Malteser

Malteserorden: Die Geschichte der Ritter des Glaubens neu erzählt

Wie der Malteserorden zwischen Mittelmeer und Mitteleuropa wirkt - eine umfassende Darstellung der Ordenshistorie aus österreichischen Federn.
Matthew Festing
Foto: Ritchie B. Tongo (EPA) | Der 79. Großmeister des katholischen Malteserordens Matthew Festing 2015 während eines Besuchs auf den Philippinen. Festing war von 2008 bis 2017 Großmeister des Ordens.

Kurz vor der Vollendung seines 72. Lebensjahres starb Mitte November Fra‘ Matthew Festing, von 2008 bis 2017 der 79. Großmeister des Malteserordens. Er starb, und wird dort auch begraben, auf Malta, aber er war kein Großmeister mehr, als er starb. Festing, der dritte Brite im Amt, beugte sich seinerzeit einem Wunsch des Papstes; vorausgegangen war ein bitterer, bis heute nachklingender ordensinterner Konflikt. Dessen Geschichte wird einmal geschrieben werden. Die des mehr als neunhundert Jahre alten Ritterordens, des letzten, der als solcher in der katholischen Kirche überlebt hat, wird immer wieder aufs Neue bestaunt und beschrieben.

Mit einem Schwerpunkt auf dem mitteleuropäischen Erbe des Ordens tut das ein trefflich ausgestattetes Buch zweier Kenner aus Österreich. Fra‘ Ludwig Call zu Rosenburg, selbst Ordensritter, und der auf Ritterorden spezialisierte Historiker Gregor Gatscher-Riedl bieten eine üppig illustrierte Gesamtgeschichte, legen aber einen Schwerpunkt auf Zentraleuropa und besonders auf Österreich, wo es ein Großpriorat des Ordens gibt. Diese traditionelle Gliederungsform setzt Angehörige des ersten Orden-Standes voraus, insbesondere Professritter wie Fra‘ Ludwig, die, ohne Priester zu sein, die drei Gelübde ablegen wie alle Ordensleute. Sie sind das Rückgrat des Ordens und zugleich die Verbindungslinie in neun Jahrhunderte Vergangenheit. Ihre Lebensform und Funktion im Orden gehören aktuell, neben anderen Bestimmungen der Ordensverfassung, zu den Punkten, um die gerungen wird. Der Malteserorden will heute nur noch ein dienender Orden sein, der Kranken und anderen Bedürftigen weltweit hilft.

„Die Zeit seit dem letzten Weltkrieg war gekennzeichnet
durch einen sprunghaften Anstieg der Staaten,
die den Malteserorden völkerrechtlich anerkennen“

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Früher kämpften diese Ritter aber auch gegen die Feinde des Christentums und immer wieder gegen den expansiven Islam. Die vor allem im östlichen Mittelmeerraum operierende Ordensmarine spielte dabei eine entscheidende Rolle. Ihr kam auch eine Polizei-Funktion im Hinblick auf das in der Region jahrhundertelang grassierende Piratenwesen zu. Die Autoren sind ehrlich genug, nicht zu unterschlagen, dass auch unter der Ordensfahne Raubzüge durchgeführt wurden. Derselbe Orden freilich nahm unter die Kranken seines Zentralkrankenhauses auf Malta auch Muslime, Juden und alle anderen Hilfsbedürftigen auf.

Mit relativ einfachen, aber konsequent durchgeführten Maßnahmen – wie zum Beispiel nur ein Kranker pro Bett – verbesserten die Ritter Behandlungsstandards und Hygiene in der ,Sacra Infermeria‘, installierten dort eine der ersten ophthalmologischen Fachkliniken der Welt und waren klug genug, ansteckenden und psychisch Kranken ihren eigenen Trakt zu geben. Alle Ordensmitglieder, auch der Großmeister, mussten unter Ablegung ihrer Insignien turnusgemäß Pflegedienste leisten. Der unlängst verstorbene Großmeister Festing wurde regelmäßig an Roms Stazione Termini gesichtet, wo er Obdachlosen ein wärmendes Getränk reichte.

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Im Jahre 1784 wurde die letzte Ordenskarawane auf See durchgeführt, also die pflichtgemäß von Rittern und solchen, die es werden wollten zu absolvierende Station auf einem der Ordensschiffe, die oft mit Feindberührung verbunden war. Der Orden, in dem es damals ein klares französisches Übergewicht gab, war bereits angekränkelt vom Geist einer letztlich religionsfeindlichen Aufklärung. Die Schaffung einer neuen Bayrisch-Englischen Territorialorganisation nützte da nichts mehr, um so weniger, als der Wittelsbacher Kurfürst Karl Theodor sie als sein Privateigentum behandelte, in dem allein er das Schalten und Walten hatte. Seinen dreizehnjährigen mit einer Mätresse gezeugten Sohn machte er zum Großprior.

