Würzburg

"Ob mir Gott verzeiht?"

Die Kirche dient den Jugendlichen immer weniger als Werteorientierung. Stattdessen sucht die junge Generation bei Medienplattformen nach Antworten. Das Ergebnis: zerbrochene Familien, orientierungslose Kinder.
Einfluss der Kirche unter Jugendlichen schwindet
Foto: Imago Images | ie zunehmende Orientierungslosigkeit führt zu Zerrissenheit – Scheidungen, Zweitehen und Patchworkfamilien nehmen zu – so auch bei Anne.

Videokonferenz mit Teilnehmern aus 25 Ländern – Nigeria, Libanon, Indien, Mexiko, Malaysia, Indonesien ... Die jungen Katholiken werden zu Liebe, Sexualität, Ehe befragt: Wie erfahrt ihr, was die Kirche von der Liebe weiß? Das Ergebnis ist ernüchternd: Was zu sagen wäre, wird rudimentär, unattraktiv oder mit Vorbehalten vorgetragen. Wie man lebt und liebt, lernt man in der Familie, oft informell, in einer Wolke aus sozialer Imitation, Sitte, Tabu und religiöser Erwartung. Nun sind die Familien aber einer dramatischen Erosion ausgesetzt, vielerorts sozial gefährdet, kommunikativ tot, spirituell ausgehöhlt. Nimmt man die „Theologie des Leibes“ aus, die in frommen Milieus eine starke Rolle spielt, erscheint die Kirche weltweit sexuell sprachlos.

Orientiert an den Standards der Zivilmoral

Die Jugendlichen fallen früh aus dem Nest, orientieren sich an den Standards der Zivilmoral. Während die Eltern noch unklare, religiös inspirierte Akzente setzten, gleiten die entlaufenen Kinder in eine Normalität hinüber, deren Credo lautet: „Ich tue, was alle tun, weil es alle tun“. Wer aber gibt an, was geht? Netflix - sagt die junge Frau aus Indien, Netflix, stimmt der junge Priester aus dem Libanon zu. Netflix? Klar, wenn man 14 ist, lebt man mit Netflix, lässt sich von coolen Soaps einspinnen, wie Jugendliche vor 50 Jahren von „Meine kleine Farm“ oder Karl May. Netflix hat Macht über die Träume und ist in seiner medialen Überbietungslogik Taktgeber für angesagtes Verhalten. Ein Mädchen, das ein Mädchen auf den Mund küsst? Netflix macht es als Erster. Um Atem zu rauben, muss Netflix einen Tick provokanter sein als das, was allgemein schon geht. Im Moment ist die Sexualisierung von Kindern („Cuties“) an der Reihe.

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Nicht nur über Netflix geraten die jungen Menschen in die Automatismen einer doppelten Ablösung: der Ablösung von einer bestimmten Art, die Liebe zu leben, und in den Abfall von Glauben. Sie entfremden sich dem Lebensstil jener Generationen, die noch vom identity marker der monogamen Ehe eines Mannes mit einer Frau geprägt waren, von der Forderung nach absoluter Treue, von hohen Familienidealen mit Kindern, von der Integration der Lust in ein Gesamttableau von Werten. Und sie wechseln den Gott. Das Milieu, in das sie geraten, ist kultisch, aggressiv antichristlich, bestimmt von Hypersexualisierung und Pornographie; es verlangt Unterwerfung. Über die Smartphones geht eine Welt der Kommunikation auf, in der Zaungäste nicht lange Zuschauer bleiben. Sie nehmen die falsche Kommunion, brechen die Brücken zur alten Welt ab, werden Teil einer anderen community. Ein globales Schicksal? Die vielstimmige Antwort lautet: Nein, aber die epochale Herausforderung! Junge Christen sind dem kollektiven Rückfall in neues Heidentum nicht wehrlos ausgeliefert. Sie lassen sich vom Geist pragmatischer Lustoptimierung anstecken, brennen werden sie aber für hohe Ideale. Ein indischer Priester meinte: „Die Lösung der moralischen Frage liegt in der religiösen Frage. Vor der Moral kommt Gott – und mit Gott kommt die Moral.“ Es gebe eine Immunisierung – eine einzige! – gegen die sukzessive Übernahme zivilmoralischer Standards: der frühe Einstieg in Nachfolge und Jüngerschaft, die bewusste Entscheidung für Jesus. „Erst in einer Beziehung mit dem Herrn“, meinte der junge Inder, „bist du bereit, dein Leben an den Weisungen Gottes zu orientieren.“ Gewann nicht schon Papst Johannes Paul die Jugendlichen genau an diesem Punkt? „Man zahlt Großes nicht mit kleiner Münze zurück. Gebt ihm euer Herz, euren Kopf, eure Hände!“

