Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Die Pathologien heutigen Denkens überwinden

Raphael M. Bonelli setzt zur „Heilung des Denkens“ an – auf der Basis eines realistischen und somit christlichen Menschenbildes.
Bonelli Denken
Foto: IMAGO/United Archives / kpa Keystone | Das gesunde Denken orientiert sich am Heiligen. Schnitzerei von Johann Benedikt Witz um 1749.

Der Wiener Psychiater, Psychotherapeut und Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli, mit 57 Jahren weit von dem entfernt, was man gemeinhin ein „Alterswerk“ zu nennen pflegt, hat mit seinem aktuellen Buch doch so etwas wie eine Summe seines Denkens vorgelegt. „Kopflos“ stürmte nicht zufällig die Bestsellerlisten, ist es doch ein Kompendium dessen, was dieser Zeit nottut.

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Diagnostisch treffsicher, aber zugleich perspektivisch hilfreich, hat Bonelli, der zuvor mit „Bauchgefühle“ (2022) und „Die Weisheit des Herzens“ (2023) „Spiegel“-Bestseller auf den Markt brachte, mehr geliefert als nur eine schonungslose Analyse aktueller Denkstörungen. Er legt die Gesellschaft auf die Couch, um sie zu therapieren.

Diagnose einer kranken Denkkultur

Das vorliegende Werk bereitet, einer Mahnung des Wiener Literaten Karl Kraus folgend, dem Leser keine sprachlichen, sondern allenfalls gedankliche Schwierigkeiten. Denn obgleich der Autor den Ertrag seines wissenschaftlichen Forschens und seiner therapeutischen Erfahrung überaus verständlich wie schlüssig argumentierend präsentiert, muss sich der Leser doch von manchen Tabus gegenwärtiger Ideologien und Denkverordnungen trennen.

Unpolemisch und mit geradezu chirurgischer Präzision entlarvt Bonelli die individuellen, kollektiven, digitalen, pädagogischen und generativen Pathologien des heutigen Denkens. Aber er tut dies nicht um der Zeit- oder Gesellschaftskritik willen, sondern mit dem Ziel der „Heilung des Denkens“.

Warum der Kopf dem Bauch nicht ausgeliefert ist

Schon sein „Drei-Instanzen-Modell“ von Kopf, Herz und Bauch, mit dem der Autor Sigmund Freuds eher mechanistisches Modell von Es, Ich und Über-Ich ersetzt, zeigt, dass der gläubige Katholik Bonelli der menschlichen Vernunft deutlich mehr zutraut als der religionskritische Vater der Psychoanalyse. Er traut nämlich dem „Kopf“ zu, die Bauchgefühle zu ordnen und auf ihre Vernünftigkeit und Sinnhaftigkeit abzuklopfen. Der Kopf ist bei Bonelli „unser Kontroll- und Reflexionsinstrument“, das analysiert, rechnet und rechtfertigt und auch „das Abwehrsystem für Irrtum und Lüge“.

Dieses optimistische und zugleich realistische, weil christliche Menschenbild prägt das vorliegende Buch trotz seiner schonungslosen Analyse zeitgenössischer Denkstörungen und ihrer Folgen. Glaube, Hoffnung und Liebe bezeichnet der vielfach aristotelisch argumentierende Autor als „Ordnungsachsen des Geistes“. Begründung: „Ohne sie bleibt Vernunft klug, aber leer; mit ihnen wird sie zur Weisheit, weil sie in der Ordnung des Seins gründet.“

Wider die zeitgeistigen Ideologien

Bonelli warnt nicht nur vor Schuldverdrängung und Selbstbetrug (als „Unordnung von Kopf und Herz“), sondern ebenso vor kollektivem Gaslighting, „in dem eine Gruppe oder Institution systematisch die Wahrnehmung der Realität verzerrt, bis Menschen beginnen, an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln“, und vor einem „moralischen Narzissmus“, der sich jeder anderen Meinung moralisch überlegen fühlt und deshalb meint, auf Argumentation verzichten zu dürfen.

Die „digitale Denkstörung“ durch exzessiven Smartphone-Konsum ist laut Bonelli nicht nur im Alltag sichtbar, sondern mittlerweile „in den psychiatrischen Praxen angekommen“. Doch der Autor analysiert auch eine ideologisierte und damit letztlich bildungsfeindliche Pädagogik sowie die Auswirkungen des demografischen Wandels.

Wege der „Heilung des Denkens“ 

Nicht nur empfehlenswert, sondern geradezu unverzichtbar ist das vorliegende Werk aber wegen seines dritten Teils, in dem Bonelli auf der Grundlage eines realistischen Menschenbildes Wege der „Heilung des Denkens“ aufzeigt. Er ist überzeugt, dass die „Fähigkeit, systematisch, ordnend, wissenschaftlich und rational zu denken“ zwar durch „mediale Fragmentierung, ideologische Polarisierung und die Emotionalisierung des öffentlichen Diskurses“ zunehmend unter Druck ist, aber doch noch nicht verloren, sondern zurückgewinnbar.

Mutig und argumentierend hält er den zeitgeistigen Ideologien, die zur Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Natur führen, entgegen, was dem Menschen wahrhaft guttut und seiner Sehnsucht nach Lebenssinn dient: von der Wiederentdeckung der Familie bis zur „Öffnung nach oben“.


Raphael M. Bonelli: Kopflos. Wie Denken funktioniert, warum wir es verlernt haben, wie wir es zurückgewinnen, Wien: edition_a, 2026, 523 Seiten, Hardcover, EUR 28,–

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