Nachfolge ohne zu fragen „Wohin?“

War Edith Stein eine Mystikerin? – Gedanken zu ihrer Theologie

Man kennt Edith Stein als Jüdin und als Konvertitin. Man kennt sie als Philosophin, als Schülerin Edmund Husserls, als Übersetzerin des heiligen Thomas von Aquin und als diejenige, die den Versuch einer Verbindung von Scholastik und Phänomenologie unternahm. Man kennt sie als Karmelitin, als die sie den Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce führte, und als Opfer des Holocaust in Auschwitz. Seit 2003 kennt man auch ihren Brief an Pius XI., in dem sie nach den ersten antisemitischen Ausschreitungen unter der eben begonnenen Herrschaft der Nationalsozialisten ihre warnende Stimme erhob. Johannes Paul II. hat sie 1987 selig- und 1998 heiliggesprochen. Aber war Edith Stein eine Mystikerin? An diese Frage sollen hier einige Überlegungen zu einem Kerngedanken ihrer Theologie anknüpfen.

Edith Stein verdankte ihren Weg zum katholischen Glauben und auch ihren schon früh gehegten Wunsch nach Eintritt in den Karmel entscheidend Teresa von Ávila und ihrer Autobiographie, die Zeugnis von der mystischen Gotteserfahrung der heiligen Teresa von Ávila gibt. Ihr letztes Werk, die „Kreuzeswissenschaft“, handelt über Johannes vom Kreuz. Sie schrieb dieses vor ihrer Verhaftung vollendete Buch seit 1940 im Karmel in Echt. Auch der heilige Johannes vom Kreuz war ein bedeutender Mystiker. Zu denken ist auch an ihr Buchmanuskript „Was ist der Mensch. Eine theologische Anthropologie“ und an ihren 1940/41 verfassten Aufsatz „Wege der Gotteserkenntnis. Die ,Symbolische Theologie des Areopagiten‘“. Im Rahmen ihrer Übersetzertätigkeit übersetzte sie Dionysius Areopagita, den man als „Vater der mystischen Theologie“ kennt.

Gottes Willen das eigene Wollen untergeordnet

Aber war auch Edith Stein Mystikerin? Gewiss ist, dass sich bei ihr auch dort, wo sie selbst spricht und nicht Johannes vom Kreuz, Teresa von Ávila oder Dionysius Areopagita zitiert, Teile des Vokabulars der Mystik ausmachen lassen: der Dualismus von Licht und Finsternis oder der Gedanke der „unio mystica“, der Vereinigung mit Gott, aber auch der Gedanke der Brautschaft und der heiligen Vermählung mit Christus, des „matrimonium spirituale“. In einem Brief kann sie 1938 von sich sagen, „dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt zu sein“. Das klingt nach Mystik, auch wenn auffällt, dass das Hausbuch der Brautmystik, das Hohelied Salomos oder das „Canticum Canticorum“, dabei keine Rolle spielt. Stattdessen hält sie sich an Jesusworte der synoptischen Evangelien. Anderes findet sich bei Edith Stein nicht: Visionen oder Auditionen, die Jesusminne, die Zeit- und Raumlosigkeit mystischer Gotteserfahrung wie im „innerlichen“ Gebet Teresas von Ávila oder die Aufgabe eigenen Wissens, um im Nichtwissen das Göttliche im Sinne eines höheren Wissens zu erfahren. Aber eines gibt es: Die Aufgabe eigenen Wollens durch Unterordnung unter den Willen Gottes.

Der Schlüssel für ihre Theologie ist in einer kleinen Schrift enthalten, die entstand, als Schwester Teresia Benedicta a Cruce noch Fräulein Edith Stein und Lehrerin am Mädchengymnasium des Dominikanerinnenklosters in Speyer war. Das ist die Schrift „Das Weihnachtsgeheimnis“ von 1931. Wie die anderen theologischen Schriften Edith Steins, so führt auch diese auf ihre „Kreuzeswissenschaft“ hin. Große Teile der „Kreuzeswissenschaft“ sind wörtliche Zitate aus den Schriften des Johannes vom Kreuz. An anderen Stellen spricht sie mit seinen Worten, ohne wörtlich zu zitieren. Nicht immer ist deutlich, ob sie seine Lehren referiert oder seine Aussagen zu den ihren macht. Deshalb muss man, will man Edith Steins Theologie erfassen, die „Kreuzeswissenschaft“ im Lichte ihrer zeitlich vorangegangenen theologischen Schriften lesen.