Die moralische Realität in Deutschland

Kaum hatte ich eine gewisse Hoffnung gefasst, konfrontierte mich eine private Bitte wieder mit der moralischen Realität in Deutschland. In einem langen Telefonat suchte „Anne“* mein Ohr. Sie habe sich von Stefan getrennt. Im Staccato zieht das Schicksal einer Frau, Ende 40, an mir vorüber: Katholische Kindheit. Die Mutter gibt ihr mit 16 die Pille („für alle Fälle“). Studium, diverse Beziehungen. Anne kommt in ein Architekturbüro, trifft Stefan, der eine erste (kirchliche) Ehe hinter sich hat. Die Ex hat einen neuen Partner. Anne wird von Stefan, der im Büro nichts anbrennen lässt, schwanger. Ihre Eltern machen Druck. Stefan heiratet Anne. Anne will es Stefan beweisen, bekommt vier Kinder, darunter zwei Zwillinge. Weil Manuela, Stefans Kind aus erster Ehe, nicht in das Patchwork von Ehe 1 passt, wird das Kind in die neue Ehe übernommen, macht dort den Babysitter, damit Anne jobben kann. Manuela fällt auf: Essstörungen, Depression, eine Schwangerschaft; Stefan und Anne „helfen“ zu einer Abtreibung. Manuela glaubt, jetzt lesbisch „oder was weiß ich“ zu sein.

Annas Älteste macht Karriere, will keine Kinder, will ihren katalanischen Freund eigentlich auch nicht heiraten, aber die spanische Familie braucht den Megaevent mit Kirche und tausend Gästen. Die Zwillinge? Probieren sich in Berlin aus. Stefan entzieht sich dem zerfallenden Imperium. Der Kleine, 13, ist noch bei Mama. „Ein ganz Stiller, eigentlich gar nicht da, völlig verwachsen mit irgendwelchem digitalen Mist, Fantasyzeugs, Schweinkram.“ Ich frage: „Pornographie?“ – „Du, der ist in der Pubertät. Ist doch irgendwie normal, oder?“ Bad News: Stefan hat ein Kind mit einer Filipina, hat sie aus den Emiraten gleich nach Hamburg mitgebracht. Anne hat die Nase voll. Stefan: „Ich bin nicht das Sozialamt!“ Anne ist am Boden, aber auch schon wieder halb auf der Piste. „Es gäbe da jemand, aber er ist noch verheiratet...“ Die nach vorne offene Reality-Soap lässt – von den Zehn Geboten her betrachtet – nicht ganz viel aus, was man auslassen könnte. Glück ist in diesem seriellen Hineinstolpern nicht am Horizont, für keinen der Beteiligten. Immer wieder sagt Anne: „Hätte ich mal gewusst ...“, „Hätte mir mal jemand gesagt ...“, „Sagt einem ja keiner!“

