Missbrauch

Regula Lehmann: Kinder vor Missbrauch schützen

Studien belegen, dass der Kindesmissbrauch zunimmt. Regula Lehmann von der „Elterninitiative Sexualerziehung Schweiz“ erklärt  die Gründe für die Zunahme und was Eltern tun können
Selbstbewusste, aufgeklärte Kinder sind für Missbrauch weniger gefährdet.
Foto: Hodei Unzueta via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Selbstbewusste, aufgeklärte Kinder sind für Missbrauch weniger gefährdet.

Frau Lehmann, wie weit verbreitet ist das Phänomen des Kindesmissbrauchs in der Gesellschaft heute?

Sexuelle Übergriffe auf Kinder sind leider noch immer weit verbreitet und kommen in jeder Gesellschaftsschicht vor. In der Schweiz gehen wir davon aus, dass rund jedes siebte Kind mindestens einmal sexuelle Gewalt mit Körperkontakt durch Kinder oder Erwachsene erlebt. Schweizweit wurden im Jahr 2020 1257 Fälle von sexuellen Handlungen mit Kindern erfasst. Weil jedoch längst nicht alle Straftaten gemeldet werden, müssen wir annehmen, dass es noch weit mehr von sexueller Gewalt betroffene Kinder gibt. Die Gewalt ausübenden Personen kommen dabei aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus. Hohes Gefahrenpotenzial birgt laut „Kinderschutz Schweiz“ auch der virtuelle Raum. Das Ausmaß der Übergriffe auf Minderjährige ist dort, wie beispielsweise die Doku „Gefangen im Netz zeigt“,  erschreckend hoch. Auch in Deutschland nehmen die Fälle von Kindesmissbrauch zu: die in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2020 erfassten Missbrauchsdelikte sind innerhalb eines Jahres um 6,8 Prozent auf über 14  500 Fälle gestiegen.  Stark angestiegen sind in der Schweiz wie in Deutschland die Zahlen bei Missbrauchsabbildungen von Kindern, der sogenannten Kinderpornografie. 


Man liest immer wieder, dass Täter sich bestimmte Profile als Opfer aussuchen. Von welchen Kinder-„Typen“ halten sich Täter fern? 

Grundsätzlich kann man sicher sagen, dass Täter sich von starken, vor Selbstbewusstsein strotzenden Kindern aus stabilen Familienverhältnissen eher fernhalten. Opfer werden laut Fachleuten in vielen Fällen sozial vernachlässigte oder emotional bedürftige Kinder. Unter anderem natürlich auch, weil das Risiko, entdeckt zu werden, bei selbstbewussten, gut beaufsichtigten Kindern mit zugewandten Eltern deutlich höher ist als bei Kindern, die unsicher und mehrheitlich sich selbst überlassen sind. Ein funktionierendes, soziales Netz und präsente Eltern verringern das Risiko, dass Kinder zu Opfern werden, deutlich. Festzuhalten ist jedoch, dass auch das beste Umfeld Kinder nicht in jedem Fall schützen kann. Eltern und weitere Betreuungspersonen sind deshalb zu einer „entspannten Wachsamkeit“ aufgerufen. „Entspannt“, weil überängstliche Bezugspersonen Kinder nicht stärken, sondern schwächen, und „Wachsamkeit“, weil nichts Kinder mehr gefährdet als die falsche Sicherheit, dass „so etwas bei uns nicht vorkommt“ oder „so ein netter Mensch niemals zu so etwas fähig wäre“.  

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Was können Eltern in der Erziehung tun, um ihre Kinder weniger attraktiv für Täter zu machen?

Aus meiner Sicht dient alles, was Kinder in ihrer Identität stärkt und sie lebenstauglich macht, auch der Missbrauchsprävention. Kindern in der Familie ein warmes Nest zu geben, in dem sie sich als wahrgenommen, angenommen und zugehörig erfahren, ist elementar. Jungen und Mädchen, deren „Liebestank“ gefüllt ist, sind weniger in der Gefahr, auf dubiose Beziehungsangebote hereinzufallen. Das Stärken eines positiven Körpergefühls und eine alterssensible, natürlich in den Erziehungsalltag eingebettete Sexualaufklärung wirken ebenfalls präventiv. Zentral ist für Kinder auch die Fähigkeit, Gefahren wahrzunehmen und entsprechend zu handeln. Jeder Mensch besitzt ein „inneres Alarmsystem“, die Frage ist, ob Kinder im Elternhaus lernen, auf innere Gefahrenanzeigen adäquat zu reagieren, statt sie zu übergehen.  


Was halten Sie von dem viel beschworenen „Konsens-Prinzip“? Reicht es, den Kindern „nein sagen“ beizubringen?

