Glücklich das Land, das keinen Staatsmann wie Konrad Adenauer nötig hat? So ähnlich formulierte es vor Kurzem der Schriftsteller Navid Kermani: „Es wird keine politische Lebensleistung geben, hoffentlich niemals mehr für einen deutschen Politiker geben müssen, die derjenigen von Konrad Adenauer auch nur nahekommt.“
Kermani, einer der klügsten Köpfe, die das Deutschland der Gegenwart aufzubieten hat, Orientalist, Publizist, Essayist, nicht zuletzt Freund von Martin Mosebach, ein Analytiker wie Seismograf der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, hob damit zum einen die historische Bedeutung des Gründungskanzlers hervor: Nach der deutschen Niederlage und dem Zusammenbruch des NS-Regimes führte Adenauer Deutschland wieder in die zivilisierte Welt. Gleichzeitig machte Kermani damit aber deutlich, dass sich heute natürlich niemand so einen Epochenbruch wünschen könne, der eine ähnliche politische Gründungsfigur für einen Neuanfang notwendig erscheinen ließe.
Brauchen wir nicht doch einen neuen Adenauer?
Norbert Lammert hat in seiner Festrede zum 150. Geburtstag von Adenauer nun genau dieses Zitat von Kermani erwähnt. Und damit sprach der ehemalige Bundestagspräsident und jetzige Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) eine Frage an, die sich wie eine Art Leitmotiv schon seit einigen Tagen durch die Feierlichkeiten rund um den Jubeltag des ersten Bundeskanzlers zieht: Brauchen wir nicht doch einen neuen Adenauer? Oder vielleicht zumindest Politiker, die wenigstens ein bisschen etwas von seiner staatsmännischen Konstitution haben?
Natürlich stehen Deutschland, Europa und die Welt nicht vor einem Epochenbruch wie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dass sich aber im Moment ziemlich viel grundlegend ändert, wird wohl auch der nicht bestreiten können, der die mittlerweile zum Schlagwort gewordene Rede von der „Zeitenwende“ nicht mehr hören kann. Gerade das Wochenende vor diesem Geburtstag illustrierte diese Lage deutlich: Da war zum einen die US-„Spezialoperation“ in Venezuela, die erneut unter Beweis gestellt hat, dass die USA unter Donald Trump ein anderer Bündnispartner sind als seit der Ära Adenauer gewohnt. Aber auch der Stromausfall in Berlin infolge eines vermutlich linksextremen Anschlags unterstreicht: In Deutschland wird es krisenhafter.
Angesichts dieser eher dunklen Kulisse hätte so eine Jubel-Veranstaltung ein Fluchtpunkt sein können: Gefeiert wird im alten Bonner Plenarsaal, der mittlerweile zum World Conference Center auf dem UN-Campus in Bonn gehört. Der Rhein liegt nicht weit, ebenso die vielen anderen zentralen Orte der Bonner Republik. Nostalgie pur: So schön war es einmal. Doch dieser Gefahr sind die Veranstalter nicht erlegen. Die Bundeskanzler-Adenauer-Stiftung, die die Gedenkstätte in Rhöndorf und eine Dependance von ihr in Berlin betreibt, wie die KAS, haben ein Festprogramm zusammengestellt, bei dem keine solche falsche Nostalgie aufkommt, dafür aber unterstrichen wird, dass die Bundesrepublik ihre Wurzeln kennen muss, um aus ihnen Kraft für die Herausforderungen von heute zu schöpfen.
Eine Persönlichkeit mit entscheidenden Eigenschaften
„Am Anfang war Adenauer“, dieses Diktum des Historikers Arnulf Baring, das in diesen Tagen viel zitiert wird, heißt dann: Adenauer hat die Bundesrepublik in eine Spur gesetzt. Er hat, so sagte es Norbert Lammert, Richtungsentscheidungen für den neuen Staat getroffen, „die das Gegenteil dessen waren, was man heute gerne einen Selbstläufer nennt“. Das gilt für die Versöhnung mit Frankreich, die Freundschaft zu Israel, für die Entscheidung für Westbindung und Soziale Marktwirtschaft, vor allem für die Verpflichtung dieser Bundesrepublik auf das sich einigende Europa.