Eine Kirche, so wie dieser nette Papst

Ich wage einen Cut: „Sag mal – seid Ihr nicht alle katholisch!?“ Anne schluckt. „Klar, die wilden Jahre sind vorbei.“ Stille. „Ob mir Gott noch einmal verzeiht?“ – „Gott ist immer an dem Punkt, an dem wir uns ihm zuwenden. Aber, sag, was wünschst du dir von der Kirche?“ – „Ich denke, sie müsste so sein wie dieser nette Papst. Dass man hinkommt, so schief gewickelt wie man gerade drauf ist. Dass man in den Arm genommen wird. Dass man reden kann und zu sich selbst kommt, Vergebung erfährt. Du glaubst es vielleicht nicht, aber eigentlich würde ich gerne mal wieder beichten.“ – „Du wünschst Dir Verständnis?“ – „Nein, Vergebung! Das ist was Anderes. Der soll ruhig streng und genau sein, wenn er nur gütig ist. Ich brauche keinen Zuckerguss über meinen Mist. Ich weiß selbst, dass ich tausend Mal die Rote Linie überschritten habe. Ich will hören: Dir ist vergeben! Komplett! Du bist frei! Niemand verurteilt dich. Aber bitte: Tu es nicht wieder. Wiederhole die Fehler nicht. Fang ganz neu an!“

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Ich hätte Anne jetzt viel erzählen können vom Synodalen Weg und der Debatte um eine „neue Sexualmoral“. Ich ließ es. Konnte mir nicht vorstellen, ihr und ihren Kindern würde eine Sexualmoral helfen, in der Gott und seine Gebote ebenso versteckt werden, wie die Rote Linie, die Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt. Ich schämte mich für eine Kirche, die sich gerade im Gestus von „Alles nicht so schlimm, – bei Licht betrachtet sogar richtig wertvoll!“ an die fliehenden Massen heranwanzt. Schämte mich, weil sie das Gute nicht mehr von dem Guten (Mt 19,16) her zu denken wagt, schämte mich für eine Institution, die sich durch Amoral ihrer Vertreter unmöglich machte, aber im eigenen Scheitern lieber mit der „Lebenswirklichkeit der Menschen“ fraternisiert, als in die Liebe Gottes umzukehren und sie neu zu verkünden. Ich verschwieg ihr den prophetisch begabten Bischof, der in den Kollateralschäden wildgewordener Freiheit „die Stimme Gottes“ hört: ... alles irgendwie nicht so ganz schlecht, ja sogar relativ gut. Self Sex (= Masturbation), die vielfältigen Formen von Empfängnisregelung, voreheliche und informelle Beziehungen jeder Art, Patchworkfamilien, Einelternfamilien, wiederverheiratete Geschiedene, Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare, am Horizont auch Gender und die Auflösung der geschlechtlichen Identität von Mann und Frau ...

Wir brauchen eine wirklich "neue Sexualmoral"

Es sind Geschichten wie diese, die mir sagen: Wir brauchen eine ganz andere, eine wirklich „neue Sexualmoral“, die gelassen und unbeirrt das Pfund der Kirche ausspielt: dass sie nämlich mehr weiß von der Liebe. Nicht weil sie die besseren Leute oder die klügeren Theorien von der Liebe hat, sondern weil sie die Zeugin ihrer höchsten Offenbarung ist. Nicht wir lesen die Liebe. Die Liebe liest uns. Von dieser Liebe her – und nicht von unten – wissen wir, wozu das alles gut ist: die unstillbare Sehnsucht, das Begehren, die Hingabe. Wenn denn die Kirche etwas Unterbrechendes einzubringen hat in die Abfolge der zerstörerischen Kettenreaktionen, mit der wir unsere Wunden, Verbrechen und Irrtümer auf die Kinder- und Kindeskinder übertragen, dann von den Offenbarungen Gottes in Schöpfung und Erlösung her. Eine Kirche, die sich durch generöse Akzeptanz von Irrwegen und gebrochenen Zuständen wichtigmacht, erweist den Menschen einen Bärendienst.

Der Autor ist Publizist und Autor. Er ist Heruasgeber des YOUCAT und leitet die YOUCAT Foundation.

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