Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Kritisch und unzensiert

Deutschland denkt öffentlich über den weiteren Umgang mit der Pandemie nach. Warum das gut ist.
Es war nicht alles falsch, aber auch nur wenig alternativlos
Foto: Marcus Brandt (dpa) | Es war keineswegs alles falsch, was Deutschland in den vergangenen zwei Jahren gewillt war, zu tun. Aber auch nicht alles richtig und kaum etwas davon tatsächlich alternativlos.

Deutschland denkt nach. Vorbei die Zeiten, in denen wir schweißgebadet, mit weitaufgerissenen Augen den Corona-Ticker auf dem Smartphone verfolgten und uns, „wir werden alle sterben“ seufzend, Gedanken zum Design unseres Grabsteins machten. Vorbei die Zeiten, in denen ein R-Wert größer oder gleich 1 (ganz nebenbei: wo liegt der eigentlich aktuell?) das Land der Dichter und Denker in Schockstarre versetzte und die Twitter-Gemeinde unter dem Hashtag #WirwollenKarl nach dem Corona-Sheriff rufen ließ. Vorbei die Zeiten, in denen man unwidersprochen von einer „Pandemie der Ungeimpften“ schwadronieren durfte und in denen demjenigen der Applaus sicher war, der Frank Ulrich Montgomery zu rezitieren verstand: „Wenn Du zum Ungeimpften gehst, vergiss die Peitsche nicht.“

Die Bilder von Bergamo essen nicht mehr unsere Seele auf

Deutschland denkt nach. Und derzeit nicht wenig. Mit Virologen wie Hendrik Streeck und Klaus Stöhr über „sterile Immunität“. Mit den Gesundheitsämtern über die Durchführbarkeit der einrichtungsbezogenen Impfpflicht. Mit dem Deutschen Pflegerat, der Deutschen Stiftung Patientenschutz und der Bundesagentur für Arbeit über einen möglichen „Pflexit“ und darüber, was der aus Deutschland machen könnte. Mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) über Öffnungsperspektiven. Mit dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung über das „Große 1x1“ der Krisenkommunikation. Mit dem Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags über die Rechtmäßigkeit der Änderung des Genesenen-Status.

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Deutschland denkt nach. Und hat dafür inzwischen auch die zweite Gehirnzelle in Betrieb genommen. Omikron, das ohne Ansehen der Person durch Ungeimpfte, vollständig Geimpfte und Geboosterte rauscht, sei Dank. War es das also? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls essen die Bilder von Bergamo nicht mehr unsere Seele auf. Wenn das kein Fortschritt ist, was dann?

Es war nicht alles falsch, aber auch nur wenig alternativlos

Deutschland denkt nach. Und je mehr es das tut, wird es im Rückblick feststellen: Es war keineswegs alles falsch, was es in den vergangenen zwei Jahren gewillt war, zu tun. Aber auch nicht alles richtig und kaum etwas davon tatsächlich alternativlos. Es wird sich Fehler, die uns zu Menschen machen, „verzeihen“ müssen (Jens Spahn). Und es darf das. Es ist seine erste Pandemie.

Deutschland denkt nach. Nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Parlamenten und in den Medien. Demnächst vielleicht auch wieder darüber, dass es zu unserer gefallenen Natur gehört, dass Menschen sterben und unser Leben auf Erden endlich ist. Der Preis, den wir dafür gezahlt haben, war hoch. Viel zu hoch, als er sich jemals rechnen könnte. Möge er wenigstens nicht vergeblich gewesen sein. Denken wir daher weiter nach. Durchaus auch kritisch und kontrovers, nur ab jetzt miteinander und gemeinsam.

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