Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Putin ist der Erbe Stalins

In der Anerkennung des stalinistischen Völkermords an den Ukrainern vor 90 Jahren ist Deutschland ein Nachzügler, kein Vorreiter. Immerhin sieht man in Berlin die Parallelen zu heute.
Putin und Stalin
Foto: Dmitri Lovetsky (AP) | Büsten, die unter anderem den russischen Präsidenten Wladimir Putin und den sowjetischen Diktator Josef Stalin darstellen, werden in einem Souvenirladen zum Verkauf angeboten.

Damals Stalin, heute Putin: Nicht nur der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wagte rund um das Holodomor-Gedenken am Wochenende diese Parallele: Josef Stalin habe vor 90 Jahren die Ukrainer durch Hunger zu brechen versucht, Wladmir Putin versuche es heute durch Dunkelheit und Kälte. Selbst Bundeskanzler Olaf Scholz sagte in deutlicher Anspielung auf Putins Vorgehen, Hunger dürfe nie wieder als Waffe eingesetzt werden. Papst Franziskus erinnerte in einem auf Ukrainisch verfassten Brief an den Holodomor vor 90 Jahren, um dann den aktuellen „absurden Wahnsinn des Krieges“ sowie Terror und Aggression scharf zu verurteilen.

Lesen Sie auch:

Offensichtlich aufgerüttelt durch die aktuellen, von Putin vorsätzlich herbeigeführten Tragödien in der Ukraine, hat sich der Deutsche Bundestag jetzt dazu entschlossen, den Holodomor als „Menschheitsverbrechen“ anzuerkennen. Endlich! Denn wenngleich noch immer darüber diskutiert wird, wie viele Millionen Menschen damals ums Leben kamen, so ist eines doch unbestreitbar: Stalin versuchte gezielt, die Ukrainer und ihre kulturelle Identität durch einen Genozid zu brechen.

Auch der Vatikan anerkannte den Völkermord

In der Sowjetunion war das Thema völlig tabuisiert, über den Holodomor durfte nicht gesprochen werden. Mittlerweile haben neben der Ukraine, einigen ihrer Nachbarstaaten (Polen, Ungarn) und Leidensgenossen (Estland, Lettland, Litauen) mehr als ein Dutzend Staaten weltweit den Holodomor als Völkermord verurteilt – auch das Repräsentantenhaus der USA und das Europäische Parlament. Und natürlich der Heilige Stuhl. Deutschland ist in der Anerkennung dieses Verbrechens kein Vorreiter, sondern ein Nachzügler.

Übermorgen wird der Deutsche Bundestag den Holodomor der Jahre 1932/33 als Genozid am ukrainischen Volk anerkennen. Darauf haben sich die Koalitionsfraktionen und die CDU/CSU-Fraktion geeinigt. Dieses „Menschheitsverbrechen“ reihe sich ein „in die Liste menschenverachtender Verbrechen totalitärer Systeme, in deren Zuge vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa Millionen Menschenleben ausgelöscht wurden“, heißt es in dem Text, der am Mittwochabend in Berlin zur Abstimmung steht.

Die Resolution wagt auch den Brückenschlag zur Gegenwart: „Mehr denn je treten wir in diesen Tagen des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine, der gleichzeitig einen Angriff auf unsere europäische Friedens- und Werteordnung darstellt, dafür ein, dass für Großmachtsstreben und Unterdrückung in Europa kein Platz mehr sein darf.“ Das sind klare Worte, die klare Taten erhoffen lassen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier CDU/CSU-Bundestagsfraktion Deutscher Bundestag Josef Stalin Papst Franziskus Stalinismus Terrorismus Wladimir Wladimirowitsch Putin Wolodymyr Selenskyj

Weitere Artikel

Selenskyj ist ein Held, aber kein Heiliger und die Ukraine ist nicht perfekt. Trotzdem geht der Vorschlag, jetzt Wahlen abzuhalten, in die Irre.
26.08.2026, 16 Uhr
Stephan Baier
Die Ukraine als Teil der „Heiligen Rus“? Mit einer geschichtlichen Tiefenbohrung widerlegt der ukrainische Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko Wladimir Putins nützliche Narrative.
29.07.2026, 07 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Papst Leo XIV. tritt seine historische Südamerika-Reise an. Ihn erwartet eine Kirche, die Massen mobilisiert und die Sorgen der Menschen hautnah spürt.
05.11.2026, 19 Uhr
Tobias Käufer
Ist die Josef-Pieper-Stiftung noch im Franz-Hitze-Haus des Bistums Münster willkommen? Wie aus dem Streit um Bischof Robert Barron ein Tauziehen um eine mögliche Tagung wurde.
05.11.2026, 11 Uhr
Benjamin Leven
Damit auch im dritten Jahrtausend die Klöster kraftvoll bleiben, bedarf es einer großen EU-Initiative.
05.11.2026, 09 Uhr
Henry C. Brinker
Heiligenkostüme statt Halloween: Die Pfarrei St. Marien im Marienwallfahrtsort Neviges hat ein Alternativprogramm angeboten: Wieso die Initiative missionarisch ist.
04.11.2026, 19 Uhr
Regina Einig
In der Auseinandersetzung mit Papst Leo XIV. wird Bischof Georg Bätzing zum Systemtheoretiker. Doch seine Kritik beruht auf einem Missverständnis.
04.11.2026, 17 Uhr
Benjamin Leven