Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Cass-Report führt zu Umdenken

Aufsehenerregender Bericht: Pubertätsblocker sind nicht harmlos

Großbritannien vollzieht eine radikale Wende und beendet die Hormongabe an „Transgender“-Jugendliche.
Mit ihr fing es an: Keira Bell bereute ihre Transition und verklagte die Tavistock-Klinik
Foto: Howard Jones / i-Images via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Mit ihr fing es an: Keira Bell bereute ihre Transition und verklagte die Tavistock-Klinik wegen schlechter Beratung.

Die Tavistock-Genderklinik für Kinder und Jugendliche in London ist inzwischen zu einem Symbol eines Irrwegs geworden. Jahrelang war das Tavistock das Zentrum eines Experiments in der Transgender-Behandlung, das der staatliche Gesundheitsdienst NHS England nun beendet hat. Die Zahl der dort behandelten Kinder und Jugendlichen, die mit ihrem biologischen Geschlecht haderten (mit sogenannter Genderdysphorie) und sich als „Transgender“ empfanden, wuchs rasant: Von unter 100 in den frühen Jahren auf zuletzt rund 5.800 auf der Wartliste. Die Tavistock-Ärzte verschrieben freigiebig Pubertätsblocker und Cross-Sex-Hormone. Bei den meisten jugendlichen Patienten stellte dies die Weichen zu einer vollen „Transition“ zum anderen Geschlecht, inklusive chirurgischer Operationen.

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Bis der Fall der jungen Keira Bell, die sich einer hormonellen Behandlung plus Amputation ihrer Brüste unterzog, zu einem Skandal führte. Denn Bell bereute ihre Transition bitterlich. Mit Anfang 20 zog die junge Frau vor den High Court und verklagte die Tavistock-Klinik wegen schlechter Beratung. Ärzte berichteten dann von einem fatalen Klima am Tavistock, das Zweifler und Kritiker mit dem Vorwurf der Transphobie eingeschüchtert habe. Aufgeschreckt durch diese Berichte, gab die Regierung eine große Untersuchung bei der renommierten Kinderärztin Dr. Hilary Cass, einer früheren Präsidentin des Royal College of Paediatrics and Child Health, in Auftrag. 

Radikale Neubewertung der britischen Gesundheitspolitik

Der 388 Seiten starke Abschlussbericht der Cass-Untersuchung inklusive einer Studie der Universität von York wurde vor Kurzem veröffentlicht und hat zu einer radikalen Neubewertung der britischen Gesundheitspolitik mit Blick auf Kinder und Jugendliche mit Genderdysphorie geführt. Die bisherige Praxis der Pubertätsblockergabe an Minderjährige im NHS England wurde gestoppt. Mitte April zog auch der NHS Schottland nach. Cass schrieb in der Fachzeitschrift „British Medical Journal“, die ganze Gender-Medizin sei „auf wackeligen Fundamenten“ gebaut.

Die bisherigen Studien, die diese Gender-Medizin rechtfertigten, seien größtenteils von schlechter und zweifelhafter Qualität. Auf der Grundlage einer einzigen niederländische Studie aus den 1990er Jahren mit 70 Probanden, die eine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens feststellt, habe sich weltweit die Praxis der Hormongabe etabliert. In ihrem Report listet Cass auch die schweren Nebenwirkungen auf, die Pubertätsblocker haben. Kritiker verweisen schon länger darauf: Die Knochendichte werde geringer, was bis zu Osteoporose führt; Hirnentwicklung und Körperwachstum werden gestört; bei Cross-Sex-Hormone kann es zu dauerhafter Unfruchtbarkeit kommen.

Auch psychische und seelische Probleme behandeln

Es gebe nur „bemerkenswert schwache Belege“, schreibt Cass, dass die gängigen Behandlungsmethoden mit Hormongaben für Jugendliche mit Genderdysphorie der richtige Weg seien, um ihre Probleme zu behandeln. Vielmehr sollte man einen „holistischen Ansatz“ wählen, der auch psychische und seelische Probleme der Kinder und Jugendlichen behandele, die mit ihrem Geschlecht haderten. Ein bemerkenswert hoher Anteil der vermeintlichen Transgender-Kinder leide unter Autismus, stellte Cass fest. Viele Jugendliche der Generation Z seien durch Social Media, Online-Pornographie und zahlreiche Ängste und Krisen belastet. Cass rief dazu auf, „das komplexe Zusammenspiel“ zwischen schlechter mentaler Gesundheit und Gender-Problemen besser zu erforschen. Zudem fällt auf, dass fast 80 Prozent der Trans-Jugendlichen Mädchen sind.

Großbritannien, das lange ein Vorreiter in Sachen Transgender-Umwandlungen von Jugendlichen war, hat nun eine radikale Kehrtwende gemacht. Das Tavistock in London musste im April endgültig schließen. Stattdessen werden in England zwei neue, regionale Kliniken aufgebaut, die nicht mit Hormoncocktails, sondern mit einer sanfteren psychotherapeutischen Behandlung helfen sollen. Der britische Premier Rishi Sunak sagte, angesichts der Tatsache, dass man über die langfristigen Folgen der medizinischen Behandlung oder der „sozialen Transition“ nicht genug wisse, müsse man „mit extremer Vorsicht“ vorgehen. Der frühere Gesundheitsminister Sajid Javid warnte anlässlich des Cass-Berichts, man dürfe nicht einer „militante“ Translobby das Feld überlassen.

Weitere europäische Länder verschreiben keine Pubertätsblocker mehr

Großbritanniens Stopp der Pubertätsblocker-Gabe an Minderjährige in staatlichen Krankenhäusern folgt einem Trend in mehreren nordeuropäischen Ländern. 2020 hat Finnland beschlossen, keine Pubertätsblocker mehr zu verschreiben. Die renommierte finnische Kinderpsychiaterin Riittakerttu Kaltiala kritisierte, dass die ganze Welt bisher, basierend auf einer einzigen niederländischen Studie, „Tausenden, Zehntausenden jungen Leuten“ diese Medikamente gebe. 2022 folgte Schweden, wo die Hormonbehandlung nur noch in außergewöhnlichen Fällen angewandt werden soll. Stockholm beendete auch die Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Verein von Transgender-Aktivisten und Ärzten WPATH (World Professional Association for Transgender Health). Norwegische Gesundheitsbehörden bezeichneten die Hormongabe inzwischen als fragwürdige „experimentelle Behandlung“. Dänemark bereitet derzeit eine neue Richtlinie für das Gesundheitswesen vor, die Hormonbehandlungen stark einschränken soll.

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Claudia Hansen

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