-Deutschland nicht mehr sicher war, wird Edith Stein spätestens nach den Nürnberger Rassegesetzen (September 1935) klar gewesen sein. 1938 verlässt sie den Kölner Karmel und wird im Karmel Echt in den Niederlanden heimisch. Dort ist sie erst einmal in Sicherheit. Doch im Mai 1940 überfällt die Wehrmacht die Niederlande und die holländischen Juden werden der gleichen Verfolgung ausgesetzt wie die Juden in Deutschland.

Edith Stein wird als zum Katholizismus konvertierte Jüdin zunächst in Ruhe gelassen. Als jedoch die holländischen Bischöfe – angeführt vom Utrechter Erzbischof de Jong – Ende Juli 1942 offen gegen die Deportation der Juden protestieren, werden kurz darauf – gewissermaßen als Strafaktion – auch die „katholischen Nichtarier“ deportiert. 244 zum Katholizismus konvertierte Juden werden am 2. August 1942 verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verbracht – darunter Edith Stein und ihre Schwester Rosa, die nach dem Tod der Mutter (1936) ebenfalls in den Karmel eingetreten war. Kurz darauf erfolgt die Deportation nach Auschwitz. Am späten Nachmittag des 7. August 1942 wird Edith Stein in Schifferstadt bei Speyer zum letzten mal gesehen. Am 9. August wird Edith Stein im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

Themen & Autoren
Edith Stein Juden Kommunismus Synagogen

Weitere Artikel

Die jiddische Kultur spielte in der Ukraine schon immer eine große Rolle. Ihre Vitalität wirkt weiter.
26.06.2022, 13 Uhr
Bodo Bost
Manchmal können einen unterlassene Tätigkeiten entlasten: Zur Bedeutung des Sabbats im Judentum.
17.12.2022, 11 Uhr
Johannes Zang
Die jüdische Gemeinde von Antiochia, dem heutigen türkischen Antakya, wo die Nachfolger Jesu zum ersten Mal als Christen bezeichnet wurden, gibt es bald nicht mehr.
03.12.2022, 13 Uhr
Bodo Bost

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung