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Die „Stadt Gottes“ bauen

Die Jahrestagung der Päpstlichen Stiftung „Centesimus annus“ unterstrich den Wert der kirchlichen Soziallehre und ihrer Prinzipien in Zeiten des Chaos und der Krisen.
Jahrestagung der Päpstlichen Stiftung „Centesimus annus“
Foto: Guido Horst | An Referenten fehlte es nicht: Die Stiftung „Centesimus annus“ tagte in der Synodenaula des Vatikans.

Manchmal geht es in dem unter Paul VI. erbauten Audienzgebäude wie in einem Bahnhof zu. So am Ende vergangener Woche. Da übten unten in der „Aula Paolo VI“ der Chor und die Musiker von „Charis“, der Koordinierungsstelle des Vatikans für die Katholische Charismatische Erneuerung, rhythmische Gesänge ein, die man am Tag darauf bei der Begegnung mit Papst Leo vortragen wollte.

Und darüber in der Synodenaula, wo zumeist Bischöfe tagen und vor Kurzem die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ vorgestellt wurde, tagten in englischer und italienischer Sprache die rund 250 Gäste der „Stiftung Centesimus Annus Pro-Pontifice“. Bei den vielen Gruppen und Grüppchen, die unter dem Dach von „Charis“ die Katholische Charismatische Erneuerung mit ihren weltweit 120 Millionen Anhängern ausmachen, ging es um Lobpreis und Anbetung, um den Heiligen Geist, Gemeinschaft und Nächstenliebe.

Bei der „Stiftung Centesimus Annus“ ging es eher um die krude Wirklichkeit der heutigen Zeit. „Eine zersplitterte Welt auf der Suche nach Spiritualität: Freiheit und Pluralismus in der Soziallehre der Kirche“ lautete das Thema der ganztägigen Tagung, die nach der Generalversammlung der Mitglieder der „Stiftung Centesimus Annus“ stattfand. 

Gründe für die Krise

Dass die Zerrissenheit der Welt nicht nur rein materielle Ursachen hat, fasste der Vorsitzende der Päpstlichen Stiftung, der italienische Wirtschaftswissenschaftler Paolo Garonna, in entsprechende Worte zusammen: „In einer Zeit, die von weit verbreiteten Kriegen, zunehmender Polarisierung und tiefen kulturellen und sozialen Spaltungen geprägt ist, widmet die Stiftung die internationale Konferenz 2026 einer der drängendsten Fragen der Gegenwart: der Suche nach einer neuen Spiritualität, die der Freiheit, dem Pluralismus und dem friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen, Völkern und Nationen wieder einen Sinn geben kann.

Das gewählte Thema entspringt der Erkenntnis, dass die heutigen Krisen nicht nur wirtschaftlicher, politischer oder geopolitischer Natur sind, sondern ihre Wurzeln in einer fortschreitenden Schwächung der ethischen und spirituellen Grundlagen der Gesellschaft haben.“ Und dass es gerade die Aufgabe von Christen in Wirtschaft und Politik, auf den Finanzmärkten und den Schauplätzen der Diplomatie ist, die geistigen und geistlichen Wurzeln eines notleidenden Globus zu stärkten, machte eine dichte Unzahl von Referenten deutlicher, die bei zwei Plenarsitzungen, sechs Parallelveranstaltungen und einem abschließenden Podium zu Wort kamen.

Von „Centesimus annus“ zu „Magnifica Humanitas“

Von den sechs Parallelveranstaltungen war die am besten besucht und fand deshalb in der großen Synodenaula statt, die sich der Künstlichen Intelligenz widmete.

Aber zu Beginn der Tagung spannte Schwester Alessandra Smerilli, Sekretärin im vatikanischen Dikasterium für die integrale Entwicklung des Menschen, nochmals den Bogen von der 1991 erschienenen Sozialenzyklika Johannes Pauls II., der die Päpstliche Stiftung ihren Namen verdankt, zum jüngst erschienenen Schreiben von Leo XIV. „Centesimus annus“, so die Schwester, sei eine Positionierung der Kirche nach dem Ende des Kalten Kriegs und einer bipolaren Welt gewesen, die Beschreibung einer christlichen Anthropologie, die den Menschen und seine Würde ins Zentrum setze, sodass Johannes Paul II. die programmatische Feststellung getroffen habe, dass der Mensch der Weg der Kirche sei.

Auch wenn sich die Welt in den vergangenen 35 Jahren völlig verändert habe, so habe „Magnifica Humanitas“ dennoch dieselbe Perspektive: Papst Leo habe keine Enzyklika über die Künstliche Intelligenz verfasst, sondern ein Dokument über den Menschen und seinen Schutz in den Zeiten der Künstlichen Intelligenz.

Das Chaos in der Welt ist groß, doch Christen haben einen Kompass

Viele Redner loteten die unterschiedlichsten Aspekte dieses Themas aus, vom Psychotherapeuten, der über die innere Leere vieler Jugendlicher berichtete, über den christlichen Gewerkschafter, der die Bedeutung von Subsidiarität und Solidarität unterstrich, bis hin zum Kuriendiplomaten Erzbischof Ettore Ballestrero, Vertreter des Vatikans bei den UN-Institutionen in Genf, der nicht nur über die fehlende Durchsetzungskraft der Vereinten Nationen und ihrer Organisationen klagte, sondern darüber hinaus die allgemeine Schwächung des internationalen Rechts feststellte.

Das Chaos in der Welt ist groß – das spiegelten viele Redebeiträge wider. Aber Christen haben auch einen Kompass, wenn sie Spiritualität und Menschlichkeit nach den Kriterien der Soziallehre der Kirche stärken wollen.

Das war auch ein Anliegen, das Papst Leo am Samstag bei der abschließenden Audienz im Apostolischen Palast den Mitgliedern der „Stiftung Centesimus Annus“ mit auf den Weg geben wollte. Eine Zivilisation der Liebe aufzubauen, so griff er einen Grundgedanken von „Magnifica Humanitas“ auf, bedeute, weiter an der „Stadt Gottes“ zu bauen, die „auf der Liebe zu Gott bis hin zur Selbstlosigkeit und der Pflege von Beziehungen“ erbaut sei.

Die eigentliche Krise ist anthropologischer Art

Hinter der Krise der heutigen Demokratien und der Schwächung des Multilateralismus stehe in Wirklichkeit eine anthropologische Krise, „die daraus resultiert, dass der Schöpfer weitgehend vergessen wurde. Weit davon entfernt, zu verzweifeln, sind wir jedoch aufgerufen, unseren Teil beizutragen, und uns daran zu erinnern, dass die Zivilisation der Liebe nicht aus einer einzigen oder spektakulären Geste entstehen wird, sondern aus der Summe kleiner und beständiger Taten der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen.“ Der Papst dankte allen Mitgliedern der Stiftung, die mit ihrer Arbeit und finanziellen Unterstützung diese Ziele der kirchlichen Soziallehre weiter fördern.


Weitere Informationen: centesimusannus.org

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