Im „Weihnachtsgeheimnis“ ist von „Nachfolge“ die Rede: „,Folge mir‘, so sprechen die Kinderhände Jesu, wie später die Lippen des Mannes Jesus gesprochen haben. So sprachen sie zu dem Jünger, den der Herr lieb hatte. Und der Jünger folgte, ohne zu fragen: wohin? und wozu? Er spricht sein ,Folge mir‘. Er spricht auch für uns und stellt uns vor die Entscheidung zwischen Licht und Finsternis“. Nachfolge ist für Edith Stein das Ernstnehmen der Bitte „Fiat voluntas tua“ – „Dein Wille geschehe“ ––aus dem Vaterunser, das zugleich das „non mea voluntas, sed tua fiat“ – „Nicht mein Wille, sondern deiner geschehe“ ––von Gethsemani ist: „Das ,Fiat voluntas tua!‘ in seinem vollen Ausmaß muss die Richtschnur des Christenlebens sein“, so Edith Stein 1931. Dieses Ernstnehmen des „Fiat voluntas tua“ nennt sie Gotteskindschaft: „Gotteskind sein heißt an Gottes Hand gehen, Gottes Willen, nicht den eigenen Willen tun, alle Sorgen und alle Hoffnung in Gottes Hand legen, nicht mehr selbst um sich und seine Zukunft sorgen. Freilich, nur dann wird das Gottvertrauen unerschüttert standhalten, wenn es die Bereitschaft einschließt, alles und jedes aus des Vaters Hand entgegenzunehmen. Er allein weiß ja, was uns guttut.“

Das Thema Nachfolge wurde von Edith Stein im Laufe der dreißiger und zu Anfang der vierziger Jahre in mehreren Schriften weitergeführt, variiert und vertieft, um in der „Kreuzeswissenschaft“ aufgenommen zu werden. Im Zuge dieser Vertiefung wurde die Nachfolge zur Kreuzesnachfolge. Kreuzesnachfolge heißt, dem eigenen Willen entsagen: „Vor dir hängt der Heiland am Kreuz, weil er“, so Edith Stein 1941, „gehorsam geworden ist bis zum Tod am Kreuz. Er kam in die Welt, nicht um seinen Willen zu tun, sondern des Vaters Willen. Wenn du die Braut des Gekreuzigten sein willst, so musst auch du dem eigenen Willen restlos entsagen und kein anderes Verlangen mehr haben als den Willen Gottes zu erfüllen“.

Radikale Kreuzesnachfolge ist nicht jedem möglich

Diese Sätze waren an ihre Mitschwestern gerichtet. Edith Stein wusste, dass radikale Kreuzesnachfolge nicht jedem möglich ist. 1940 unterschied sie zwischen der weiteren und der engeren Nachfolge. Ihre Theologie der Nachfolge hat Ähnlichkeit mit Dietrich Bonhoeffers Theologie in seinem Buch „Nachfolge“ von 1937. Als evangelischem Theologen stand Bonhoeffer, der in der Zeit seiner unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlichten Gefängnistexte vor den „Gefahren“ seines Buches „Nachfolge“ warnte, aber nicht der Denkweg offen, eine engere Nachfolge für einen ausgewählten Personenkreis zu konzipieren. Edith Stein konnte eine engere Nachfolge denken, weil es für sie die Stellvertretung im Sinne des stellvertretenden Stehens vor dem Angesicht Gottes gab. So wird engere Nachfolge zum Apostolat der kontemplativen Ordensleute: Zur Nachfolge „sind alle berufen, die mit dem Blut des Lammes bezeichnet sind, und das sind alle Getauften. Aber nicht alle verstehen den Ruf und folgen ihm“.

