Die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe

Eine Studientagung im Zisterzienserstift Heiligenkreuz diskutiert neue Aspekte zur Hoheliedexegese. Von Kilian Mayer
Gnadenbild der schwarzen Madonna in Einsiedeln
Foto: KNA | Maria, Abbild der Kirche. Die Aufnahme zeigt das Gnadenbild der schwarzen Madonna in Einsiedeln.
Gnadenbild der schwarzen Madonna in Einsiedeln
Foto: KNA | Maria, Abbild der Kirche. Die Aufnahme zeigt das Gnadenbild der schwarzen Madonna in Einsiedeln.

Heiligenkreuz (DT) „Begegnung die verwandelt: Die Hoheliedexegese als Chiffre für eine heilende und heiligende Gottesbeziehung“ war im niederösterreichischen Stift Heiligenkreuz Thema einer Studientagung mit bekannten Referenten aus dem deutschsprachigen Raum. Durch einen „zu verkopften Zugang“ sei die katholische Katechese immer mehr ins Hintertreffen gelangt, so Pater Karl Wallner, der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz. Papst Benedikt habe aber einer zu harten Kritik der historisch-kritischen Methode eine Absage erteilt, weil der christliche Glaube in einem historischen Faktum gründe, in der Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte. Doch sei die Bibel oft nicht mehr Heilige Schrift, durch die uns der in der Geschichte handelnde Gott auch heute je neu anspreche.

Moderne Exegeten brachen mit der Tradition

Dies griff Professor Michael Waldstein auf, der über das Verhältnis von Wissenschaft und Glauben referierte. Die Naturwissenschaft sei die einflussreichste Kraft dieser Zeit. Seit Newton sei an die Stelle der Metaphysik als grundlegende Wirklichkeitserfassung die Atomphysik getreten. Waldstein, dessen Sohn selbst Mönch in Heiligenkreuz ist, verwies auf den Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der den Glauben „eines der großen Übel der Welt“ nennt und behauptet, dass die Wissenschaft frei von Glauben sei. Dawkins verwende, so Waldstein, „Glaube“ aber nur im Sinne des unsicheren Fürwahrhaltens einer Meinung. Was aber mache ein Student, dessen Professor eine DNA-Struktur erklärt? Er glaube seinem Zeugnis. Die Vernunfthaftigkeit der Wissenschaft hänge also weitgehend von der Vernünftigkeit solchen Glaubens ab. Es komme darauf an, die Vernünftigkeit des Glaubens und die Verlässlichkeit des Zeugnisses sicherzustellen. Wäre die Wissenschaft wirklich, wie Dawkins meint, frei von Glauben, dann gäbe es gar keine Wissenschaft. Als Christen glauben wir Jesus, wir vertrauen, weil wir ihn für verlässlich halten. Waldstein wörtlich: „Unser Glaube ist ein hochvernünftiges Wissen.“

Der Wiener Universitätsprofessor Ludger Schwienhorst-Schönberger stellte fest, dass die jüdische und christliche Tradition das Hohelied immer als Buch gesehen habe, in dem Gott in allegorischem Sinn von der Liebe zu seinem Volk spreche. Moderne Exegeten brachen mit dieser Tradition, wenn sie wie Othmar Keel behaupten, dass die allegorische Auslegung „nichts Anderes als eine elegant gestaltete Verachtung des Textes“ sei. In der vorneuzeitlichen Exegese, so Schwienhorst-Schönberger, sei das Hohelied von höchster Bedeutung gewesen, weil man es als das Buch christlicher Brautmystik und als Brücke zwischen Altem und Neuem Testament gesehen habe.

Der Exeget und Bestsellerautor Klaus Berger erläuterte, dass Hippolyt von Rom, ein Heiliger der alten Kirche, die beiden Brüste der Frau des Hohenliedes allegorisch als Gesetz und Evangelium gesehen habe. Die Hauptstränge der Hoheliedexegese seien in der christlichen Tradition der ekklesiologische Strang (die Kirche als Braut), die Fortführung der jüdischen Tradition (das Volk Israel als Braut) sowie der marianische Strang und schließlich der auf die Einzelseele bezogene Strang. Der Bräutigam des Hohenliedes sei Christus selbst. Christus werde an vielen Stellen des Neuen Testaments als Bräutigam dargestellt. Er sei aber, trotz dieser Bezeichnung, nicht verheiratet, weil er die Hochzeit erst ankündigt. Durch diese Bräutigamchristologie könne auch das eschatologische Zeichen des Zölibats verstanden werden. Die Hochzeit von Braut und Bräutigam werde erst bei der endgültigen Wiederkunft Christi vollzogen. Die Braut müsse, so Berger auf die neutestamentlichen Schriften verweisend, makellos bleiben, strahlend und rein. Dabei zitiert er die Apokalypse, in der es heißt: „denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes und seine Frau hat sich bereit gemacht“ (Offb 19, 7). Die Braut rufe den für die Hochzeit typischen Ruf: „Komm!“ Auch Paulus greife diese Brautmystik auf, wenn er zu den Männern sagt: „Liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sein Leben für sie hingegeben hat“ (Eph 5, 25).

