„Es geht um Leben und Tod“, erklärt ein Student. Darum ist er heute mit Freunden zum Marsch für das Leben nach München gekommen. Die Sonne strahlt auf dem Königsplatz. Hinter ihm sieht man die Propyläen – den stadttorgroßen Triumphbogen, der an antike Tempelanlagen erinnert. „Gefährlich ist, dass viele deutsche Politiker die Abtreibung zum Grundrecht erklären möchten. Außerdem, dass die Gewissensfreiheit der Ärzte beschnitten werden könnte, indem sie gezwungen werden, Abtreibungen durchzuführen“, begründet der Student gegenüber der „Tagespost“ noch ausführlicher seine Anwesenheit.
An diesem Samstag bestreiten nach Veranstalterangaben so viele Menschen wie nie zuvor diesen sechsten Münchner Marsch für das Leben: 7.000 meldet er. 2024 und 2025 sollen es laut Angaben der Organisatoren jeweils rund 6.000 gewesen sein. Kein Wunder, schließlich sei der Schutz des ungeborenen Lebens in Deutschland so bedroht wie seit langem nicht mehr, begründete der Verein „Stimme der Stillen“, Organisator des Marsches, den starken Andrang. Die Polizei München meldet andere Zahlen. Sie spricht von 4.500 Demonstranten und rund 4.000 Gegendemonstranten vom Bündnis „Pro Choice“. Dementsprechend überlaufen sind am Samstagvormittag die U-Bahn-Stationen in der Münchner Innenstadt. „Stellen sie sich bitte nach rechts. Links wollen die Leute vorbeilaufen“, fordert eine Gegendemonstrantin auf der Rolltreppe von einem älteren Mann. Und stellt einen Vergleich zu ihrer politischen Einstellung an: „Es ist wie in der Politik: Rechts steht und links geht weiter.“
Neben der Bühne auf dem Königsplatz füllt sich die Hüpfburg allmählich mit Luft. Weiter hinten am Platz haben Lebensschutz-Organisationen ihre Stände aufgebaut. Etwa Kaleb, Sundays for Life und die ALfA. Im Schatten warten Polizisten auf Pferden. Grüne, weiße, blaue und gelbe Helium-Luftballons ragen zwischen den Köpfen empor. Dazwischen sieht man Schilder mit lachenden Babys darauf und Slogans wie „Life ist life“ oder „Väter werden durch Liebe zu Helden“. Fröhliche Gesichter und freudige Wiedersehen beherrschen die Szenerie. Familien, Priester und Gruppen junger und älterer Menschen aus Bayern und vereinzelt auch anderen Teilen von Deutschland sind hier, um öffentlich gegen Abtreibung einzutreten – und sich gegenseitig zu bestärken. „Man weiß, man ist nicht alleine. Es ist eine wunderbare Stimmung. Es macht Spaß“, findet eine Frau.
Papst Leo reagierte
Zwei Bischöfe sind vor Ort: der orthodoxe Bischof Hiob Bandmann und der Regensburger Weihbischof Josef Graf. Bischof Voderholzer habe aufgrund seiner Afrikareise leider absagen müssen, schließe jedoch die Antifa in sein Gebet ein, erklärt Weihbischof Graf den Teilnehmern. Bischof Stefan Oster und Kardinal Rainer Maria Woelki ermutigen mit Grußwörtern, die über Lautsprecher laut verlesen werden. Reaktionen vom Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, bleiben aus. Dafür meldete sich sogar der Papst: Erzbischof Nikola Eterović dankt in seinem Grußwort im Namen von Papst Leo XIV. dafür, den Stillen und Stimmlosen eine Stimme zu geben. Dann erscheint Bischof Robert Barrons zweiminütiges Youtube-Video auf der Leinwand. Barron spricht im Namen aller US-amerikanischen Bischöfe. Er ermutigt, sich an dem ehemaligen Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger ein Beispiel zu nehmen.