Was Edith Stein 1940 als engere Nachfolge bezeichnet, das erscheint 1941 als Nachfolge „für uns Ordensleute“: „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich“, so zitiert sie Mt 10, 38 und fährt mit eigenen Worten fort: „Das Kreuz auf sich nehmen, heißt den Weg der Buße und Entsagung gehen. Dem Heiland nachfolgen, das heißt für uns Ordensleute, uns an das Kreuz heften lassen durch die drei Nägel der heiligen Gelübde“. Die drei Nägel stehen für die drei evangelischen Räte und damit für die Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit. Das Gehorsamsgelübde schließt an das „Fiat voluntas tua“ an. Dazu Edith Stein: „Dein Wille geschehe! Es ist dem geschöpflichen Willen nicht gegeben, in Selbstherrlichkeit frei zu sein. Er ist berufen, mit dem göttlichen Willen in Einklang zu kommen“. Nachfolge ist bei Edith Stein schon im „Weihnachtsgeheimnis“ Nachfolge „ohne zu fragen: wohin?“ Nachfolge setzt ihr Vertrauen ganz in Gott: „Wohin er uns auf dieser Erde führen will, das wissen wir nicht und sollen wir nicht vor der Zeit fragen. Nur das wissen wir, dass denen, die den Herrn lieben, alle Dinge zum Guten gereichen“. Und dennoch wusste schon die Speyerer Lehrerin, dass die Nachfolge in die dunkle Nacht der Gottverlassenheit führen kann. Sie kannte aber auch das Ziel der Nachfolge, die, wie sie 1939 schrieb, „immer innigere Vereinigung, eine immer wachsende Gleichförmigkeit mit Jesus“.

Die Nacht, das Thema ihrer „Kreuzeswissenschaft“

Das gilt besonders für ihr Buch „Kreuzeswissenschaft“, das am Ende ihres theologischen und ihres irdischen Lebens stand, und am Ende von dessen Niederschrift sie den Weg in die dunkle Nacht von Auschwitz antreten musste. Am Anfang des Buches stellt Edith Stein fest, dass „nicht das Kreuz, sondern die Nacht“ bei Johannes vom Kreuz im Mittelpunkt steht. Das beherrschende Thema ihres Buches ist auch die Nacht. Das Ziel ist die Vereinigung der Seele mit Gott; der Weg zu diesem Ziel ist die Nachfolge, die, weil auch Christus durch die Gottesferne von Gethsemani und durch die Gottverlassenheit des „Eli, Eli, lema sabachtani?“ (Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?) von Golgotha ging, durch die dunkle Nacht führen muss.

Das ist Vokabular der Mystik. Doch Edith Steins Theologie ist keine mystische Theologie, sondern Theologie der Nachfolge, verwandt mit der Theologie der Nachfolge des mittleren Bonhoeffer, aber doch anders, weil sie Nachfolge und Stellvertretung verbinden und so zwischen der weiteren und der engeren Nachfolge unterscheiden kann. In der „Kreuzeswissenschaft“ weist die mit der engeren Nachfolge zusammenfallende Kreuzesnachfolge unter der schon 1931 ausgesprochenen Formel „ohne zu fragen: wohin?“ auf die Dimension der dunklen Nacht als Weg zum himmlischen Licht hin. Edith Stein verwendet Metaphern, wenn sie von der Vereinigung, von der Brautschaft oder von Licht und Finsternis spricht. Die heilige Teresia Benedicta a Cruce bleibt die Intellektuelle Edith Stein, auch wenn sie über Mystiker schreibt. Ihre Theologie erscheint so als Theologie der Nachfolge Christi im begrifflichen Gewand der Mystik.

Anders ausgedrückt: Ihre Theologie der Nachfolge ist – so ihre Terminologie in ihren Arbeiten zu Dionysius Areopagita – „symbolische Theologie“, die auf die „mystische Theologie“ – für Edith Stein in „Wege der Gotteserkenntnis“ die „Selbstoffenbarung Gottes im Schweigen“ – nur hinführen kann. Aber ihre Theologie der Nachfolge hatte ihren Grund in einem in der Mystik fundierten Glauben.

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