Über diese totale Hingabe Christi referierte Professorin Schwester Regina Willi, Vorstand des Instituts Biblischer Wissenschaften an der Hochschule Heiligenkreuz. Sie fragte, welche Schönheit wohl gemeint sei, wenn es in Dostojewskijs ,Der Idiot‘ heiße: „Schönheit rettet die Welt.“ Im Lichte der Schöpfungsberichte und unter besonderer Beachtung der Erschaffung von Mann und Frau zeigte die Referentin, dass die eheliche Einheit von Mann und Frau, „das ursprünglichste Sakrament“, die ausschließliche Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel versinnbildliche. „Die Schönheit ist das Thema des Hoheliedes, weil sie das Thema der Liebe ist: Die Schönheit wirkt anziehend und entzieht denjenigen sich selbst, der liebt, indem er beginnt, sich ganz auf die geliebte Person auszurichten. Wer wahrhaft liebt, also nicht stehen bleibt an der sichtbaren und sinnenfälligen Schönheit, sondern in der Begegnung die Schönheit der Person als Ganzes erkennt, [..] lebt in der Vergessenheit seiner selbst für die geliebte Person.“ Gott selbst habe diese „heiligste aller Realitäten“, die oblative, sich schenkende Liebe in der Gabe seiner Selbst durch seinen Tod am Kreuz bezeugt.

Christi Schönheit überstrahlt die Passion

Der Generalabt der Zisterzienser, Mauro-Giuseppe Lepori, erwähnte hierzu in seiner Meditation, dass die Schönheit Christi so vollkommen und absolut ist, so ursprünglich und wesentlich, dass sie selbst in der Entstellung und Verunstaltung der Passion und des Todes noch sichtbar sei.

Die Frage im Hohenlied sei auch für uns die entscheidende Frage: „Was hat dein Geliebter den andern voraus? Mein Geliebter ist weiß und rot, ist ausgezeichnet vor Tausenden. [...] Seine Gestalt ist wie der Libanon, erlesen wie Zedern. Sein Mund ist voll Süße; alles ist Wonne an ihm. Das ist mein Geliebter.“ Grund der uneingeschränkten und nicht austauschbaren Bevorzugung sei die unvergleichliche Schönheit des Geliebten. Die Braut sagt nichts über sich selbst, nichts über eigene Gefühle aus. Es ist, als sage sie, dass alle Gründe ihrer ausschließlichen Liebe im Geliebten selbst lägen. „Ihre Leidenschaft ist zu groß, als dass sie darauf verzichten könnte, ihren Geliebten wiederzufinden. Sie leidet und sie weiß, dass dieser Schmerz ein guter Schmerz ist, ein Schmerz, den sie als Liebesleiden bezeichnet: ,Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter: Wenn ihr meinen Geliebten findet, sagt ihm, ich bin krank vor Liebe‘.“ Der Generalabt erinnerte an die Worte Mutter Teresas, dass man lieben müsse, bis es weh tut.

Professor Wolfgang Buchmüller stellte unter Berufung auf den heiligen Bernhard von Clairvaux fest, dass der beste Zugang zum göttlichen Geheimnis, neben der Schöpfung und Visionen, der Weg der Liebe sei: „Das Ersehnen des Bräutigams im Innersten des Herzens.“ Sicherheit im Glauben sei nur durch eine Erfahrung des Heiligen Geistes gegeben: „Die Unterweisung macht belehrt, das Berührtwerden in der Seele macht weise. Eines ist es, große Reichtümer zu kennen, etwas anderes ist es, sie innerlich zu besitzen.“ Pater Wolfgang, Vorstand des Instituts für Spirituelle Theologie an der Hochschule Heiligenkreuz, sieht die Brautmystik Bernhards als Parabel einer Liebe der Sehnsucht.

Der neue Abt des Stiftes Heiligenkreuz, Maximilian Heim, betonte, dass nur durch die Reue das Licht die Dunkelheit durchleuchten könne und Schuld umgewandelt werde in Gnade. In diesem Spannungsfeld von Schuld und Gnade, Sünde und Heiligkeit, befände sich auch die Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil drücke mit „ecclesia sancta simul et semper purificanda“ aus, dass die Kirche heilig ist, aber immer der Reinigung bedarf. Von größter Bedeutung sei der Blick auf Maria, denn „sie ist der heilig heile Kern der Kirche“, und dieser sei nicht mehr korrumpierbar, „weil in ihm göttliches Wort und menschliche Antwort definitiv zueinander gefunden haben“. Die Heiligkeit der Kirche werde durch die Sündhaftigkeit der Glieder nicht in Frage gestellt. Sie, die Kirche, „bleibt eine heilige“.

Die Kirche – schwarz und zugleich schön

Hier leuchte das Geheimnis auf, „Schwarz bin ich und schön“. Aber es bedürfe immer des persönlichen Bekenntnisses der eigenen Sündhaftigkeit, man dürfe sich nicht verstecken „hinter einer anonymen Masse des Wir“, zitierte der Abt Joseph Ratzinger.

Im Abschlussvortrag zitierte Klaus Berger aus einem Brief Heinrich Bölls an einen jungen Katholiken: „Die Spaltung der Liebe in die sogenannte körperliche und die andere ist angreifbar, vielleicht unzulässig. Es gibt nie die rein körperliche, nie die rein andere. Beide enthalten immer eine Heimsuchung der anderen oder eine Beimischung.“ Durch die Fehldeutung der im Galaterbrief behandelten Begriffe ,Fleisch‘ und ,Geist‘, die er nicht auf den menschlichen Körper beziehe, sondern im Sinne alten und neuen Lebens versteht, sei es, so Berger, zur fatalen Meinung gekommen, Leidenschaft sei sündhaft. Er zitierte das Hohelied: „Stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie die Unterwelt ist die Leidenschaft“ (Hld 8, 6) und führte aus: „Das ist die Härte, die man heute braucht, um Christ zu sein, leidenschaftlich Christ. Dass die Leute merken: Da ist Feuer!“ Sehnsucht, so Berger, sei das Eigentliche, woraus das Hohelied entstehe, die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe.

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