Sehr ehrlich konzedieren die beiden Autoren dem Orden am Vorabend der Französischen Revolution an einem Tiefpunkt von Selbstverständnis und innerer Disziplin angekommen zu sein: „Die Tatsache, dass ein Regionalmonarch, der zweifelsohne nicht zu den europäischen Großmächten gehörte, dem altehrwürdigen, durch Jahrhunderte auf seine Autonomie bedachten johannitischen Orden in kompromittierender Weise seinen Willen aufzwingen konnte“, ließ nichts Gutes ahnen. Kurz später fiel die Insel Malta und mit ihm der Orden Napoleon wie eine reife Frucht in den Schoß.

Rückbesinnung auf die ursprüngliche Aufgabe: Hilfe für Bedürftige

 

Ein demütigendes jahrzehntelanges Herumirren an verschiedenen Orten des Mittelmeeres folgte. Dass der Malteserorden heute noch eine eingeschränkte Völkerrechts-Subjektivität, also eine staatsähnliche Stellung, für sich beanspruchen kann, hat unter anderem damit zu tun, dass er Verhandlungspartner beim Wiener Kongress war, der nach Napoleons Ende Europa neu ordnete. Man war immerhin noch bereit, mit Blick auf die ruhmreiche Geschichte und die lange bewiesene Nützlichkeit dem Orden eine völkerrechtliche Stellung einzuräumen, wie sie in ähnlicher Weise auch der Heilige Stuhl hat. Erst 1879 aber wurde wieder ein regulärer Großmeister gewählt; insofern ist die aktuelle Situation mit einem Statthalter an der Spitze etwas historisch gar nicht Ungewöhnliches für den Orden. Der Wiederaufstieg ging einher mit einer Rückbesinnung auf die eigentliche, erste Aufgabe, die sich der Gründung als Pilgerhospital in Jerusalem verdankte.

Hier können nun gerade die Österreicher für sich Meriten in Anspruch nehmen. Der dort etablierte freiwillige Sanitätsdienst des Ordens „erkannte im Zuge der Technisierung und Mechanisierung bewaffneter Auseinandersetzungen die Notwendigkeit adäquater Lösungen für die Versorgung Verwundeter“. Das konnten im Zeitalter der Eisenbahn nichts anderes sein als Lazarettzüge, die seit 1877 ausgerüstet wurden und, wie einst die Ordensschiffe, das Emblem des achtspitzigen Kreuzes trugen. Auch andere Nationen übernahmen das Konzept und die sinnvolle technische Ausstattung der Züge, mit denen, wie zu lesen ist, bis 1917 fast eine Viertelmillion Verwundete und Kranke zur weiteren Versorgung transportiert wurden. 1912 wurden sogar entsprechend umgerüstete Lazarettschiffe gestellt, als nun nicht mehr kriegerischen Zwecken dienende Wiederbelebung der früheren Ordensgaleeren.

Standort zwischen kirchlichem Orden und sozial-caritativem Hilfsdienst

Die Zeit seit dem letzten Weltkrieg war gekennzeichnet durch einen sprunghaften Anstieg der Staaten, die den Malteserorden völkerrechtlich anerkennen – es sind jetzt 110, seit 2017 auch Deutschland – durch eine Professionalisierung der diversen Hilfsaktivitäten, aber auch durch eine Standortsuche zwischen den Polen humanitäre Hilfsorganisation und religiöser Orden der Kirche, die naturgemäß nicht einfach und noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Die Autoren haben es nicht als ihre Aufgabe betrachten müssen, dazu Stellung zu nehmen. Ihr Ziel, eine alle Grundzüge der Historie des Ordens und besonders dessen Präsenz in (Alt-) Österreich berücksichtigende Gesamtgeschichte zu erstellen, ist glänzend geglückt.

Besonders besticht der Band durch zahllose, meist neue und farbige Fotografien der diversen Schauplätze, was besonders erfreulich ist, weil oft nur die ewig alten Aufnahmen herumgereicht werden. Ganz am Ende gibt es eine detaillierte Beschreibung der Insignien und der Ordenskleidung, die man in dieser Genauigkeit noch nie gelesen hat. Daran hängt nicht das Heil der Ritter und Damen des heiligen Johannes, denen aber bewusst sein sollte, dass sie keine Zukunft unter Negierung ihrer Geschichte haben werden. Ob der jüngste, in seiner Konsequenz beispiellose Eingriff von Papst Franziskus, den Reformprozess völlig seinem Kardinal-Delegaten Silvano Tomasi anzuvertrauen, für Klarheit und Frieden sorgen wird, ist abzuwarten.


Ludwig Call / Gregor Gatscher-Riedl: Weißes Kreuz auf rotem Grund.
Der Malteserorden zwischen Mittelmeer und Mitteleuropa.
Tyrolia Verlag, Innsbruck, 2021, 279 Seiten, 216 Abbildungen, ISBN 978-3-7022-3877-3, EUR 29,95

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