Matthias von Gersdorff, katholischer Publizist, ergreift das Mikrofon. „Damit man eine Idee hat, wie fortgeschritten die Kultur des Todes in unserem Land ist, müssen wir uns nur die letzten politischen Ereignisse anschauen“, spielt er auf die debattierte Abschaffung des Ehegattensplittings an. 91 Prozent der Menschen, die davon belastet würden, seien Familien mit Kindern.
„Ich arbeite im gesamten afrikanischen Kontinent. Immer wieder wird mir klar, was ich bereits wusste: Afrikaner schätzen jedes menschliche Leben von dem Moment der Empfängnis bis hin zum natürlichen Tod. Jedes menschliche Leben ist wertvoll und sollte per Gesetz verteidigt werden“, schallt die euphorische Stimme der nigerianischen Biomedizinerin Obianuju Ekeocha über den Platz. Die Menge wird mitgerissen; viele jubeln zustimmend. Dass „ihre größte Freude“ die Prolife-Arbeit sei, glaubt man der begeisterten Frau sofort.
45 Minuten Straßenblockade
„Jetzt werden wir diese Worte in die Tat umsetzen“, sagt der Bühnensprecher. Aus den Lautsprecherboxen erklingt der Radetzky-Marsch, dazwischen die wenige Minuten zuvor eingeübten Parolen wie „Wir sind: Prolife!“ und „Lebensrecht für Jedermann, Lebensschutz von Anfang an“. Der Zug geht los. Vorne läuft Partymusik, hinten wird gebetet.
An den Straßenrändern halten die Gegendemonstranten Schilder hoch. Auf einem steht „Keep your religion out of my uterus“ (zu Deutsch: „Halte deine Religion aus meiner Gebärmutter raus”), auf einem anderen „My rights don’t end where your religion begins“ (zu Deutsch: „Meine Rechte enden nicht dort, wo deine Religion beginnt”). Dazu rufen sie laut „Eure Kinder werden so wie wir“, „Findet ihr die AfD super?“ oder „München fundifrei“. Ihre Stimmen klingen hasserfüllt. „Fundis“ – damit sind die Demonstranten gemeint. „Sie arbeiten mit Rechtsextremen zusammen und sind wahnsinnig religiös“, beschreibt eine Gegendemonstrantin die Lebensschützer im Gespräch mit dieser Zeitung. „Sie wollen Abtreibung verbieten. Das ist gefährlich.“ Das Bündnis „Pro Choice“ hingegen schütze das Recht auf Selbstbestimmung, meint sie.
Einsatz für das Gute
Auf der Schellingstraße, kurz vor der Universitätskirche St. Ludwig, stockt der Zug. Für 45 Minuten. Mitten auf der Straße errichtet „Pro Choice“ eine Sitzblockade. Demonstranten und Gegendemonstranten geraten aneinander, die Polizei schreitet ein. Mit 300 Beamten sichert sie heute den Marsch. Der Zug wird geteilt, der hintere Teil umgeleitet, dann wieder vereint, sodass alle zusammen das Siegestor umrunden. Um 16.30 Uhr – die Demonstranten sind auf dem Königsplatz angekommen – spendet Weihbischof Graf den Segen. Die Menge schweigt, viele knien sich dazu nieder. Noch immer hört man leise die mittlerweile heiseren Stimmen der Antifa.
„Wir haben das Leben gefeiert und uns für das Gute eingesetzt“, so formuliert es später der Organisator, der Verein „Stimme der Stillen“. Silja Fichtner, Organisatorin des Marsches, gibt sich zufrieden. Es sei einer der schönsten Märsche gewesen, die sie bislang erlebt habe. Wegen der Stimmung, der Menschen und des sommerlichen Wetters. Aber: „Am Ende geht es um die Ungeborenen, um die Politik. Da sieht es leider düster und traurig aus“, ermahnt sie. Wie Ekeocha es in ihrer Rede gesagt habe, stehe fest: „Wir geben nicht auf! Wir werden 2027 da sein. Wir machen weiter und kämpfen weiter.“ Der Termin für das nächste Jahr ist wieder der zweite Samstag nach Ostern, der 10. April 2027.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










