Empfängnisverhütung

Immer weniger Frauen nehmen noch die Anti-Babypille

Warum die Anti-Babypille inzwischen immer unbeliebter wird, wie die Kirche den Trend hin zur natürlichen Familienplanung nutzen kann und ob die Kirche zur Beliebtheit der natürlichen Methode beigetragen hat, erklärt Clara Wedel, Forscherin im Bereich der natürlichen Empfängnisregelung.
Natürliche Verhütungsmethoden
Foto: Adobe stock | "Man kann die natürliche Empfängnisregelung genauso verwenden wie andere Verhütungsmittel, zum Beispiel die Pille", meint Clara Wedel.

Frau Wedel, lange galt die Pille als DAS Verhütungsmittel. Eine Auswertung der Techniker Krankenkasse ergibt, dass der Anteil der Frauen, die die Pille nehmen, rückläufig ist. Woran liegt das?

Ein wesentlicher Grund ist, dass inzwischen stärker auf die persönliche Gesundheit geachtet wird. Dieser Trend hat im Bereich der Ernährung begonnen, betrifft aber zusehends auch andere Lebensbereiche und hat dazu geführt, dass man sich zum Beispiel auch mit den Nebenwirkungen der Pille stärker auseinandergesetzt und gefragt hat, ob man depressive Schwankungen, Libido-Verlust, Gewichtszu- beziehungsweise -abnahme wirklich in Kauf nehmen möchte oder muss. Dass die Pille sehr starke Nebenwirkungen hat, ist gerade unter Jugendlichen immer bekannter geworden. Bei der Repräsentativbefragung "Jugendsexualität" der "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" stimmen zum Beispiel 44 Prozent der Befragten zu, dass die Verhütung mit der Pille negative Folgen für Körper und Seele hat. Das Bedürfnis nach Verhütungsmitteln mit weniger Nebenwirkungen hat unter den Frauen in den letzten Jahren stark zugenommen, deswegen ist der Pillen-Konsum am Zurückgehen.

Warum wurde die Pille trotz der vielen Nebenwirkungen so lange als das optimale Verhütungsmittel propagiert?

"Über die Nebenwirkungen hat man lange
nicht gesprochen, sondern akzeptiert, dass sie ein
zusätzlicher Aspekt sind, wenn man "sexuelle Freiheit" leben möchte"

Es gibt verschiedene Punkte, die bei der Wahl eines Verhütungsmittels eine Rolle spielen. Der wichtigste Punkt ist natürlich die Sicherheit. Die Pille hat einen sehr niedrigen Pearl-Index, ist also eines der sichersten Verhütungsmittel überhaupt. Außerdem ist die Einfachheit der Anwendung entscheidend, und auch hier schneidet die Pille sehr gut ab, weil man sie einfach einmal täglich einnehmen muss. Über die Nebenwirkungen hat man aber lange nicht gesprochen, sondern akzeptiert, dass sie ein zusätzlicher Aspekt sind, wenn man "sexuelle Freiheit" leben möchte. Es sind dann aber auch schlimme Fälle von zum Beispiel Thrombose an die Öffentlichkeit gekommen, die darauf aufmerksam gemacht haben, dass gerade die Pille der dritten oder vierten Generation ein viel größeres Thromboserisiko mit sich bringt, als man ursprünglich gedacht hat. Die Frauen, die an solchen Folgen erkrankt sind, haben sich dann auch stärker zu Wort gemeldet, was zu einer Änderung der Sichtweise auf die Pille geführt hat. 

Neben dem Kondom oder auch der Kupferspirale hat die natürliche Familienplanung (NFP) an Interesse gewonnen. Inwieweit können Sie den Trend hin zur natürlichen Verhütung bei Ihrer Arbeit im Bereich der NFP beobachten?

