Northampton

Orwells „1984“ wird an Universität zensiert

Ein Klassiker, der vor Zensur warnt, wird Opfer der „Löschkultur“: Die Universität Northampton stuft Orwells „1984“ als gefährlich ein, weil der Roman „beleidigend und verstörend“ wirken könnte.
Statue von George Orwell in London
Foto: Philip Toscano (PA Wire) | Eine Bronzefigur des britischen Schriftstellers George Orwell vor dem Broadcasting House in London (Großbritannien) enthüllt.

Die Universität Northampton hat eine Warnung vor George Orwells Roman „1984“ ausgesprochen, denn er enthalte „explizites Material“, das einige Studenten „beleidigend und verstörend“ finden könnten. 

Laut der britischen Zeitung „Daily Mail“ steht „1984“ zusammen mit anderen bekannten Werken auf der Literaturliste, die Studenten der Universität Northampton im Modul „Identity Under Construction“ lesen sollten. Sie wurden jedoch davor gewarnt, dass der Romanklassiker „schwierige Themen im Zusammenhang mit Gewalt, Geschlecht, Sexualität, Klasse, Rasse, Missbrauch, sexuellem Missbrauch, politischen Ideen und anstößiger Sprache“ behandle.

Zensur im Widerspruch zu den Themen des Romans

Neben Orwells Buch nennen die Wissenschaftler als Werke, die das Potenzial haben, „beleidigend und verstören“ zu wirken, auch das Theaterstück „Endspiel“ von Samuel Beckett, den grafischen Roman „V For Vendetta“ von Alan Moore und David Lloyd sowie Jeanette Wintersons „Das Geschlecht der Kirsche“.

Lesen Sie auch:

Im Zusammenhang mit Orwells „1984“ erklärte ein Sprecher der Universität Northampton: „Das ist zwar keine Universitätspolitik, aber wir können Studenten vor Inhalten wie Gewalt, sexueller Gewalt, häuslichem Missbrauch und Selbstmord warnen. In dem Fall erklären wir den Studenten, wenn sie sich in einen bestimmten Kurs einschreiben, dass der betreffende Kurs einige herausfordernde Texte enthält. Dies wird von den Tutoren im Verlauf des Studiums noch vertieft. Denn wir sind uns bewusst, dass einige Texte für manche Studenten eine Herausforderung darstellen könnten, und haben dies bei der Entwicklung unserer Kurse berücksichtigt.“

Die Warnung der Universität hat allerdings für Kritik gesorgt. Denn manche sehen in der Zensur einen Widerspruch zu den Themen des Romans. Die „Daily Mail“ zitiert den konservativen Abgeordnete Andrew Bridgen mit den Worten: „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Studenten jetzt vor der Lektüre von ‚1984’ gewarnt werden müssen. Unsere Universitäten werden schnell zu dystopischen Big-Brother-Gegenden, in denen Neusprech praktiziert wird, um die Bandbreite intellektueller Gedanken zu verringern und Redner, die sich nicht daran halten, auszuschließen. Zu viele von uns – nirgendwo wird dies deutlicher als an unseren Universitäten – haben ihre Rechte freiwillig aufgegeben, um sich einer gleichgeschalteten Gesellschaft anzupassen, die von einer liberalen Elite regiert wird, die uns vor Ideen ‚schützt’, die ihrer Meinung nach zu extrem für unser Empfinden sind.“

Universität spricht auch für andere Bücher Warnungen aus

Zu Wort kommt ebenfalls Orwell-Biograf David Taylor: „Ich denke, dass 13-Jährige einige Szenen in dem Roman verstörend finden könnten, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand in diesem Alter noch wirklich von einem Buch schockiert ist“.

Auch in anderen Modulen des Studiengangs Englische Philologie hat die Universität Northampton Warnungen ausgesprochen. So werden Studenten darauf hingewiesen, dass Mark Haddons Roman „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ (2003) „den Tod eines Tieres, Feindlichkeit gegenüber Behinderten und eine beleidigende Sprache“ enthält.

Klassische Werke werden außerdem ebenfalls an anderen britischen Universitäten Ziel einer besonderen Beobachtung. So kündigte beispielsweise die Universität Salford, dass Charlotte Brontes „Jane Eyre“ und Charles Dickens’ „Große Erwartungen“ unter Aufsicht stehen.

Die Plattform „NorthantsLive“ verweist darauf, dass „ironischerweise Orwells Roman von einer ‚Gedankenpolizei’ handelt, die verbotenes Material verfolgt, das vom herrschenden System als nicht angemessen erachtet wird.“ Damit wolle die Universität Northampton ein Werk zensieren, das vor den Gefahren der Zensur warnt.  DT/jg

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Rückeroberung der freien Meinungsäußerung und der Freiheit der Wissenschaft: An Universitäten, aber auch in Zeitungen, stehen immer mehr Menschen gegen die Unsitte „Löschkultur“ auf.
01.08.2021, 09  Uhr
José García
Lautstarke Minderheiten mit absurden Vorstellungen von „Normalität“, beeinflussen derzeit das gesellschaftliche Klima: Sie wollen vorgeben, was man „sagen darf“ und was nicht, weil es ihrem ...
12.02.2022, 07  Uhr
Norbert Bolz
Themen & Autoren
Meldung Charles Dickens George Orwell Samuel Beckett Zensur

Kirche

Der deutsche Katholizismus ist gelähmt. Er spielt in gesellschaftlichen Debatten kaum noch eine Rolle. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Bischöfe.
26.05.2022, 09 Uhr
Manfred Spieker
Der Moskauer Patriarch beschädigt mit seiner Kriegstreiberei nicht nur sein eigenes Image, sondern die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung.
25.05.2022, 11 Uhr
Stephan Baier
Weil der deutsche Katholizismus trotz Auflösungserscheinungen Wortführer in der Gesellschaft bleiben will, wird der Glaube beschwiegen. Der Missionsauftrag bleibt auf der Strecke.
25.05.2022, 19 Uhr
Christoph Böhr
Am Samstag können Sie sich zusammen mit der Tagespost-Volontärin Emanuela Sutter über Ihre Erfahrungen mit dem Katholikentag und über Themen rund um die Tagespost unterhalten.
25.05.2022, 12 Uhr
Redaktion