Identitätideologie

Christoph Türcke: Demokratie auf Abwegen

Der linke Philosoph Christoph Türcke sieht eine Inflation der Rassismus-Diagnose und die Demokratie auf Abwegen.
Führt Quote zu mehr Erfolg, ob in Unternehmen oder in der Politik?
Foto: IMAGO / UPI Photo | Führt Quote zu mehr Erfolg, ob in Unternehmen oder in der Politik? Lobbyisten suggerieren es.

Ouoten für bestimmte Menschengruppen sind ein Kennzeichen nicht-liberaler Gesellschaften. Sie sind an sich ungerecht, weil sie Einzelnen aufgrund von mehr oder weniger willkürlich bestimmten Gruppenzugehörigkeiten Privilegien verschaffen oder verweigern. Denn sie schließen umgekehrt Menschen von einer Gleichbehandlung auf der Grundlage von erbrachten Leistungen aus. Musterbeispiel hierfür sind Frauenquoten bei Stellenbesetzungen, Parteimandaten oder Theaterinszenierungen, aber auch sogenannte ethnische Quoten beim Zugang zu Universitäten, Organisationen oder Betrieben, wie sie in den USA lange schon gang und gäbe sind, inzwischen aber mit der Diversitätspolitik auch in Europa implantiert werden.

Der Dresdner Philosoph Christoph Türcke, Verfasser von Büchern über die neue Lernkultur an unseren Schulen oder den Machbarkeitswahn in der Genderfrage, sieht hierin aber einen Abweg der Demokratie. Er scheint zwar die Zielvorstellung der „Gleichstellung“ (die mit der Gleichberechtigung generell unvereinbar ist) teilen, die der Quotenpolitik zugrundeliegt. Aber er hat doch gravierende Bedenken. Zwar sind die Versuche in östlichen Bundesländern, sogenannte Paritätsgesetze zu erlassen, inzwischen für verfassungswidrig erklärt worden – bemerkenswerter Weise vor allem auf Initiative der AfD. Aber die Idee, Abgeordnete sollten paritätisch gewählt werden, wird deswegen von ihren Propagandisten gewiss nicht aufgegeben. Türcke sieht richtig, dass solche Abgeordnete, käme es doch zu einer Art Paritätsdemokratie, aber strukturell Lobbyisten entsprächen, die ganz bestimmten Gruppeninteressen unterworfen wären.

„Dabei befördert der in den Hochschulen weit verbreitete
dekonstruktive Rassismus-Diskurs das,
wogegen er zu argumentieren scheint.
Denn schon dadurch, dass er ‚ständig die Existenz von Rassen bestreitet‘,
halte er das Wort ‚Rasse‘ ständig wach“

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Mit einer solchen Quotenpolitik als Identitätspolitik auch dort, wo es um die Vertretung des ganzen Volkes gehen soll, würde deshalb der Weg zu einem neuen Clandenken beschritten. Türcke kritisiert als Linker deutlich diesen Weg in eine „Lobbydemokratie“, die einen Rückschritt in vordemokratische Zeiten bedeutete. Das Quotendenken ist also im präzisen Sinne antidemokratisch.

Ein weiterer Problemkreis dieser Tage stellt der Komplex von „Rasse“ und „Rassismus“ dar, in Verbindung mit Antisemitismus und Xenophobie. Doch diese werden nach Türcke oft genug zu unspezifisch in den Blick genommen, wenn sie nur abstrakt als „Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ verstanden werden.

Das ständige Gerede problematisiert erst recht

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Nicht alles Fremde kann indes vertraut gemacht werden, es wäre Türcke zufolge auch nicht wünschenswert. Man könnte sich sonst gar nicht mehr auf das Eigene konzentrieren. Türckes Anlehnung an die Schemata der Psychoanalyse in der Version der Frankfurter Schule muss man nicht teilen, um zu erkennen, dass er recht hat, wenn er in einer „facebookgestützten Verleugnung der eigenen Xenophobie“ in universitären Milieus eine, wie man wohl sagen darf, toxische Form des Antirassismus beobachtet. Dieser nämlich verlange nach Ventilen und explodiere „gegen alle, die dem eigenen Ideal des Antirassismus nicht genügen.“

Auch beim Gendern gilt Ähnliches, wie Türcke deutlich kritisiert: „Wer nicht mitgendert, macht sich der ,gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit‘ verdächtig.“ Dabei befördert der in den Hochschulen weit verbreitete dekonstruktive Rassismus-Diskurs das, wogegen er zu argumentieren scheint. Denn schon dadurch, dass er „ständig die Existenz von Rassen bestreitet“, halte er das Wort „Rasse“ ständig wach. Ebenso wird durch das ständige Gerede über „Gender“ jede Sachdiskussion mühelos erstickt.

Die Tat folgt nicht konsequent der eigenen Einsicht

Türckes Analyse bringt einiges Licht in eine vertrackte Thematik. Aber er ist nicht immer konsequent genug, so wenn er abschließend meint, antirassistische Identitätspolitik sei ihm lieber als offen rassistische.

Doch stehen beide in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis: Erstere braucht das – notfalls bloß behauptete – Fortbestehen der Letzteren, um sich eine Dauerlegitimation für den Kampf gegen unsere Gesellschaft zu verschaffen. Beide stehen daher im eklatanten Widerspruch zur freiheitlichen Demokratie


Christoph Türcke: Quote, Rasse, Gender(n). Demokratisierung auf Abwegen. zu Klampen Verlag,
Lüneburg 2021, 120 Seiten, ISBN-13: 978-386674-810-1, EUR 14,80

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