Gottesliebe

„Philothea“: Wie kann man lernen, Gott zu lieben?

„Philothea“ – der Klassiker des Franz von Sales erscheint in neuer Ausgabe für eine neue Generation.
Papst Clemens VIII. gratuliert Franz von Sales zu seiner Bischofsprüfung
Foto: Osfs | Papst Clemens VIII. gratuliert Franz von Sales zu seiner Bischofsprüfung, die er in Gegenwart des Papstes ablegte.

Es gibt viele fromme Bücher, allzu viele – aber entscheidend ist, ob ihr Verfasser dem Blick Jesu begegnete, der ihn zur Nachfolge zwang. Was meint dieses starke Bild? Es meint rundheraus, ob der Autor einmal in der Gefahrenzone des Absturzes war, ob er die Höhen wirklicher Berufung und die Tiefen von Versuchungen kennenlernte, ob er selbst in die Flammen fiel, von denen er schreibt. Kurz: ob er vom Leben geprüft wurde und die Wirrnisse bestand.

Franz von Sales, Heiliger und Kirchenlehrer, geboren 1567 auf der väterlichen Burg Sales im französischen Savoyen, gestorben 1622 in Lyon, war als adeliger Stammhalter eigentlich für die Jurisprudenz bestimmt. Von der Anlage her war er jähzornig, ursprünglich in so hohem Maße, dass er sich, oft puterrot im Gesicht, kaum zu beherrschen wusste. Dies ist um so bemerkenswerter, als Franz von Sales in langem Training später zum Heiligen der Sanftmut und Gelassenheit wurde. Beim Studium der Rechte in Paris erfuhr der Student eine Bekehrung, wandte sich der Theologie zu, wurde Priester und Bischof. 1602 erhielt er das schwierige, von Rom abgefallene Gebiet in und um Genf zugewiesen – es war überwiegend calvinistisch und antikatholisch, und Franz machte sich bis in die letzten Dörfer und Täler auf, um dort zu predigen.

„Der Inhalt ist klassischer Aufstieg: Zuerst wird die Seele gereinigt,
dann erleuchtet, zuletzt geeinigt mit ihrem Schöpfer“

Wider alle Hoffnung wendete sich langsam das Blatt zum römischen Glauben zurück. In der Mitte seines Lebens begegnete er der Baronin Johanna Franziska von Chantal (1572–1641), einer Witwe und Mutter von vier Kindern. Auch sie war eine Ausnahme, ihm kongenial, ihr Psychogramm scheint in dem wundervollen Briefwechsel zwischen beiden auf. Beide gründeten später den Orden von der Heimsuchung Mariens. Wer begleitete dabei wen? Es gibt sein Wort über sie, er sei vor ihr ratlos gestanden. „Denn durch das kristallene Wasser eines kleinen Baches zu blicken und darin jeden Kiesel zu sehen, sei ein liebliches Ding; doch wenn ein See vollkommen klar sei, zugleich aber so tief, dass der Blick nicht auf den Grund komme, das mache erschrecken. So sei es ihm mit dieser Frau ergangen. Ihr Wesen sei vollkommen durchsichtig gewesen, aber von einer Klarheit, in welcher sich unerschöpfliche Tiefe auftat.“ (Guardini, in „Spiegel und Gleichnis“, Mainz 1932)

Um so etwas zu sagen, muss man selbst der Tiefe gewachsen sein. Franz von Sales, der Zornmütige, als junger Mann schwer vom dunklen Gottesbild Calvins verwundet, wird zum sanften Lehrer, zum Lehrer des Gleichmaßes und der Geduld mit sich selbst. „Nichts verlangen, nichts ablehnen.“ Die berühmte Äbtissin Angélique Arnauld von Port-Royal spricht in einem Brief 1655 von der „extreme douceur, retenue et sagesse du bienheureux Eveque de Geneve“. Franz von Sales wird zum Lehrer abgründigen Vertrauens, kann die Mutter des Selbstmörders trösten: Noch zwischen Brücke und Fluss flute unendlich Gottes Barmherzigkeit. Er weiß vom Unbesiegbaren: „Unsere Selbstsucht stirbt eine halbe Stunde nach unserem Tod“; und doch kann auch sie mit Starkmut und Demut bezwungen werden. Er wirbt für gründliche Bildung: „Das Studium ist das achte Sakrament des Priesters“ – ein Satz, den er selbst beherzigte, da er sich immer wieder in die Kirchenväter, aber auch die Akten des Konzils von Trient vertiefte.

