Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Rezension

Schillernde Lichter einer finsteren Zeit

Helmuth Kiesel beeindruckt mit einem umfassenden Panorama der bis heute von ideologischen Streitigkeiten umwogten Literaturepoche von 1933 bis 1945.
Alfred Döblin
Foto: Imago/imagebroker | Alfred Döblin war wie andere Exilanten der Überzeugung dass der Abfall von Gott die Ursache des nationalsozialistischen Übels gewesen sei. Porträt von Ernst Ludwig Kirchner (1912).

Der Bezirk, der im kulturellen Gedächtnis der Deutschen an das nationalsozialistische Regime der Literatur zukommt, scheint von einer harten Frontlinie durchzogen. Auf der einen Seite liefert Thomas Manns Verdikt, wonach die zu dieser Zeit im Deutschen Reich entstandene Belletristik „weniger als wertlos“ und von einem „Geruch von Blut und Schande“ behaftet sei, insbesondere aktivistischen Interpreten noch immer ein geeignetes Pauschalurteil an die Hand, mit dem guten Gewissens über die eigentlichen ästhetischen und substanziellen Qualitäten eines Großteils der damals produzierten Texte schadlos hinweggegangen werden kann.

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Auf der anderen Seite wird die Verteidigung der hierdurch angegriffenen Autoren zumeist hermetischen Liebhaberkreisen überlassen, denen wenig an einer vergleichenden Betrachtung ihrer Heroen gelegen ist. Allzu oft wird dabei auch das Schlagwort der „Inneren Emigration“ nicht mit hinreichender Trennschärfe bemüht, um eine durch soziologische und kulturpolitische Scheuklappen abgesicherte, zeitumstandsenthobene Werkdeutung als ausschließlich angemessenen Zugang zu garantieren.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man das Werk des Heidelberger Emeritus Helmuth Kiesel, das bereits ohne Literaturverzeichnis und Fußnoten über 1300 Seiten umfasst, vor diesem Hintergrund als ebenso grundlegende Neuvermessung des Gegenstandes wie als Brücke zwischen diesen Positionen bezeichnet, die sich zudem noch über die Literatur des Deutschen Reiches hinaus auf die österreichische, schweizerische und exildeutsche Literatur von Argentinien bis Sibirien erstreckt.

Interessant und kurzweilig

Und dem Germanisten-Olymp darf man den Verfasser vollends empfehlen, wenn man die trotz des Handbuchcharakters ungemein flüssige und angenehme Darstellungsweise berücksichtigt, die auch eine durchgängige Lektüre nicht nur wissensbereichernd, sondern interessant und kurzweilig macht.

Kiesel geht die Epoche analog den historischen Ereignissen und korrespondierenden kulturellen Bedingungen in drei chronologisch gegliederten Phasen durch. Einer „Aufbruchphase“ von der Machtergreifung bis zum „Röhm-Putsch“ folgen die Bemühungen des „Dritten Reiches“ um internationale Anerkennung und der Emigranten, ebendiese zu verhindern oder zu durchkreuzen – man denke an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, die auch innenpolitisch von einer gewissen Mäßigung des totalitären Zugriffs seitens des Regimes begleitet wurden, oder den bereits von den Zeitgenossen als Präludium zum Weltkrieg begriffenen Spanischen Bürgerkrieg.

Diese Durchsicht der literarischen Verhältnisse beschließt die Krisen- und Kriegszeit ab 1938, die mit den Vernichtungslagern und der völligen Zerstörung und Niederlage Deutschlands die zwölf Jahre nationalsozialistischer Gewalt- und Unrechtsherrschaft zu ihrem konsequent desaströsen Ende führte.

Dass dem ersten und zweiten dieser Abschnitte ein unproportional größerer Anteil zugestanden wird, hat mit Kiesels enzyklopädisch zu nennender Berücksichtigung der historischen Rahmenbedingungen zu tun, sorgten während des Zweiten Weltkriegs doch etwa nicht nur die Mobilisierung des Heeres, sondern überdies die auch im Ausland nötigen Rationierungsmaßnahmen für eine eingeschränkte Produktion der gleichermaßen berücksichtigten Publikationsformen Buch, Bühne und Presse.

Diese Einflechtung von Angaben zu den materiellen Hintergründen, den verdeckten oder offenen Agenden des NS-Staats oder kommunistischer Organisationen, aber auch dem mitunter ganz unpolitischen „Lebensgefühl“ des einfachen „Volksgenossen“ in die Einzelkapitel, die sich um Themenkonjunkturen oder literatursoziologische Orte gruppieren, macht die Breite der Wahrnehmung des Buches aus: Über die Werke von „inneren Emigranten“ lässt sich nicht sprechen, ohne die Reichsschrifttumskammer oder die Zensurbehörden und das ambivalente Verhältnis von Autoren und Verlagen auch jenseits des direkten Zugriffs der NS-Behörden zu diesen Institutionen zu durchleuchten.

