Freiburg

Kritik zur Netflix-Serie „Biohackers“: „Wir machen Gott obsolet“

Trotz überflüssiger Nebenhandlungen und einer erst gegen Ende in Fahrt kommenden Spannung thematisiert die deutsche, sechsteilige Netflix-Serie „Biohackers“ eine vermeintliche Optimierung des Menschen.
Filmszene aus "Biohackers"
Foto: Netflix/Marco Nagel | Durch Genmanipulationen können Wissenschaftler oder Mediziner in den "Bauplan" des Menschen eingreifen. Ob das Segen oder Fluch ist, wird die Zukunft zeigen. Ethisch gibt es viel zu bedenken.

Anlässlich der Vergabe des diesjährigen Chemie-Nobelpreises an Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und Biochemikerin Jennifer Doudna warnte Stefan Rehder in dieser Zeitung (DT vom 15. Oktober), mittels der von den beiden Forscherinnen entwickelten CRISPR/Cas-Technologie die Menschen „genetisch verbessern“ zu wollen, damit der Mensch „die Evolution seiner Spezies in die eigene Hand“ nimmt. Mögliche künftige Folgen einer Anwendung der sogenannten CRISPR-Schere verdeutlicht die deutsche Science-Fiction-Serie „Biohackers“ der Serienentwickler Christian Ditter und Tim Trachte, die auf der Online-Plattform Netflix abgerufen werden kann.

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„Biohackers“ heißt die Serie, weil der Begriff „Biohacking“ die menschliche „Selbstoptimierung“ allgemeiner fasst. Bei der auf verschiedenen Internet-Homepages als „Megatrend“ angepriesenen Methode einer „do-it-yourself-Biologie“ handelt es sich meistens um „eine Korrektur des Lifestyles, die das Wohlbefinden verbessert. Dazu zählt jede kleine Aktion, die dir hilft, dich besser zu fühlen“, so Max Gotzler, Autor des Buchs „Biohacking: Optimiere dich selbst“.

Andere Anbieter, etwa das 2015 gegründete „Biohacking“-Unternehmen „Braineffect“, wird da konkreter: Im Zusammenhang einer synthetischen Biologie „untersuchen DNA-Hacker ihre eigenen Erbinformationen mit dem Ziel, ihr Erbgut auf Mutationen zu untersuchen. Sie beschäftigen sich mit dem Thema Epigenetik und entschlüsseln mit Hilfe von DNA-Tests ihre Abstammung. Dabei machen sie sich die neueste Forschung zunutze.“ Dazu zähle die CRISPR-Technologie, mittels derer „Gene manipuliert und editiert werden“ könnten.

Menschen, genetisch optimiert

In „Biohackers“ kommt die Studentin Mia Akerlund (Luna Wedler) an der Universität Freiburg mit der Biohacking-Technologie in Berührung, als sie die Vorlesungen der Star-Professorin Tanja Lorenz (Jessica Schwarz) besucht.Lorenz setzt auf synthetische Biologie; sie sei die Zukunft nicht nur der Medizin, sondern der Menschheit. Denn dank synthetischer Biologie könnten genetische Erbkrankheiten noch im Mutterleib ausgemerzt werden. In zehn Jahren wird Standard sein, „dass wir die Menschen genetisch optimieren“.

Dass synthetische Biologie bereits in die Forschungslabore Einzug erhalten hat, bestätigt Ole Pless, Forscher am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME in Hamburg, der die „Biohackers“-Drehbuchautoren wissenschaftlich beraten hat, in einem Interview mit der „WirtschaftsWoche“: Unter synthetischer Biologie „verstehen Biologen Verfahren, mit denen sie das Leben selbst neu konstruieren können. Entscheidend sind für mich die Technologien zum ,Genome Engineering‘, also der gezielten Veränderung des Erbguts.

„Synthetische Biologie macht uns von Geschöpfen zu Schöpfern.“

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Diese Forschung macht aktuell gewaltige Fortschritte, mit enormen Chancen etwa für die Medizin. Biologie wird eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts.“ Lorenz geht indes weiter: Neue Zellen zu verändern sei „ein erster Schritt, um Leben zu erschaffen“. Deshalb sagt sie auch plakativ in der Vorlesung: „Synthetische Biologie macht uns von Geschöpfen zu Schöpfern.“ Auf den Einwand einer Studentin: „Und was ist mit Gott?“, antwortet sie herablassend: „Ganz ehrlich: Wir machen Gott obsolet.“ Die Professorin arbeitet an ihrem Projekt – das den bezeichnenden Namen „Homo Deus“ trägt, und das Lorenz als „kopernikanische Wende der Medizin“ kennzeichnet – allerdings nicht nur an der Universität, sondern im Verborgenen, in einem bestens abgeriegelten Privatlabor.

Von Anfang an erfährt der Zuschauer, dass Mia ein ganz besonderes Interesse daran hat, in die Nähe der Professorin zu kommen. Dafür sucht sie den Kontakt zum wissenschaftlichen Mitarbeiter der Professorin Jasper (Adrian Julius Tillmann), mit deren Hilfe sie recht bald eine Stelle bei der ehrgeizigen Spezialistin für synthetische Biologie bekommt. Anhand einiger Rückblenden entdeckt der Zuschauer, dass Mias Interesse für Lorenz nicht bloß akademisch ist, denn die beiden verbindet eine Tragödie in der Vergangenheit.

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Dieser dramaturgische Kniff schafft Spannung, die allerdings erst gegen Ende richtig in Fahrt kommt, um offensichtlich eine Brücke zur zweiten Staffel zu schaffen. Kürzlich wurde eine solche zweite Staffel denn auch bestätigt, deren Folgen 2021 auf Netflix erscheinen dürften.

Zwar lenken andere Elemente eher von der Haupthandlung ab. So haben die Serienmacher Mia ganz schön kauzige Figuren als WG-Mitbewohner zur Seite gestellt: die schnellsprechende Chen-Lu (Jing Xiang), den verschrobenen Ole (Sebastian Jakob Doppelbauer), der mit Eigenimplantat-Experimenten beeindrucken will, sowie die ausgeflippte Party-Maus Lotta (Caro Cult). Dennoch bleibt genügend Raum für die ethischen Fragen, die „Biohackers“ aufwirft.


„Biohackers“, Deutschland 2020. Serienentwickler: Christian Ditter, Tim Trachte. Sechsteilige Serie mit insgesamt 260 Minuten, auf Netflix.

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