München

Politologe Weidenfeld: „Jamaika“ ist spannendere Option

In einer „Jamaika“-Koalition steckt für den Münchner Politologen Werner Weidenfeld mehr Zukunftspotenzial. Wahrscheinlicher sei aber die „Ampel“.
Nach der Bundestagswahl
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Wer der wirkliche Sieger der Bundestagswahl ist, lasse sich nach Meinung Weidenfelds an einem punktuellen Wahlergebnis nicht festmachen.

Der Münchner Politologe Werner Weidenfeld hält eine „Jamaika“-Koalition für die spannendere Option einer künftigen Bundesregierung. Union, FDP und Grüne würden mehr Potenzial aufbieten, ein Zukunftsbild zu entwerfen, meint Weidenfeld im Gespräch mit dieser Zeitung. „Sie sind weniger als die SPD den alten politischen Kategorien verhaftet.“ 

Grünen-Basis drängt zur SPD

Wahrscheinlicher ist nach Ansicht des emeritierten Professors für Politische Systeme und Europäische Einigung an der Ludwig-Maximilians-Universität München jedoch eine „Ampel“-Koalition unter Führung der SPD. Die Basis der Grünen, so Weidenfeld, würde zur SPD hindrängen. Bei der FDP gebe es zwar auch einen Drang zur Union. Der sei aber nicht so stark wie die Bewegung der Grünen in Richtung SPD.

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Im Ko-Parteivorsitzenden der Grünen, Robert Habeck, und dem Parteichef der FDP, Christian Lindner, sieht Weidenfeld das Potenzial, klare Zukunftsbilder zu entwickeln, nach denen sich die Wähler sehnen würden. In einer Koalition sei es deren Aufgabe, „die Ökologie mit einem freiheitlichen Politikverständnis zu versöhnen“. Im Kanzlerkandidaten der SPD, Olaf Scholz, sieht der 74-Jährige dieses Potenzial nicht. „Er punktet eher nur als der regierungserfahrene, nüchterne Hanseat.“ Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union, verfüge „schon eher“ über klare Zukunftsvorstellungen. Bei ihm bestehe aber das Problem, „dass solche langfristigen Gedanken zwar immer wieder aufblitzen, aber er das dann nicht konsequent durchbuchstabiert“.

SPD nicht unbedingt Wahlsieger

Wer der wirkliche Sieger der Bundestagswahl ist, lasse sich nach Meinung Weidenfelds an einem punktuellen Wahlergebnis nicht festmachen. „Das wird sich erst im weiteren Verlauf zeigen.“ Zwar beanspruche die SPD den Sieg für sich, „vergisst aber dabei, dass sie früher einmal an der 40 Prozent-Marke kratzen konnte und am Sonntag auch eines ihrer schlechtesten Ergebnisse eingefahren hat“.

In der medialen Zuspitzung, betont Weidenfeld, komme es zu Verkürzungen: „Einmal wird gesagt, die SPD sei die stärkste Partei also solle sie auch den Bundeskanzler stellen.“ Wenn dieser Automatismus grundsätzlich gelten würde, „dann wären Willy Brandt und Helmut Schmidt nie Bundeskanzler geworden“, so der Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung.  DT/mlu

Lange haben sich Volksparteien über ihren weltanschaulichen Kern definiert. Wird das in Zukunft noch so sein? Und was erwarten die Wähler überhaupt von den Parteien? Lesen Sie dazu das ausführliche Interview mit Werner Weidenfeld in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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