Franz Herre ist jemand, den es eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen. Zumindest nach Meinung derjenigen, die in der Zeit in der universitären Geschichtswissenschaft das Sagen hatten, in der Herre mit seinen Büchern die größten Verkaufserfolge feierte. Der Journalist, der eigentlich promovierter Historiker war, beteiligte sich nämlich nicht an abstrakten Theoriediskussionen, sondern schaute lieber in die Quellen – kritisch natürlich – und erzählte.
Die Sozialgeschichte, die damals an Deutschlands hohen Schulen als en vogue galt, verteufelte aber die Vorstellung, dass Geschichte von Menschen oder, noch schlimmer, gar von großen Persönlichkeiten gemacht werde. Die einzige große historische Wirkkraft, das seien die gesellschaftlichen Strukturen. Herre, der, wie jetzt bekannt geworden ist, kurz nach Neujahr mit fast 100 Jahren verstorben ist, kümmerte es nicht. Er wurde so über die Jahre zum Meister der Biografie unter den deutschen Historikern.
Von Klemens Fürst von Metternich bis König Ludwig II.
Vor allem den großen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts widmete er seine Bücher, 24 Titel umfasste zum Schluss seine Werkliste in diesem Genre (Herre schrieb nämlich auch noch Bücher zu anderen Themen.) Ob der österreichische Staatskanzler Klemens Fürst von Metternich oder der preußische Reformer Freiherr vom Stein, Kaiserin Maria Theresia, König Ludwig II. oder George Washington – Herres Biografien waren nicht nur Porträts seiner Protagonisten, sondern auch der Zeit, in der sie lebten.
Nimmt man sie alle zusammen, ergeben sie ein umfassendes Bild des 19. Jahrhunderts. Und dabei galt für den Katholiken, der in Augsburg aufgewachsen ist, das, was auch für mehr säkular geprägte Kollegen aus der Zunft ebenfalls zutrifft: Der Historiker ist nicht nur der bloße Analytiker und Deuter einer vergangenen Zeit, er ist natürlich auch selbst durch Geschichte geprägt. Die Historiker-Persönlichkeit ist selbst aus einem geschichtlich geprägten Umfeld herausgewachsen – und genau deswegen sind für sie bestimmte Personen aus der Geschichte besonders interessant.
Süddeutsch, katholisch, föderalistisch – und ja, auch liberal. Wenngleich liberal hier nicht parteipolitisch zu verstehen ist, eher schon im Sinne der „liberalitas bavariae“. Hier ist eine Anekdote aus einem Buch aufschlussreich, in dem Herre beschreibt, wie er als junger Journalist die Anfänge der Bundesrepublik erlebt. Für liberale Vorstellungen habe er ja durchaus Sympathien gehabt, aber als er gesehen habe, wie ein Fanfarenzug für die damals stramm nationale FDP bei einer Wahlkampfveranstaltung aufgezogen sei, hätte er davon zumindest genug gehabt.
Er erlebte den Bundeskanzler aus nächster Nähe
Das Buch, Herre veröffentlichte es 1997, trägt den bezeichnenden Namen: „A wie Adenauer. Erinnerungen an die Anfänge der Bonner Republik“ (Heyne Verlag, es ist heute nur noch antiquarisch zu erhalten.) Herre wurde schon ziemlich jung zunächst Leiter des außenpolitischen Ressorts des „Rheinischen Merkurs“ und dann später Chefredakteur der „Deutschen Welle“. Den ersten Bundeskanzler erlebte er aus nächster Nähe mit und baute eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm auf.
Das Buch erklärt aber auch, warum ein junger Mann diesem Gründungskanzler, der sein Großvater hätte sein können, ein besonderes Vertrauen entgegenbrachte. Das hängt eben mit der süddeutschen, katholischen Prägung zusammen. Herre stammte aus einer Region, in der die Traditionen des alten Reiches – das mag seine Vorliebe auch für bestimmte Protagonisten des 19. Jahrhunderts erklären – noch lebendig waren. Sie waren die historischen Referenzpunkte, nicht der deutsche Nationalstaat von 1871.

