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Steffen Heitmann: Die verpasste konservative Chance

Nach dem Willen von Helmut Kohl sollte Steffen Heitmann 1994 Bundespräsident werden. Doch eine linke Medienkampagne brachte den sächsischen Protestanten zu Fall.
Steffen Heitmann verstorben
Foto: IMAGO/Sepp Spiegl (www.imago-images.de) | Der Name des im Alter von 79 Jahren verstorbenen ehemaligen CDU-Politikers Steffen Heitmann steht symbolisch für eine verpasste konservative Chance kurz nach der Deutschen Einheit.

In der Samstagsausgabe der FAZ war eine kleine Todesanzeige zu lesen: Steffen Heitmann ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Im Kopf der Anzeige steht der erste Vers aus Psalm 23, so wie es sich für einen evangelischen Oberkirchenrat a.D. gehört: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

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Mancher Leser wird gestutzt haben: Heitmann, da war doch mal was … Ja, da war mal was. Der Name des ehemaligen CDU-Politikers steht symbolisch für eine verpasste konservative Chance kurz nach der Deutschen Einheit. 1993 brachte Helmut Kohl Heitmann ins Gespräch als Kandidaten der Union für die anstehende Bundespräsidentenwahl. Der damalige sächsische Justizminister schien von seinem Profil her prädestiniert, in der Nachfolge Richard von Weizsäckers als Ostdeutscher das höchste Staatsamt zu besetzen. Und alle Welt sollte an diesem Beispiel erkennen, wie weit die innere Einheit tatsächlich schon fortgeschritten sei.

Biographie eng an die evangelische Kirche gekoppelt

Heitmanns Biographie war eng an die evangelische Kirche gekoppelt. Hier fand der gläubige Protestant Zuflucht vor den Zumutungen des SED-Regimes und gleichzeitig einen Schutzraum, in dem er sich beruflich entwickeln konnte. Nach Theologie-Studium und kirchenrechtlicher Ausbildung leitete er ab 1982 das Bezirkskirchenamt in Dresden. In seiner Heimatstadt spielte er dann während der Friedlichen Revolution eine zentrale Rolle. Als Jurist beriet er die sogenannte „Gruppe der 20“, die während der großen Demonstrationen gegen das Regime in Dresden die Opposition in Verhandlungen gegenüber den Behörden vertrat. Heitmann arbeitete dann die neue sächsische Verfassung mit aus und wurde folgerichtig Justizminister im ersten Kabinett Biedenkopf.

Heitmann ist Vertreter des Dresdner Bürgertums, das selbstbewusst auch die Repressionen des SED-Staates überlebte, aber umso mehr mit den Enttäuschungen haderte, die ihnen die Realität des vereinigten Deutschlands bot. Das größte literarische Denkmal hat diesem ganz speziellen Milieu Uwe Tellkamp mit seinem „Turm“ gesetzt. Den Kanzler, der ja auch Historiker war, beeindruckte diese Prägung Heitmanns. Er war aus Sicht von Helmut Kohl der richtige Mann: frommer Christ, Intellektueller und auch noch im Widerstand gegen das SED-Regime. 

Doch dann setzte die Kampagne ein. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ äußerte sich Heitmann in einer Unbefangenheit zu linken Tabuthemen, die die linken Leitmedien, nicht gewohnt, in ihrer Deutungshoheit angetastet zu werden, auch sogleich als Angriff empfanden. Zur multikulturellen Gesellschaft stellte er fest: „Diesen Begriff halte ich als Programm für falsch. Eine multikulturelle Gesellschaft kann man nicht verordnen, sie kann allenfalls wachsen.“ Zur Nation bemerkte er, nicht der Begriff schrecke ihn, sondern dessen Missbrauch.

Er bekannte sich auch zum Lebensrecht Ungeborener

Und zum Umgang mit der NS-Vergangenheit schließlich: Er glaube, dass „der organisierte Tod von Millionen Juden in Gaskammern tatsächlich einmalig ist – so wie es viele historisch einmalige Vorgänge gibt“. Daraus sei aber nicht „eine Sonderrolle Deutschlands abzuleiten“ bis ans Ende der Geschichte: „Es ist der Zeitpunkt gekommen – die Nachkriegszeit ist mit der deutschen Einheit endgültig zu Ende gegangen –, dieses Ereignis einzuordnen.“ Zu allem Überfluss bekannte Heitmann sich auch zum Lebensrecht der Ungeborenen und erzählte öffentlich davon, jeden Tag zu beten.

