Mehr als satt und sauber

Regelmäßig sorgen „Pflegenotstand“ und „Pflege im Minutentakt“ für Negativ-Schlagzeilen. Das Malteser Seniorenheim Haus Malta in Berlin-Charlottenburg zeigt, wie sich der Respekt vor der Würde des Menschen trotz der derzeitigen Strukturen auch im Alter sichern lässt. Hier ist das christliche Menschenbild Grundlage der täglichen Arbeit. Von Bernhard Langner
Young grandson spending time in the park with disabled senior grandfather
Foto: MandicJovan (177930817) | In der Pflege sollte das christliche Menschenbild als Leitsatz gelten.

Im Kreis Darmstadt-Dieburg sitzt momentan ein Altenpfleger in Untersuchungshaft, weil er mindestens einen Bewohner eines Pflegeheims getötet haben soll. Immer wieder wird über Gewalt in Pflegeeinrichtungen berichtet. Von Beschimpfungen über körperliche Gewalt, Verbrühungen, bis hin zu Tötungsdelikten findet sich die ganze Bandbreite von Körperverletzungen. Unwürdige Zustände und Verwahrlosung werden angeprangert. Skandale um Abrechnungsbetrügereien überschatten ambulante Dienste. Von mafiösen Strukturen wird gesprochen. Pflegebedürftige betrögen bei der Überprüfung durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen, um einen möglichst hohen Pflegegrad zu erhalten. Anbieter und Pflegebedürftige würden sich das zu Unrecht erhaltene Geld teilen. Alles bedauerliche Einzelfälle oder eine ganze Branche am Abgrund?

In Deutschland befinden sich tausende soziale Einrichtungen in christlicher Trägerschaft. Wie können diese Einrichtungen unter den herrschenden Rahmenbedingungen eine gute Versorgung sicherstellen? Wofür stehen diese Einrichtungen überhaupt? Eine Besinnung auf das christliche Menschenbild kann dabei helfen, eine Standortbestimmung vorzunehmen. In diversen christlichen Einrichtungen wie Kindergärten oder Krankenhäusern hängt ein Einrichtungsleitbild, in dem vom christlichen Menschenbild gesprochen wird. Meist sind es ein, zwei Sätze, die sich allgemein darauf beziehen, so als wüsste damit schon jeder etwas anzufangen. Doch auf Nachfrage kann selten jemand Auskunft geben, was denn unter dem christlichen Menschenbild im Allgemeinen und für diese Einrichtung im Besonderen zu verstehen sei. Eine Definition des christlichen Menschenbildes tut Not.

Das Haus Malta Seniorenheim am Malteser-Krankenhaus in Berlin-Charlottenburg hat sich auf den Weg gemacht, dieses Wort mit Leben zu füllen. Die Pflegedokumentation wurde umgestellt, um sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren und mehr Zeit für die Bewohner aufbringen zu können. Dabei stellte sich die Frage, auf welcher Grundlage die Pflege fußen soll. Bisher bildete eines der gängigen Pflegemodelle die Basis der Pflege, doch war dieses nicht spezifisch christlich und passte auch nicht mehr zur neuen Form der Dokumentation. Es wurde schnell klar, dass die Hilfe für pflegebedürftige Menschen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes ruhen muss.

Josef Pieper schafft es, das christliche Menschenbild in einen Satz zu packen, der alles aussagt: „Der Christ soll ein anderer Christus sein; er soll vollkommen sein, wie der Vater Jesu Christi.“ Doch benötigt dieser Satz in einer säkularisierten Welt, in einer multikulturellen Gesellschaft und in einer Stadt, die Weltoffenheit und Toleranz auch gerne mal mit Beliebigkeit verwechselt, noch mehr Erklärung, als das Wort vom christlichen Menschenbild selbst. Pieper führt weiter aus „der Christ richtet sich mit einer alle natürliche Liebeskraft übersteigenden Bejahung auf Gott und den Mitmenschen“ und weiter „der Christ ist gerecht, das heißt, er vermag in Wahrheit mit dem andern zu leben; er weiß sich als Glied unter Gliedern in der Kirche, im Volk und in aller Gemeinschaft“. Walter Kardinal Kasper führt in einem Referat zum christlichen Menschenbild aus: „Es ist vielleicht die grundlegendste Aussage der Bibel über das christliche Menschenbild: Der Mensch geschaffen nach Bild und Gleichnis Gottes. Ihm kommt, wie wir es modern sagen, eine absolute Würde zu. Die unbedingte und absolute Würde des Menschen, die jederzeit unter allen Umständen Respekt und Achtung verdient.“