Wie Herre weltanschaulich tickte, zeigt sich auch daran, dass er als junger Mann im „Neuen Abendland“ publizierte. Jener wichtigen Kulturzeitschrift, in der nach dem Zusammenbruch 1945 darüber nachgedacht wurde, wie das Erbe des christlichen Abendlandes für einen Neuanfang fruchtbar gemacht werden könnte. Sie erschien damals zunächst im Johann Wilhelm Naumann Verlag und wurde dann später von Fürst Erich von Waldburg-Zeil übernommen.
Eine durch drei Tendenzen geprägte Perspektive
Diese Perspektive ist durch drei Tendenzen geprägt: personalistisch, föderalistisch und damit anti-kollektivistisch und anti-totalitär. In Konrad Adenauer sahen junge Männer wie Herre einen Gewährsmann dafür, dass die neue Republik auf das richtige Gleis gesetzt wird. Sehr kritisch betrachtete der junge Journalist hingegen Kurt Schumacher, den damals führenden Mann der SPD. Dessen nationalistische Tendenzen schmeckten Herre nicht.
Die Lektüre von Herres nun auch fast schon 30 Jahre altem Erinnerungsbuch überrascht dadurch, wie viele aktuelle Probleme schon in der Ära Adenauer eine Rolle gespielt haben: zum Beispiel das Verhältnis von Europa zu den USA. So berichtet Herre von einem Leitartikel im „Rheinischen Merkur“, in dem er sich kritisch mit dem wichtigen außenpolitischen Berater der Truman-Regierung, George F. Kennan, auseinandergesetzt habe.
Unter der bezeichnenden Überschrift „Der Weg nach Kenaan“ habe er bemängelt, dass der Regierungsberater vorgeschlagen hatte, „durch zweiseitige Verhandlungen zwischen Washington und Moskau, auf dem Rücken und auf Kosten Europas, in erster Linie Deutschlands, ein Arrangement zwischen den beiden Supermächten zuwege zu bringen“. Adenauer habe den Artikel zustimmend vor den Abgeordneten der CDU geschwenkt und sie aufgefordert, den Text zu lesen und zu beherzigen. Wer diesem US-Außenpolitiker folge, lande eben „im gelobten Land der Koexistentialisten und Neutralisten“.
Schon damals gab es Probleme mit dem ÖRR
Und damals gab es auch schon Probleme mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der aus Sicht des Kanzlers zu linken ARD sollte ein freundlicheres „Adenauer-Fernsehen“ gegenübergestellt werden, erst viel später gab es dann das ZDF. Aber dieses Projekt scheiterte an einem Veto des Verfassungsgerichtes. Herre war als Leiter der politischen Abteilung der „Deutschland-Fernsehen GmbH“ direkt daran beteiligt, er entwickelte ein Konzept für ein künftiges Programm und suchte nach geeigneten Kommentatoren.
Die Richter bemängelten, dass die GmbH durch den Bund gegründet worden war, die Sender aber nun einmal Ländersache seien.
Herre musste sich nun, wir schreiben das Jahr 1961, einen neuen Job suchen. Dass Herre ein Angebot von Axel Springer ablehnte und lieber zur Deutschen Welle ging, ist charakteristisch. Der Verleger hatte ihm erklärt, er wolle die Konservativen im Land um sich scharen.
Doch Herre entgegnete Springer, sein Konservatismus sei nicht wie bei dem Verleger auf Bismarck und 1871 zurückzuführen, er beziehe sich auf 1776, das Gründungsjahr der USA, und auf Thomas Jefferson oder gehe noch weiter zurück, bis zu Thomas von Aquin: „conservare ordinem naturalem“. Vielleicht schreibt ja auch jemand einmal eine Biografie über Franz Herre.
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