Kirche

Franz von Sales: Der Gentleman unter den Heiligen

Die „Philothea“ des heiligen Franz von Sales neu entdeckt. Von Urs Buhlmann
Heilige Franz von Sales
Foto: IN | Der heilige Franz von Sales.

Ein Atoll in der Inselgruppe der Seychellen ist nach ihm benannt und auch in Romanen taucht er auf (sogar als Lieblingsheiliger einer Auftragsmörderin), aber im deutschen Sprachraum hat Franz von Sales (1567–1622), Spross eines savoyischen Adelsgeschlechts, es dennoch nur zu mäßiger Bekanntheit gebracht. Vielleicht ist dieser „Gentleman unter den Heiligen“, wie man ihn wegen seiner unaufdringlichen, diskreten Art genannt hat, doch zu sehr eine Erscheinung des französischsprachigen Raumes. (Sein Französisch wird heute noch gerühmt und im Gymnasialunterricht behandelt). Katholiken aller Länder haben allerdings guten Grund, sich mit dem Bischof von Genf, dem heiliggesprochenen Ordensgründer, Mystiker und Kirchenlehrer, näher zu beschäftigen. Sein 1609 erschienenes Buch über die gottliebende Seele „Philothea“ (dazu trat 1616 noch die Abhandlung über die Gottesliebe „Theotimus“) ist nicht nur Bestandteil der Weltliteratur, sondern gehört mit der „Nachfolge Christi“ des Augustiner Chorherren Thomas von Kempen zu den wichtigsten geistlichen Werken aller Zeiten mit Millionenauflagen in allen denkbaren Sprachen bis heute. „In der Bibliothek von Annecy“, weiß Peter Dyckhoff, „sind heute 121 verschiedene Philothea-Ausgaben zu finden.“ Der bekannte geistliche Autor aus dem Bistum Münster hat als Einführung zu einem vertieften geistlichen Leben die Philothea neu ins Deutsche übertragen, „um diese in alter Sprache formulierten christlichen Weisheiten, Ratschläge und Hinweise zum Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit Gott“ dem heutigen Zeitgenossen zu erschließen. In behutsam modernisierter Sprache hat er dabei nichts weggelassen, nichts hinzugefügt, sondern nur eventuelle Verständnisschwierigkeiten auszuräumen versucht.

So viele Anleitungen zum geistlichen Leben gibt es, ohne Frage, und doch ist die Stimme des savoyardischen Edelmannes – so unauffällig sie zunächst daherkommen mag – nicht ohne Grund auf große Resonanz gestoßen. Dyckhoff: „Die fünf Teile der Philothea zeigen einen gut nachvollziehbaren praktischen Weg auf, der mit dem Wunsch beginnt, intensiver geistlich zu leben. (...) Die Texte sind von dem Grundgedanken geprägt, dass jeder Mensch wahre Gottesliebe üben kann.“ Darin liegt die bleibende Bedeutung des heiligen Bischofs, der es zum Patron der Schriftsteller und Journalisten gebracht hat: Für jeden Menschen, so lehrt Sales, gibt es eine ihm gemäße Form echten geistlichen Lebens und enger Gottesbeziehung. Dafür muss man nicht „fromm“ sein und schon gar nicht braucht es dafür ein Theologiestudium oder den Gang ins Kloster. Im letzten Jahrhundert hat Josemaría Escrivá diesen Gedanken, dass Heiligkeit allen zugänglich und erreichbar sei, neu aufgegriffen und – in freilich ganz anderer Form als der sanftmütige Franzose – durch die Gründung des Opus Dei ins Werk zu setzen versucht. Aber wesentlicher Anreger für diese und andere Versuche bleibt Franz von Sales, den im übrigen auch der Schönstatt-Gründer Josef Kentenich genau gelesen hat.

Natürlich kann auch ein Franz von Sales nicht alles neu erfinden, was den Weg zu einem gelungenen inneren Leben markiert. Er orientiert sich in manchem offenkundig an Ignatius von Loyola und an Philipp Neri (Sales war selber in ein Oratorium eingetreten). So sind die zehn Betrachtungen des ersten Teils mit ihren in konkrete Lebenssituationen hineinführenden Erwägungen offenkundig vom Exerzitienbuch des großen Basken beeinflusst. In sich noch einmal dreigeteilt, geht es jeweils um die innere Vorbereitung, wenn man sich für die Dauer einer täglichen halben Stunde in die Gegenwart Gottes begibt, dann um die Erweckung eines inneren Bildes oder Szenarios, in das man sich selber versetzt (in dem Bewusstsein, dass Gott gerade auf einen schaut und einen begleitet) und schließlich um praktische Entschlüsse. Das alles aber immer nur in kurzen, nicht überfordernden Abschnitten, wie überhaupt alle Meister des geistlichen Lebens und unter ihnen auch Sales vor einem „zu viel und zu schnell“ warnen. Auch der Übersetzer und Interpret Dyckhoff rät in seiner Einleitung davon ab, sich mit der Philothea unter Anspannung oder innerem Zwang zu beschäftigen: „Lesen Sie langsam und nur wenig am Tag... Halten Sie da inne, wo Sie sich besonders angesprochen fühlen. Verweilen Sie eine Zeit und legen Sie dann den Text aus der Hand.“ Die Haltung der Freiheit und Freiwilligkeit – zutiefst salesianisch – ermöglicht es viel besser, sich der Freundschaft mit Gott zu nähern, als jeder Zwang. Dyckhoff: „Achten Sie darauf, dass Sie sich durch rein gar nichts im Text zwingen lassen und auch nicht den einen oder anderen Hinweis zu tragisch zu nehmen. Die Worte möchten Sie nicht beschweren oder gar belasten, sondern Sie in eine größere Freiheit und damit in die Nähe und Liebe Gottes führen.“ Das dürften gerade für den gehetzten Menschen unserer Tage ebenso notwendige wie nützliche Hinweise sein.

Mit Franz von Sales unterwegs zu sein ist also so etwas wie ein gepflegtes Gespräch mit einem guten Freund, der aus echter Sympathie wohlerwogene Ratschläge gibt, die einen fordern, aber nicht überfordern. Ein finsteres oder auch nur angespanntes Gesicht soll der Christ nicht machen, vielmehr Freude über die eigene Erlösung empfinden und auch ausstrahlen. „Wer von guten Eigenschaften nur einige hat, wird sich bereits darüber freuen und bestrebt sein, sie zu mehren, um in seiner seelisch-geistigen Entwicklung weiterzukommen“, so der Heilige in der Sprache seines deutschen Interpreten, „ein Leben auf einem höher werdenden geistlichen Niveau lässt immer weniger Traurigkeit zu, vermindert die Häufigkeit der Fehler und vermehrt die Freude am Leben.“ Das sind verheißungsvolle Aussichten für alle, die den Wunsch haben, den Weg der Nachfolge zu gehen und sich dabei eines Wegbegleiters bedienen wollen, der zu Lebzeiten mit seinen mehr als 20 000 Briefen an Hoch und Niedrig geradezu zu einem Genie der Freundschaft wurde, weil er jedem das für ihn Passende zu sagen wusste. Peter Dyckhoff lässt ihn uns in seiner einfühlsamen Übertragung wieder neu entdecken. Franz von Sales ist wirklich ein Mann für alle Jahreszeiten.

Peter Dyckhoff:  Wege der Freundschaft mit Gott – Geistlich leben nach Franz von Sales. Herder Verlag, Freiburg, 2013, 398 Seiten ISBN 978-3-451-32239-6, EUR 16,99

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