Nein, es reicht nicht, Kindern beizubringen, nein zu sagen, obwohl dies wichtig und in bestimmten Situationen durchaus schützend ist. Fachleute aus meinem beruflichen Umfeld warnen davor, zu glauben, es sei genug, Kindern ein Bilderbuch zum Neinsagen vorzulesen und das Thema dann für erledigt zu halten. Sobald eine hohe Loyalität oder ein Abhängigkeitsverhältnis besteht – etwa, wenn ein Eltern- oder Stiefelternteil das Kind missbraucht – ist das Kind in aller Regel weder frei noch fähig, „Nein“ zu sagen. Dasselbe gilt, wenn Druck im Spiel ist, der Täter oder die Täterin dem Kind drohen und ihm beispielsweise sagen, dass die Familie auseinanderfallen würde, wenn es sich jemandem anvertraut. 


Sehr häufig wird dem Kind auch die Botschaft vermittelt, es sei selbst schuld, es hätte den Missbrauch provoziert und würde nicht mehr geliebt werden, falls es „petzt“. Betroffene Kinder, denen eingetrichtert wurde, sie müssten eben „nein“ sagen, fühlen sich oft doppelt schuldig, wenn ihnen dies nicht gelungen ist. Ein zentraler Merksatz in dieser ganzen Thematik ist, dass Kinder niemals Schuld haben, wenn Erwachsene sie sexuell missbrauchen. Die Verantwortung liegt zu 100 Prozent bei den Erwachsenen. Nicht die Kinder sollten sich vor den Erwachsenen schützen müssen, sondern die Erwachsenen sind in der Pflicht, die Kinder vor Übergriffen zu schützen und eine Umgebung zu schaffen, in der Kinder unbeschwert Kinder sein dürfen. 

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Was muss in Politik und Gesellschaft passieren, um Kinder besser zu schützen?

Wir bräuchten als Gesellschaft wieder einen verbindlichen Wertekompass und eine gemeinsame Ethik, welche die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen klar zieht und Verstöße gegen diese Grundsätze entschieden sanktioniert. Was auch bedeuten würde, dass alles, was Kinder im öffentlichen Raum sexualisiert und zum Objekt sexueller Begierden macht, verboten und wirksam bekämpft wird. Eine zentrale Maßnahme wäre ein entschlossener Einsatz gegen pornografische Inhalte, denn Pornografiesucht fördert sexuelle Gewalt und den Missbrauch von Minderjährigen nachweislich. Letztlich bezahlen die Kinder den Preis für die fehlende Integrität und die zunehmende seelische Verrohung der Erwachsenen.


Wie sieht der Zusammenhang von Missbrauch und Pornographie aus? Was können Eltern zur Pornographie-Prävention machen?

Wie bereits erwähnt verüben Pornografiesüchtige signifikant mehr sexuelle Gewalttaten gegenüber Minderjährigen, wie etwa die Studie „Prävalenz sexueller Gewalt“ von Forschern aus Ulm und Wien von 2016 belegt.  Zentral ist es für die Pornografie-Prävention erst mal, dass Eltern selber konsequent auf den Konsum von Pornografie verzichten und ihren Kindern ein liebes- und beziehungsförderndes Umfeld bieten. Eine altersgerechte Sexualaufklärung und frühzeitige Informationen zum Umgang mit digitalen Inhalten wirken ebenfalls präventiv. Kinder sollten nicht zu früh ein eigenes Smartphone und nur begleitet Zugang zum Internet erhalten. Computer, Tablets und Smartphones nicht abgeschottet im Kinderzimmer, sondern an einem öffentlichen Ort zu nutzen hilft ebenfalls.

Die Regel, dass Smartphones über Nacht an einem klar definierten Ort platziert werden müssen, schützt Kinder vor unerlaubtem, nächtlichem Surfen im Netz. Die drei Bs – Beziehung, Beschützen und Begleiten – sind aus meiner Sicht die Eckpfeiler von wirksamer Pornoprävention in der Familie. „Beziehung“, weil sie die Grundlage für eine wirksame Erziehung darstellt, und Beschützen, weil die digitale Welt schlicht und einfach nicht kindgerecht ist. Als Drittes dann das Begleiten, weil es aus meiner Sicht ebenso fahrlässig ist, Kinder mit einem Smartphone alleinzulassen, wie es unverantwortlich wäre, einem Zehnjährigen die Autoschlüssel zu überlassen und davon auszugehen, dass er auf der Schnellstraße schon alleine klarkommen wird.

Regula Lehmann ist diplomierte Familienhelferin und Elterncoach. Als Geschäftsführerin der „Elterninitiative Sexualerziehung Schweiz“ ist sie auch in der Präventionsarbeit unter Teenagern tätig. Sie ist verheiratet und Mutter von vier erwachsenen Kindern. 

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