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Die Nachfrage hat tatsächlich sehr stark zugenommen. Der Anteil der Personen, die mit der Pille verhüten, ist zwar noch deutlich höher, als derer, die NFP anwenden, aber in den letzten Jahren hat sich in dem Bereich sehr viel getan. Das Interesse hat vor allem unter jüngeren Frauen, also zwischen Anfang und Mitte 20, zugenommen. Viele beginnen gar nicht erst, die Pille zu nehmen, sondern verhüten direkt auf natürliche Weise. Außerdem tauschen sich junge Frauen auf den sozialen Medien in Gruppen aus, also auch im Internet kann man einen Interessensanstieg an NFP beobachten. Anstatt beim Frauenarzt nachzufragen, informieren sich immer mehr junge Frauen lieber online, welche Verhütungsmethoden es gibt und wie ihr Körper funktioniert. 

Zeichnet sich ab, dass der Rückgang des Pillen-Konsums nur ein kurzfristiger Trend ist oder werden hormonelle Verhütungsmittel langfristig an Bedeutung verlieren? 

"Natürlich ist die tendenzielle Abwendung
von der Pille eine Chance, die natürliche
Familienplanung noch mehr zu etablieren"

Ich glaube, dass die aktuelle Entwicklung nicht nur ein Trend ist, aber dass die Pille nie komplett vom Markt verschwinden wird. Dadurch, dass vielen Frauen Sicherheit am wichtigsten ist, wird die Pille, denke ich, nicht vollständig von der natürlichen Familienplanung abgelöst werden. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Pharmaindustrie eine bessere Pille mit geringeren Nebenwirkungen entwickeln wird. Aber natürlich ist die tendenzielle Abwendung von der Pille eine Chance, die natürliche Familienplanung noch mehr zu etablieren. Dafür muss aber mehr passieren, als dass den Interessenten nur die Methode erklärt wird. Denn die Mentalität hinter NFP passt aktuell nicht zu unserem Zeitgeist. Man kann die natürliche Methode zwar einfach als Alternative zur Pille verwenden, aber sie lässt sich mit dem Gedanken, dass Sexualität nur etwas zur eigenen Befriedigung ist und es egal ist, mit wem ich wann schlafe, nicht vereinbaren. 

Auch wenn durch die Säkularisierung immer weniger auf die Kirche gehört wird: Kann die Kirche den Erfolg, dass NFP beliebter geworden ist, auf ihr Konto verbuchen?

Die Pioniere im Bereich der NFP wie Joseph Rötzer oder in Deutschland Professor Günter Freundl, die im Bereich der natürlichen Familienplanung geforscht haben, waren definitiv christlich motiviert. Bei ihnen allen war eine große Wertschätzung für die Schöpfung vorhanden und sie wollten den Frauen helfen, zu verstehen, wann sie fruchtbar sind und wann nicht. In der Forschung hat die christliche Motivation also eine Rolle gespielt. Dass NFP inzwischen in der Gesamtgesellschaft beliebter geworden ist, liegt, denke ich, aber nicht an der Kirche, sondern mehr an dem schon länger andauernden Gesundheitstrend.

Papst Paul VI. schrieb in seiner Enzyklika "Humanae vitae" 1968 bereits von der Möglichkeit, den "ehelichen Verkehr auf die empfängnisfreien Zeiten zu beschränken". Für seine Positionen wurde er lange verhöhnt, nun ist die Methode im Trend. Warum hat es so lange gedauert, bis die Methode in der Gesellschaft angekommen ist?

"Ich glaube, dass die natürliche Familienplanung
eine große Chance bietet, die Sexualität
im Sinne der Kirche zu leben"

Ich glaube, dass die natürliche Familienplanung eine große Chance bietet, die Sexualität im Sinne der Kirche zu leben. Sie muss aber nicht zwingend in diesem Sinne angewendet werden. Man kann die natürliche Empfängnisregelung genauso verwenden wie andere Verhütungsmittel, zum Beispiel die Pille. Die Kirche lehrt jedoch eine innere Haltung in Kombination mit der natürlichen Methode. Die technische Anwendung der Methode bedeutet noch nicht, dass das Verständnis aus "Humanae vitae" in der Welt angekommen ist.

Clara Wedel

Gerade junge Frauen beobachten ihren Zyklus gerne durch Apps oder Zykluscomputer. Wie zuverlässig sind diese Mittel? 

