Berlin

"Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften"

Hochdekorierte Wissenschaftler widersprechen dem von Politikern und zahlreichen Medien bevorzugten Narrativ.
Coronavirus - 2G Regel
Foto: Paul Zinken (dpa) | "2G" steht in Großbuchstaben auf dem Zettel an der Eingangstüre eines Geschäftes in der Simon-Dach-Straße in Berlin.

In Österreich herrscht seit Montag ein Lockdown für Ungeimpfte. Auch Deutschland bewegt sich zügig in diese Richtung und erhöht weiter den Druck auf diese. Unterdessen hat der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, der Ansicht widersprochen, wir befänden uns in einer Pandemie der Ungeimpften. Der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte der Virologe: "Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie."

Drosten erklärt, warum es so viele Impfdurchbrüche gibt

In dem dreiseitigen Interview, das "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und der Leiter des Ressort Wissen, Andreas Sentker, mit Drosten führten, erklärt der 49-Jährige zudem, warum es so viele Impfdurchbrüche gibt. "Die Delta-Variante hat leider die Eigenschaft, sich trotz der Impfung zu verbreiten. Nach zwei, drei Monaten beginnt der Verbreitungsschutz der Impfung zu sinken. Und wir haben ganz viele Menschen gerade in den relevanten Altersgruppen, die schon im Mai oder Juni geimpft worden sind. Die verlieren jetzt allmählich ihren Verbreitungsschutz, und sie werden immer mehr."

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Den in dieser Zeitung bereits berichteten Umstand, demzufolge doppelte geimpfte Menschen ähnlich infektiös sein können wie Ungeimpfte, wenn auch nicht so lange, bestätigte Drosten ebenfalls: "Die Viruslast   und ich meine die isolierbare infektiöse Virenlast   ist in den ersten paar Tagen der Infektion durchaus vergleichbar. Dann sinkt sie bei Geimpften schneller. Das Dumme ist, diese Infektion wird gleich am Anfang übertragen."

Vor dem Auftreten der Virusvarianten habe man hoffen können, "dass nach der Impfung auch ein monatelanger Übertragungsschutz besteht." Damals habe man daher "zu Recht über einen möglichen Herdenschutz diskutiert: Man impft 70 Prozent und der Rest infiziert sich nach und nach in den nächsten Monaten bis Jahren". Jetzt könne man "auf diesen Effekt nicht mehr hoffen. Das Delta-Virus verbreitet sich bei einer erheblichen Fraktion der Geimpften weiter", so Drosten.

Infektionsschutz sinkt offenbar unterschiedlich schnell

Laut einer Studie schwedischer Forscher von der Universität Umea sinkt der Schutz vor einer Infektion unterschiedlich schnell. Glaubt man dem Team um Peter Nordström, dann beträgt die durchschnittliche Impfeffektivität bei dem Impfstoff von Moderna nach sechs Monaten nur noch 60 und bei dem von Biontech/Pfizer nur noch 30 Prozent. Bei dem Vakzin von AstraZeneca konnten die Forscher bereits nach vier Monaten gar keine Effektivität mehr messen.

Bei der Expertenanhörung Anfang der Woche im Bundestag sprach sich Drosten für Kontaktbeschränkungen aus. Ähnlich äußerte sich die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Die Etablierung von 2G und 3G-Regelungen im öffentlichen Raum, werde "nicht reichen um die Fallzahlen runterzubringen". Priesemann, die zu den Wissenschaftlern zählt, die Anfang des Jahres eine "No Covid"-Strategie vorgestellt hatten, sprach sich bei der Anhörung für ein schnelleres Tempo bei den Grund- und Auffrischungsimpfungen aus. Auch die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Frankfurter Universitätsklinikum, Sandra Ciesek, zeigte sich wenig überrascht von den Impfdurchbrüchen.

Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Ciesek: "Es war zu erwarten." Bei "respiratorischen Infektionen" würden "auf der Schleimhaut nur für relativ kurze Zeit Antiköper gebildet. Daher kommt hier keine Immunität zustande, die für längere Zeit vor Ansteckung schützt." Auf die Frage, was geschehen müsse, um die vierte Welle zu brechen, antwortete die 43-Jährige: "Wenn wir eine Überlastung der Krankenhäuser vermeiden und erreichen wollen, dass möglichst wenig Menschen erkranken und versterben, wird es wohl ohne Kontaktbeschränkungen nicht gehen. Wenn wir ein möglichst normales Leben wollen, ist der Weg ein anderer."

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