Die linken Leitmedien schlugen zurück und verzerrten das öffentliche Bild Heitmanns zum rechten Dunkelmann. Um seine tatsächlichen Äußerungen ging es schon bald nicht mehr. Stattdessen galt die Gleichung: konservativ = reaktionär = angebräunt. In einer ARD-Satiresendung war gar zu hören, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Heitmanns Mutter sich zu einer Abtreibung entschlossen hätte. Angesichts solcher Hetze hielt Kohl zwar zu ihm, aber Heitmann gab schließlich auf und verzichtete auf eine Kandidatur. Ihm hatte die von ihm so sicherlich nicht erwartete Kampagne sichtlich zugesetzt. 

Es ist natürlich Spekulation, aber angenommen, Steffen Heitmann wäre tatsächlich Bundespräsident geworden, manches hätte in den nächsten zwei Jahrzehnten anders laufen können. Dieser Bundespräsident hätte zeigen können, dass eine demokratische Rechte zu einer funktionierenden Demokratie dazugehört. Ja, er hätte dank seiner Intellektualität bewiesen, dass es für gesellschaftliche Grundsatzdebatten von Wert ist, wenn auch konservative Stimme in ihnen nicht nur zu Wort kommen, sondern auf sie auch gehört wird. 

Er vertrat noch keine gesellschaftliche Minderheit

Gewiss, den Kampf gegen die linke Mediendominanz hätte auch ein Bundespräsident Heitmann aufnehmen müssen. Aber immerhin, der Kanzler stand an seiner Seite. Und man darf nicht unterschätzen: Mit seinen Positionen vertrat Heitmann damals noch keine gesellschaftliche Minderheit, vor allem auch keine Minderheit in der Wählerschaft der Union.

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Aber, und auch das war typisch, es gab natürlich Heckenschützen aus den eigenen Reihen. Von Weizsäcker wurde das böse Wort vom „konturenarmen Nischenossi“ kolportiert. Und überhaupt der gesamte liberale Flügel der CDU, also Süssmuth & Co., Merkelisten „avant la lettre“ allesamt, sahen in Heitmann natürlich den Leibhaftigen. So steht im Rückblick der Fall als ein Beispiel für die Versuche in den 90ern, die linksliberale Deutungshoheit zu schleifen, sich der linken „Politischen Korrektheit“ zu widersetzen. Es blieb erfolglos, so wie andere Versuche, etwa zum 50. Jahrestag der Kapitulation am 8. Mai 1995.

Aber: Der Frust über diese Niederlagen ließ rechts auch eine neue Agilität aufkommen. Eine junge, demokratische Rechte nahm nun, eher intellektuell, weniger parteipolitisch, den Kampf um die Deutungshoheit auf. Nur ein Beispiel: Der Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht ein Jahr später. Auch Heitmann war mit einem Beitrag dabei. Die Linke musste schmerzlich erkennen: Intelligenz, Intellektualität und analytische Scharfkantigkeit können auch von rechts kommen. 

2015 trat er aus der CDU aus

Steffen Heitmann selbst wirkte in der sächsischen Landespolitik weiter, von 1995 bis 2010 war er einer der Herausgeber des „Rheinischen Merkur“.  2015 trat er mit einem offenen Brief an die Kanzlerin aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik aus der CDU aus. Der zentrale Satz: „Ich habe mich noch nie – noch nicht einmal in der DDR – so fremd im eigenen Land gefühlt.“

Zuletzt litt er schwer an einer Parkinson-Erkrankung. In einem Telefonat vor seinem Tod soll der gläubige Protestant, wie Hellmut Matthies in einem Nachruf für die „Junge Freiheit“ geschrieben hat, bekannt haben: „Ich weiß nicht, warum Gott mir das zumisst. Aber ich vertraue ihm.“

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