Wie es dem Kompendium gelingt, die Literaturproduktion dabei nicht kategorisch „intra et extra muros“ (so Kiesel mit den Worten eines Horaz-Verses) zu scheiden, sondern bei der Besprechung einzelner Genres oder literarisch reflektierter Geschehnisse der Zeitgeschichte immer wieder zu verflechten oder einander gegenüberzustellen, lässt sich nur als besonders kunstreicher Clou bewundern.

Der Leser erfährt auf diese Weise mit sich immer wieder einstellender Überraschung etwa von der gleichzeitigen Affinität zum Bauernroman in NS-Kreisen wie in der Exilliteratur, von den bis 1939 und darüber hinaus fortgeführten Freundschaften so ungleicher Partner wie Hermann Broch und Frank Thieß, der Verwerfung expressionistischer Kunstformen sowohl im Propagandafeldzug gegen „entartete“ Kunst als auch in Form „bürgerlicher Dekadenz“ durch die in stalinistische Fahrwasser abdriftende Kommunistische Internationale.

Kiesels Darstellung geht bei der Heranziehung und Besprechung von Werken, die aufschlussreich für die bestimmenden Tendenzen einer betrachteten Autoren- oder Werkgruppe sein können, objektiv und ohne Berührungsängste auch zu NS-affinen Produktionen vor. Prononcierte Urteile hält er dabei nicht zurück, wenn er etwa die zeitgenössischen Versuche, die krude und irrationale Logik von „Mein Kampf“ aufzudecken, als in der Sache richtig, aber angesichts der kollektiven Massenpsychose in Deutschland vollkommen wirkungsleer einschätzt.

Kein teilnahmsloser Beobachter

Dass der Germanist bei aller Hervorhebung von Grautönen und Schattierungen niemals zu einem teilnahmslosen Beobachter wird, machen so erschütternde Abschnitte wie das Tableau der vom NS-Regime ermordeten oder in den Tod getriebenen jungen Talente deutlich. Eine die wissenschaftliche Substanz nur bereichernde Note ist auch Kiesels Ringen darum, wie mit den exzessiven Gewaltschilderungen von Zeugen der Konzentrationslager umzugehen ist, ohne das einfühlende Verständnis von deren produktionsästhetischer Bedeutung für die Autoren durch einen Brutalitätsvoyeurismus zu erkaufen.

Zur christlichen Literatur in Nazi-Deutschland positioniert sich das Buch erfreulich eindeutig: „Der Gang in die Kirche war, wenn es sich nicht gerade um eine Veranstaltung der Deutschen Christen handelte, nicht nur ein religiöses Bekenntnis, sondern auch sichtbare Abkehr vom Jubel für die ‚Täter’ und mithin eine niederstufige Form von Opposition.“ Keineswegs waren christliche Stimmen auf die bekannten Vertreter wie Reinhold Schneider und Werner Bergengruen, die innerhalb des Reiches ausharrten, beschränkt.

Die Exilanten Hermann Broch und Alfred Döblin teilten nicht nur deren Bekenntnis, sondern auch die Einsicht, dass im Abfall von Gott die Ursache des nationalsozialistischen Übels zu suchen und in der Umkehr Abhilfe zu finden sei. In diesen Biografien vermengen sich verschiedene Aufenthaltsräume und -umstände in der NS-Zeit und völlig unterschiedliche formale Schreibverfahren unter einem innere und äußere Emigranten verbindenden Erlebnishorizont.

Indem Kiesel so manches heute zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Werk aus der Mottenkiste vermeintlich verstaubter Ästhetik und altbackener Stoffe hervorholt und in seinen gelungenen Inhaltsreferaten neu vor Augen zu führen vermag, hat er zweifellos einen entscheidenden Impuls zur Wiederentdeckung echter Juwelen gesetzt. Dies wird besonders für die bedrängte, zu distanzierten Stoffen und einer verschlüsselten, kontemplativen Gestaltungsweise neigende Literatur im Deutschen Reich fruchtbar.

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Wer das Abenteuer einer vollständigen Lesung auf sich zu nehmen bereit ist, sollte ohnehin mehrere Wochen für die sich zweifellos anschließende Lektüre der vielen „Fundstücke“ einplanen, die er in Kiesels Monolith erstöbern kann. Am Ende eines meisterhaft orchestrierten und zur Sprache gebrachten Literaturkonzerts sind es aber doch die Werke der realen Emigranten, die gerade wegen des auch für sie in Anschlag zu bringenden gebrochenen und schillernden Charakters den dichteren Nachhall im Leser hinterlassen dürften, wenn er das Buch nach einer auf jeden Fall gewinnbringenden Lektüre zu schließen gezwungen ist.


Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933–1945, München: C.H. Beck, 2025, 1392 Seiten, Hardcover, 68 Euro

Der Rezensent ist Althistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin. 

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