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Verbessere nicht, sondern erbaue

Ein solch weites Herz vermag die Herzen anderer zu berühren; es „schreibt nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes“ (2 Kor 3,4). Franz von Sales entwirft die Philothea als blutvolle und warme Katechese des allmählichen Aufstiegs zu Gott, in fünf Teilen und 119 Kapiteln. Liest man täglich ein Kapitel, bräuchte man also ein Drittel des Jahres – um allmählich in ein neues Leben einzumünden. Unbeschadet der Fülle der Ratschläge, die sicherlich Jahre der „Einwirklichung“ brauchen.

Der Inhalt ist klassischer Aufstieg: Zuerst wird die Seele gereinigt, dann erleuchtet, zuletzt geeinigt mit ihrem Schöpfer. Diese Einigung führt Franz von Sales in einem zweiten, weniger bekannten Buch aus, dem Theotimus. Den eigentlichen Siegeszug aber trat „Philothea“ an: 1609 erstmals auf französisch erschienen, in viele Sprachen übersetzt, auch gekürzt und von anderen Autoren nachgeahmt, wird sie geistliches Brot für Unzählige. Die vorliegende Übersetzung ist nach einer letzten deutschen Ausgabe vor über 80 Jahren gänzlich neu, ungekürzt und mit den heutigen Erfordernissen versehen: dem Vorwort der Herausgeber und biographischen Hinweisen auf die angeführten Namen. Der Übersetzer ist Alexander Wagensommer, der auch schon Schriften des heiligen Philipp Neri übersetzt hat. Jedenfalls sind die beiden Herausgeber bereits ein bekanntes Tandem, was Veröffentlichungen im Umfeld des Oratoriums des heiligen Philipp Neri angeht. Und der blaue schmale Leinenband mit rot und silbern leuchtendem Titel liegt gut in der Hand und wirkt elegant.

Warum wurde der Inhalt klassisch? Der erste Teil führt vom allgemeinen Wunsch nach geistlicher Vertiefung zum festen, entschlossenen Schritt auf die Bahn; der zweite handelt von Gebet und Sakramenten als den tiefsten Hilfen; der dritte von der Übung der Tugenden, vorrangig Geduld, Bescheidenheit, Demut, Sanftmut, Gehorsam, Keuschheit, einschließlich Ratschlägen über das Reden; der vierte vom Schutz gegen Versuchungen; der fünfte von Erneuerung und Festigung der Seele im neugewonnenen Leben. Philothea ist das klassische Handbuch der Wende von einem durchschnittlichen, „irgendwie frommen“ Leben zu einem lichtvollen Dasein in der Nähe Gottes. Es richtet sich an jeden, ausdrücklich auch an Jungfrauen, Ehefrauen, Witwen, wie sie die Biographie des Heiligen begleiten. Vor allem: Es richtet sich an Menschen, die nicht ein klösterliches, sondern ein „normales“ geschäftiges, familiäres, berufliches Leben führen, sogar ein höfisches Leben mit seinen Zwängen und dem nötigen Aufwand. „So kann eine starke und ausdauernde Seele in der Welt leben, ohne das Gift der Welt aufzunehmen, kann Quellen süßer Frömmigkeit inmitten der bitteren Wellen der weltlichen Geschäfte finden, kann durch die Flammen der irdischen Gelüste fliegen, ohne sich die Flügel der heiligen Sehnsucht nach einem frommen Leben zu versengen.“ (Vorwort)

Nehmen wir prototypisch ein Kapitel aus dem Schatz der Beobachtungen und Ratschläge heraus, das Kapitel einer heutigen Zeitkrankheit: der „inneren Unruhe“ (IV, 11). Die musterhafte Analyse gehört in die Vorgeschichte der Tiefenpsychologie (wie so manches in den frühmodernen pastoralen Handbüchern). Unruhe entspringt nach Franz von Sales einem seelischen Schmerz, dessen viele Ursachen sich zu einer bleibenden Traurigkeit verdichten können. Die Unruhe will sich eben von dieser drohenden Umschlingung befreien, verwickelt sich aber immer mehr darin – wie der Vogel im Netz. So verschiebt sich die Analyse im nächsten Kapitel (IV, 12) auf die Symptome der Traurigkeit.

