In seinem Grundlagentext zur Anthropologie Josef Piepers setzt Daniel Zöllner bei Immanuel Kant und Thomas von Aquin an, um die Gedanken dieses bedeutenden katholischen Philosophen des 20. Jahrhunderts zu erklären. Zöllner extrahiert drei anthropologische Thesen, in denen er ein Angebot an den Menschen, im Glauben eine höhere Erkenntnis zu erlangen, erkennt. Die erste davon: „Der Mensch lebt als einziges Wesen aus dem Ineinander von Umwelt und Welt.“ Pieper weist darin den Engeln als Geistwesen eine eigene Rolle zu und stellt sie den Tieren gegenüber. Für die katholische Alltagspraxis hat diese Weltsicht, die auf Grundlage der „Summa Theologiae“ des Thomas von Aquin fußt, große Bedeutung: „Der Mensch kann den Schritt tun an einen Ort, an dem er im Angesicht des Universums steht.“ Bemerkenswert die Zwischenüberschrift, in der der Mensch als „Wesen im Übergang“ bezeichnet wird. Pieper benennt die zentrale Bedeutung der Zeitlichkeit, der der Mensch unterworfen ist – auf dem Weg zum leiblichen Tod, aber letztlich auf dem Weg zur Überzeitlichkeit und zur Erlösung. Der Glaube ist demnach eine auf Gott bezogene und dezidiert auf das verheißene ewige Leben setzende Form des Philosophierens.
In einem weiteren Grundlagentext erklimmt Christoph Fackelmann geistiges Hochland. Sein Titel ist von einem impliziten Widerspruch geprägt: „Die Sprache spricht als das Geläut der Stille“. Als Ausgangspunkt für diesen Satz Martin Heideggers identifiziert Fackelmann Georg Trakls „Winterabend“. Fackelmann durchmisst dann einen ganzen Kosmos des Nachdenkens über die Sprache und deren Wirkung, die er auch in ihrer religiösen Dimension auf die Natur des Menschen bezieht.
Vielfache kirchliche Bezüge
Dem evangelischen Theologen Paul Gerhardt, Dichter vieler bekannter Kirchenlieder und Zeitzeuge des Dreißigjährigen Krieges, ist der erste „Themen“-Beitrag des Lepanto-Almanachs 2025/26 gewidmet. Michael Stahls Ausgangspunkt ist dabei das Leid in der Welt und dessen Wirkung auf das Individuum, auch in der Überwindung hin zum Transzendentalen. Passend, dass der Autor eine Linie bis hin zu Dietrich Bonhoeffer zieht. Eine große Zahl von Textzitaten Paul Gerhardts belegt die Ausführungen, und Stahl resümiert geradezu allgültig: „In dieser Welt zu sein, jedoch nicht von ihr, das ist der Standort von Christen in jeder Zeit.“
Richard Reschika führt seine Leser sodann in den „Bann der byzantinischen Idee“ – so umschreibt er den Kulturkonservatismus Konstantin N. Leontjews, der Grundlage und Anschauungsobjekt seines Aufsatzes ist. Nach einem langen Einstieg, in dem er das ereignisreiche, ja, wilde Leben Leontjews abhandelt, würdigt er dessen geradezu prophetische Überlegungen. Das heutige Dilemma Europas jedenfalls, wo es zwischen einem – politisch notwendigen – Staatenbund und den sehr unterschiedlichen Geschichtsverläufen der einzelnen Staaten kaum einen Weg zu geben scheint, sah Leontjew voraus. Auch der katholische Autor Reinhold Schneider kommt später, im Abschnitt „Werkstatt“, zu Wort – ebenfalls zu Leontjew. Auch Schneider stellte zu seinen Lebzeiten unmissverständlich fest, dass Russland von Anfang an durch Byzanz geprägt wurde – und keineswegs vom Westen Europas.
Gleich drei Aufsätze über die völlig zu Unrecht zunehmend in Vergessenheit geratende Schriftstellerin Gertrud von le Fort folgen; sie schließen den themengebenden Abschnitt dieses Jahrbuches ab. Felix Hornstein schreibt über die Aktualität der Novelle „Die Letzte am Schafott“, Ruth Wahlser über die Erzählung „Die Opferflamme“ und Gerhard Ringshausen über die Bedeutung le Forts für den Widerstand im Dritten Reich, die er als eine „doppelte“ beschreibt.
Eine geistige Welt voller Anregungen
„Skizzen“, „Werkstatt“ und „Umschau“ sind die drei Großkapitel, die nun folgen und das Jahrbuch, das bereits mit seinen Titelthemen übervoll scheint, komplettieren. Neugier weckt insbesondere die dreiseitige Dichtung von Jan Juhani Steinmann: „Das Abendmahl Jesu. Unerhört.“ Nach dreimaliger Lektüre formt sich der Gedanke: Steinmann – unerhört!
Angesichts der großen Vielfalt, die berechtigterweise Berücksichtigung fand, stößt der Band indessen im Umfang an seine Grenzen. Der im Vorwort geäußerte Gedanke, in näherer Zukunft wieder jedes Jahr einen Band zu veröffentlichen, der dann etwas schlanker ausfallen dürfte als die letzten beiden Doppeljahrgänge, scheint sinnvoll. Aber das schmälert den literarischen Wert der vielen wichtigen Texte in diesem Band keineswegs.
Christoph Fackelmann / Till Kinzel (Hrsg.): Lepanto-Almanach. Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte, Band 6/7, 2025/26, Rückersdorf üb. Nürnberg: Lepanto Verlag, 2025, 629 Seiten, Broschur, EUR 22,–
Der Rezensent ist Historiker und Journalist.
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