Vor diesem Hintergrund – so zeigte die Festveranstaltung – ist vor allem an drei Aspekte zu erinnern: Warum konnte Adenauer in dieser Weise einen Anfang setzen? Weil er eine Persönlichkeit mit entscheidenden Eigenschaften war: der europäisch denkende Rheinländer, der selbstbewusste Kölner Bürger und der fromme Katholik. Der zweite Aspekt: Wie ist das Verhältnis der Bundesrepublik von heute zu ihrem Anfang? Ist das Land noch in der Spur, die Adenauer ausgelegt hat? Oder auch anders: Versteht Deutschland heute Adenauers Anfang überhaupt noch? Und schließlich damit eng zusammenhängend: Ist die politische Klasse in der Lage, den Zug Deutschland in den Adenauer-Gleisen zu halten? Norbert Lammert sprach von den starken Schultern Adenauers, auf denen heute alle stünden, „die demokratisch gewählt für begrenzte Zeit Verantwortung übernommen haben“. Finden sie in dieser Position noch die Balance oder kippen sie nach rechts oder links über?
Auf eine spezielle Gefahr, genau dieses Gleichgewicht zu verlieren, machte Nathanael Liminski (CDU) in seinem Grußwort deutlich. Und zwar im Blick auf die internationale Politik. In eine Anekdote verkleidet beschrieb er die Konsequenzen, die ein Europa in der Adenauer-Spur nach dem Venezuela-Wochenende endgültig ziehen müsse. Der Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten von NRW erinnerte an seine Studienzeit an der Uni Bonn. Damals gründete er auch die „Generation Benedikt“, einen Zusammenschluss junger Katholiken, die den deutschen Papst in den Medien unterstützten.
Europa als „tragende Säule“ des Westens
Im „Hauptberuf“ war der heute 40-Jährige aber Geschichtsstudent. Und gleich seine erste Hausarbeit sei dem Verhältnis Adenauers zu den USA gewidmet gewesen, berichtete er. Liminskis Bilanz: „Auch Adenauer kannte die Kraft des Isolationismus und die Volatilität der amerikanischen Demokratie.“ Deswegen habe er sich stets um die Zuverlässigkeit des amerikanischen Partners gesorgt. Die Konsequenz daraus: Europa sei nie als Alternative zum Westen verstanden worden, sondern als eine „tragende Säule“. Wenn aber die andere tragende Säule, die USA, instabil werde, dann müsse Europa daraus sicherheitspolitische Konsequenzen ziehen. Adenauer habe auch deswegen das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1954 als größtes europapolitisches Unglück verstanden. Liminskis Stoßrichtung war dabei klar: Jetzt ist der Zeitpunkt da, so eine Verteidigungsgemeinschaft voranzubringen. Dabei sei Europa nicht als Ersatz für die Nato zu verstehen, Europa stehe ja nicht für die Abkehr vom Westen, sondern für dessen Verstärkung.
Diesen Aspekt griff auch David McAllister in seiner Festrede auf. Der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident, der jetzt für die Christdemokraten im Europäischen Parlament ist, sitzt dort dem Auswärtigen Ausschuss vor. Und nicht ganz unwichtig, er ist auch Vizepräsident der Europäischen Volkspartei und der Internationalen Demokratischen Union, dem weltweiten Zusammenschluss konservativer und christdemokratischer Parteien, Trumps Republikaner sind dort auch Mitglied.
McAllister zitierte aus Adenauers letzter großer außenpolitischer Rede, die dieser wenige Wochen vor seinem Tod in Spanien gehalten hatte, und deutete sie als Vermächtnis für die Gegenwart: Es werde der Moment kommen, an dem Europa auf eigenen Füßen stehen müsse, so hatte der 91-jährige Adenauer 1967 gesagt. Und jetzt, so McAllister, sei dieser Moment da. „Wir brauchen endlich eine effektive europäische Außen- und Sicherheitspolitik.“ Und es gelte daher, an die Idee der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft anzuknüpfen. Die Nato sei und bleibe die wichtigste Sicherheitsgarantie Europas, aber gleichzeitig müsse Europa eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur verwirklichen. Dazu zähle auch eine gemeinsame Rüstungsindustrie. Eine Schlüsselrolle komme dabei Frankreich als der einzigen europäischen Nuklearmacht zu.