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„Philothea“ kann Urvertrauen göttlicher Heilung bewirken

Dabei unterscheidet Franz eine gottgewollte von einer weltlichen Traurigkeit; die erste führt zu Mitleid und Buße, die zweite aber zu Angst, Trägheit, Zorn, Eifersucht, Neid und Ungeduld.Diese „schlechte“ Traurigkeit wird in der Regel eben zur Quelle einer schwer zu bezähmenden Unruhe: Sie „erweckt unkontrollierbare Ängste und Widerwillen gegen das Gebet, macht unseren Verstand schläfrig und träge, entzieht unserer Seele Trost, Rat, Entscheidungs- und Urteilskraft, bringt unsere Kräfte zu Fall. Kurz, sie ist wie ein harter Winter, der die Schönheit der Welt zu Fall bringt und alle Tiere erstarren lässt; denn sie nimmt der Seele jede Freude und macht sie steif und nahezu unfähig, ihre Kräfte einzusetzen.“

Bliebe es nur bei der Diagnose, so würde sie das Leid eigentlich nur vertiefen. Aber Franz entfaltet eine Therapie: (kurze) Anrufungen im Gebet, getragen von willlensbetontem Vertrauen und Liebe, dazu Singen (!); Gutes tun; vielseitige Arbeit, um von der Traurigkeit abzulenken; ein Kreuz küssen und dazu Worte der Liebe verwenden, wie sie im Hohenlied und den Psalmen geprägt sind. Die Rede ist auch von einem freiwillig zugefügten körperlichen Schmerz zur Ablenkung – ein heute befremdender Gedanke, der aber nicht unterschlagen sei. Am tiefsten freilich wirkt die heilige Kommunion als Speisung mit der Kraft Christi selbst. Daneben sind Gespräch und Geselligkeit hilfreich, letztlich aber das Abgeben der Last in die Hand Gottes – hier steht das große Wort „Geduld“. Überhaupt wird das Gespräch mit einem „guten und vertrauten Freund“ empfohlen. Ist die Traurigkeit auf diese Weise unterbunden, wird auch die Unruhe schwinden.

Die Größe der Seele findet Genüge nur in Gott

Ein anderes Thema gegen Ende bildet die Größe der Seele. Sie ist der Erkenntnis alles Geschaffenen und auch des Schöpfers fähig, sie ist unsterblich und der Ewigkeit würdig, sie findet in den Geschöpfen Schönheit, aber kein Genüge; das findet sie nur in Gott. Diese Unersättlichkeit ist ihr Adel. Es ist aber auch ihre Versuchung, sich unter ihrem Wert trösten zu lassen. So bedarf sie der Erinnerung an die erste Liebe, mit der sie geschaffen und geliebt wurde. Das ist zwar zunächst ein abstrakter Gedanke, doch gilt es – als bleibende Aufgabe –, sich immer wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen und in dieses Gewolltsein hineinzufinden. So gewinnt man das Gegengewicht gegen die Lähmung durch das eigene Versagen. In einem Brief schreibt er: „Ich liebe die starken und unabhängigen Seelen“ – was freilich mit der Demut des Geschaffenseins zusammenstimmen muss und auch kann.

Ja, ein milder Lehrer. Er rät anderen und beschreibt dabei sich selbst: „Sprich auf sanfte, liebevolle und demütige Weise über Gott. Lasse so gut du kannst (und wie es von der Braut des Hohenlieds erzählt wird, Hld 4,11) den köstlichen Honig der Frömmigkeit und der Dinge Gottes in die Ohren deiner Mitmenschen tropfen und bete dabei, dass er diesen heiligen Tau direkt bis ins Herz derer fließen lasse, die dir zuhören. Vor allem aber musst du diesen engelhaften Dienst auf freundliche und liebenswürdige Weise erfüllen. Verbessere nicht, sondern erbaue. Es ist erstaunlich, mit welcher Macht freundliche und liebenswürdige Worte die Herzen anrühren können.“ (III, 26)

Solche Worte könnten sogar die gegenwärtige Kirchenkrise in eine gerechtere und maßvollere Sprache und in ein Urvertrauen zur göttlichen Heilung alles Verwundeten zurückführen.


Franz von Sales: Philothea. Anleitung zum frommen Leben.
Herausgegeben, eingeleitet und mit einem Personenindex versehen von Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka,
Heiligenkreuz. Be&Be 2022, 410 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, ISBN 978-3-903602-37-3, EUR 21,90

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