Dieser Aspekt des christlichen Menschenbildes wurde im Haus Malta so formuliert: „Jeder Mensch ist von Gott geliebt und als sein Abbild geschaffen. Das christliche Menschenbild beinhaltet eine unveräußerliche Würde jedes Einzelnen, unabhängig von Fähigkeiten oder Hilfebedarf. Der Mensch wurde von Gott geschaffen mit allen unterschiedlichen Facetten seines Charakters. Jeder Mensch ist frei und selbstbestimmt. An seiner Würde und der Liebe Gottes kann kein Mensch etwas ändern.“ Somit ist für den spezifischen Bereich der Altenpflege klar definiert, dass jeder Pflegebedürftige seine unveräußerliche Würde hat, unabhängig davon, ob er noch selbstständig ist, auf umfassende Hilfe angewiesen oder in den letzten Lebensstunden begleitet wird. Es beinhaltet auch für Pflegebedürftige und Mitarbeitende, dass jeder Mensch so angenommen wird, wie er ist. In seiner Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft genauso, wie in seinen Ängsten und herausfordernden Charaktereigenschaften. Freiheit und Selbstbestimmung enden nicht mit dem Einzug in eine Pflegeeinrichtung und sie gelten auch bei fortschreitender Demenz und psychischen Erkrankungen. Das gilt auch für alle Mitarbeitende, sowohl im Umgang mit den Pflegebedürftigen, als auch untereinander und mit den Leitungskräften. Ausdruck dessen können eine flache Hierarchie und ein kollegialer Führungsstil sein.

Zu einem weiteren Aspekt des christlichen Menschenbildes führt Josef Pieper aus: „es gibt eine echte Verpflichtung des Einzelnen auf das Gemeinwohl, und diese Verpflichtung erfasst den ganzen Menschen. (…) das Gemeinwohl bedarf der Tugend aller Einzelnen.“ Kardinal Kasper sagt zu diesem Aspekt: „(....) auch geistig findet der Mensch zu seiner eigenen Identität nur in der Begegnung mit anderen, im Verhältnis von ich und du, im Gespräch und im Lernen vom Anderen.“

Dieser Aspekt wird im Haus Malta so beschrieben: „Der Mensch ist als Beziehungswesen geschaffen. In der Beziehung zu anderen entfalten sich die ganze Menschlichkeit und das Vermögen des Einzelnen. Nur in der Beziehung ist der Mensch ganz Mensch. Jeder Mensch hat die Freiheit, das Beziehungsangebot Gottes anzunehmen.“ Die Beziehung zu anderen Menschen stellt das Wesen der Menschlichkeit dar. Auch der Mensch, der von sich aus keine Beziehung aufbauen kann, benötigt sie zum Leben und zur Entfaltung seiner Persönlichkeit. Sei es der Pflegebedürftige, der aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen nicht alleine zu einem anderen Menschen gelangen kann, sei es der Mensch, der aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen nur sehr begrenzt Zugang zu anderen findet. Jeder wird dort abgeholt, wo er steht, damit er sich in der Beziehung entfalten kann. Und wenn es sich nur in der Entspannung nach einem freundlichen Wort, nach einer sanften Berührung äußert. Die Kommunikation verbal und nonverbal mit den Pflegebedürftigen und den Kolleginnen führt zur Entfaltung der Persönlichkeit. Bei den Mitarbeitenden kann es das Gespräch in der Pause sein, zuhören, für den anderen da sein. Aber auch gemeinsam feiern, lachen, weinen.

Das Geschenk, das Beziehungsangebot Gottes annehmen zu dürfen, in voller Freiheit. In Berlin sind weder alle pflegebedürftigen Bewohner, noch alle Mitarbeitenden Katholiken, Christen oder glauben überhaupt an irgendetwas Übernatürliches. Doch einander mit Respekt und Achtung begegnen und die Weltanschauung des Gegenüber wertzuschätzen sind wesentlich für ein harmonisches Zusammenleben. Den Suchenden hilfreich zur Seite zu stehen, das leisten die Seelsorger im Haus Malta.