Die Qualität der NFP-Apps hängt von der Qualität der angewendeten Methode ab und ist entsprechend heterogen. Viele Apps ermitteln die fruchtbaren Tage mittels statistischer Werte (zum Beispiel die Kalendermethode), welche extrem ungenau sind. Diese Apps führen zu ungewollten Schwangerschaften und einem schlechten Ruf der NFP. Andere Apps setzen wissenschaftlich fundierte Methoden, wie zum Beispiel die symptothermale Methode eins zu eins technisch um. Sie erleichtern damit die Anwendung und erhöhen die Qualität der Auswertung. Diese Apps sind meiner Meinung nach eindeutig zur Verhütung geeignet und haben einen großen Beitrag zur Annahme von NFP geleistet. 

Gynäkologen befürchten, dass es unter Frauen, die natürlich verhüten, zu mehr ungewollten Schwangerschaften und damit auch Abtreibungen kommen wird. Ist die Sorge berechtigt?

Teilweise ist diese Befürchtung berechtigt. Wie gerade erläutert, hängt die Sicherheit von der Qualität der Anwendung und Methode ab. Jede Frau sollte sich daher damit auseinandersetzen. Hierzu bedarf es entsprechender Aufklärung der Nutzer und Regulatorik für Verhütungs-Apps. Wenn dies gelingt, und die NFP richtig angewendet wird, sind die Befürchtungen nicht berechtigt. Im Gegenteil. Die Sensiplan-Methode, die auf der symptothermalen Methode von Joseph Rötzer aufbaut, hat einen Pearl Index von 0,4 und damit eine ähnliche Sicherheit wie die Pille.

1960 wurde die Pille als feministischer Befreiungsschlag gefeiert, heute beklagen junge Frauen zusehends, dass Männer die Verantwortung in Sachen Verhütung auf Frauen abschieben. Papst Paul VI. warnte ebenfalls 1968 bereits davor, dass die Ehrfurcht vor der Frau durch die Pille verloren gehen könnte. Warum wurde damals nicht auf den Papst gehört? 

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Einerseits ist das Bewusstsein für den Körper heute ein anderes, andererseits hat man die Nebenwirkungen der Pille zu Beginn einfach unterschätzt. Außerdem wurden die Worte des damaligen Papstes wahrscheinlich auch deshalb abgelehnt, weil sie aus der Kirche kamen. Man wollte vermutlich die Warnung nicht hören, dass Frauen mit der Pille immer verfügbar sein müssen. Es hat noch das Gefühl geherrscht, dass die Frau durch die Pille frei werden würde, weil sie nicht mehr zwingend schwanger wurde. Heute dagegen wird eher die Selbstbejahung als Freiheit gesehen. Dieses Thema hat auch die feministische Bewegung für sich entdeckt. Sie hat die Motivation, den weiblichen Körper mitsamt Zyklus und Menstruation anzunehmen.

Ist der aktuelle Trend auch eine Chance für die Kirche, ihr Menschenbild und den Glauben allgemein wieder zu vermitteln?

Auf jeden Fall! Dafür muss man sich allerdings auch innerhalb der Kirche bewusst machen, dass es nicht nur darum geht, den Leuten die Methode zu vermitteln, sondern zugleich die Theologie des Leibes. Da sehe ich aktuell noch Potenzial. Aber ich glaube gerade dadurch, dass auch bei nicht-christlichen Frauen das Interesse für NFP an sich da ist, kann man sie durchaus motivieren, die Sexualität nochmal anders zu sehen. Das heißt nicht, dass man ihnen sofort sagt, dass sie in der fruchtbaren Zeit auf den Verkehr verzichten sollen, sondern dass man Sexualität als Ausdruck der Liebe zum anderen vermittelt und nicht als reines Befriedigungsmittel.


Clara Wedel arbeitete in Neuseeland an der Massey University in der Forschung eines Hormongeräts zur Ermittlung der fruchtbaren Phase. Zuletzt absolvierte sie eine Ausbildung zur Beraterin der natürlichen Familienplanung bei den Maltesern. Seit 2019 ist sie Qualitätsmanagerin bei der Firma "trackle", die eine App und einen Temperatursensor zur Anwendung von NFP entwickelt hat. 


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