Aufschlussreich, wo Lammert vom Redemanuskript abweicht
Auf diesem Feld müsse es, so McAllister, schnell zu Fortschritten kommen, wenn nötig auch zunächst nur in einer „Koalition der Willigen“, zu der sich die Länder zusammenschließen, die sofort voranschreiten wollen. Szenenapplaus gab es für McAllister, als er sich Richtung Ungarn wendete: „Wir werden nicht mehr darauf hören, wenn ein einzelner Herr aus Budapest den Takt in Europa vorgeben will.“ Der ungarische Premier Viktor Orbán gibt sich selbst, obwohl längst mit seiner Partei aus der EVP ausgeschieden, gerne als alter Christdemokrat, der im Grunde nur in der Tradition der Politik Helmut Kohls stehe. Dass er dazu auch die Symbolik zu nutzen weiß, zeigte er, als er den kranken Kohl 2016 in dessen Haus in Oggersheim besuchte. Er kam am 19. April, dem Todestag Adenauers.
Norbert Lammert schließlich sprach in seiner Festrede zumindest indirekt die Frage an, wie es denn heute um eine Adenauer vergleichbare Führungsstärke stehe. Vor allem mit Blick auf seine Partei, die CDU. Lammerts Rede war schon am Montagmorgen in der FAZ abgedruckt worden. Umso mehr musste auffallen, wo er vom Manuskript abwich: Es lohne der Vergleich der CDU-Ergebnisse bei der vergangenen und bei der ersten Bundestagswahl, erläuterte Lammert dem Plenum, 1949, obwohl die Partei völlig neu und unbekannt gewesen sei, sei der Stimmenanteil höher gewesen als jetzt.
Lammert will ganz offensichtlich, dass seine Parteifreunde darüber nachdenken, ob die CDU von damals, die tatsächlich als die Innovation der deutschen Parteiengeschichte 1949 antrat, nicht profilierter gewesen sei als die von heute. Dazu kann man auch eine andere Anmerkung des prominenten Christdemokraten nehmen: Adenauer, so Lammert, habe ganz zu Recht neben seinen vielen politischen Leistungen die erfolgreiche Gründung dieser neuen Partei zu seinen größten Erfolgen gerechnet. Schließlich hob Lammert hervor: In seine wichtigsten Rollen, die des „Gründervaters des neuen Europas“ und des „Veränderers und Erneuerers, der Wiederaufbau und Modernisierung miteinander zu verbinden wusste“, sei Adenauer nicht demokratisch gewählt worden. Diese Rollen, so die Quintessenz von Lammert, konnte er nur dank seiner Persönlichkeit ausfüllen.
Eine Frage nach dem kulturellen Nährboden
Und so ist die Frage nach der politischen Führung eben wohl vor allem eine Frage nach dem kulturellen Nährboden, in dem solche politischen Pflanzen wachsen können. Zentral ist hier die Familie. Und das war ein sichtbares Zeichen im alten Plenarsaal: Zahlreiche Nachfahren Konrad Adenauers, er hatte insgesamt acht Kinder, hatten sich sozusagen in Fraktionsstärke versammelt. So ein kultureller Nährboden kann aber auch institutionell gepflegt werden. Dieser Aufgabe hat sich die Stiftung verschrieben, die den Namen des ersten Bundeskanzlers trägt.
Viele sind offenbar der Meinung, dass Norbert Lammert, der mit seiner Rede eine Art Abschiedsvorstellung gab, seine Rolle als Vorsitzender der KAS gut ausgefüllt hat. Entsprechend lang fiel der Beifall für ihn aus. Aber auch seine Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer wurde freundlich begrüßt. Damit schwang wohl auch die Hoffnung mit, dass die Profilierung dessen, was christdemokratische Politik sei, voranschreitet. Bundeskanzler Friedrich Merz, der kürzlich etwas flapsig bemerkt hatte, Adenauer habe es leichter gehabt als er, war übrigens nicht anwesend. Er entließ gestern seinen Büroleiter.
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