Der dritte Aspekt, der die Definition des christlichen Menschenbildes für das Haus Malta abschließt, liegt Papst Franziskus besonders am Herzen. Er hat mit seiner Enzyklika „Laudato si“ konkrete Handlungsanweisungen zur Bewahrung der Schöpfung gegeben. Im Haus Malta wurde das so formuliert: „Beziehung des Menschen zur Schöpfung: Die Verantwortung für die Umwelt, Pflanzen, Tiere, die Grundlagen allen Lebens ist der Menschheit als Ganzes gegeben. Diese Verantwortung ist von jedem individuell, nach den ihm gegebenen Fähigkeiten zu gestalten.“ Die Bewahrung der Schöpfung ist uns allen auferlegt. Selbstverständlich hat nicht jeder die gleichen Möglichkeiten, dieses zu verwirklichen, aber in seinem persönlichen Rahmen kann jeder dazu beitragen. Das heißt aber nicht nur, die Umwelt, die uns anvertraute Schöpfung zu schützen durch sinnvolle Nutzung der Ressourcen und die Einsparung überflüssiger (Luxus-)produkte. Auch sich an der Schöpfung zu erfreuen und Gottes Gaben zu genießen, gehören dazu. Das können die Blumen und der angrenzende Park sein, ebenso wie die mitgebrachten Haustiere, das Wetter oder das Essen. Das umfasst auch die Dankbarkeit für Gottes reiche Gaben, die er hier allen Menschen beschert hat.

Diese drei Kernpunkte des christlichen Menschenbildes „Jeder Mensch ist von Gott geliebt und als sein Abbild geschaffen, der Mensch ist als Beziehungswesen geschaffen und die Beziehung des Menschen zur Schöpfung“ wurden so formuliert, dass sich darin jeder Mitarbeitende wiederfinden kann. Sowohl die gläubige Katholikin, als auch anderes oder nicht glaubende Mitarbeitende können sich mit den Aussagen identifizieren und sehen darin eine einheitliche Haltung den anvertrauten Menschen gegenüber. In dieser Definition sind die von Theologen herausgearbeiteten wesentlichen Aspekte des christlichen Menschenbildes wiedergegeben.

Diese Definition des christlichen Menschenbildes wurde den Mitarbeitenden im Haus Malta in mehreren Fortbildungsveranstaltungen vermittelt. Da es als Grundlage der täglichen Arbeit dient, wird dies kontinuierlich fortgeführt. Die Leitungskräfte müssen sich immer wieder fragen, in welcher Art und Weise die entsprechende Haltung vorgelebt werden kann und alle Mitarbeitenden bei der Umsetzung unterstützt werden können. Jeden Tag aufs Neue muss jeder Mitarbeitende diesen Anspruch im Alltag umsetzen und sein Handeln reflektieren. Und das unter den gegebenen Rahmenbedingungen der stationären Pflege. Diese unterliegt vielfältigen Reglementierungen, insbesondere einer je nach Bundesland unterschiedlichen Begrenzung der Refinanzierung von Mitarbeitenden.

Auch wenn im Haus Malta alle laut Personalschlüssel zustehenden Stellen besetzt sind, könnten es wie überall mehr Mitarbeitende sein, die sich um die Versorgung der Pflegebedürftigen kümmern. Unterstützt durch Auszubildende und Praktikanten wird eine Pflege ermöglicht, die nicht nur den Hilfebedarf, wie Waschen, Ankleiden, Spazierengehen und Essen abdeckt, sondern eine ganzheitliche Umsorgung zum Ziel hat. Dazu gehört, jeden Pflegebedürftigen in seiner Individualität wahrzunehmen, wertzuschätzen und ihm – wo nötig bis zuletzt – eine einfühlsame Begleitung auf seinem Lebensweg zu sein. Erleichtert wird dies durch eine hohe personelle Kontinuität im Haus Malta. Viele langjährige Mitarbeitende haben eine hohe Bindung an die Pflegeeinrichtung und fühlen sich ihr über das Arbeitsverhältnis hinaus verbunden.

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