Philosophie

Joseph Möller: Der Sinn des Lebens ist die Freiheit

Die katholische Philosophie von Joseph Möller (1916–2007) fragte nach den Grundbestimmungen des Menschen.
Joseph Möller, Philosoph
Foto: Broch

Das letzte handschriftliche Manuskript von Joseph Möller, um Weihnachten 2006/2007 geschrieben, stellt im Titel die Frage: „Was ist Philosophie?“ Es ist wie das Testament eines über 60 Jahre währenden Schaffens. Und die – vorläufige – Antwort wird im Untertitel formuliert: „Eine Suche nach dem Sinn des Lebens.“ Das ist Programm. Lebensprogramm des Philosophen und Theologen Joseph Möller, der stets die Grenze zwischen Denken und Glauben zu wahren – und als Grenze philosophisch zu reflektieren – wusste und die „Adresse“ Christentum dennoch nie verleugnete, wie sein letztes veröffentlichtes Werk „Das Mystische begreifen?“ (2007) deutlich macht.

Philosophie ist Suche nach dem Sinn des Lebens. Das ist nicht selbstverständlich. Für Joseph Möller freilich ist es unabdingbar, dass Philosophieren nur einen Sinn hat, wenn es eine reflektierende Auseinandersetzung mit dem Sinn des menschlichen Lebens bedeutet. Philosophisches Denken ist für ihn immer Denken des Menschen, das vom Menschen ausgeht und auf den Menschen hingeht. Es muss sich verstehen als menschliches Denken, in welches alles den Menschen Prägende und Bestimmende eingeht; und es muss in allem letztlich den Menschen und das Menschsein, das Humanum, zum Gegenstand und Inhalt haben. Der Sinn des Philosophierens muss etwas mit dem Sinn des Menschseins zu tun haben, und zwar sicher in einem übergreifenden Sinn, aber durchaus auch so, dass es um die existenziellen Fragen je meines Lebens geht.

„Die Negativität der Freiheit ist unüberbietbar;
und kraft ihrer entzieht sich uns immer der göttliche Gott ...
Uns bleiben die Missverständnisse, die durch Freiheit, Gnade,
genannt, jederzeit in Liebe umschlagen können.“

Joseph Möller wurde am 9. Juli 1916 in Mainz geboren. Nach der Weihe zum katholischen Priester 1941 und sechsjähriger Seelsorgetätigkeit folgt 1947 die theologische Promotion in Freiburg im Breisgau und 1949 die Habilitation in Mainz. Von 1953 bis 1972 war er Inhaber des Lehrstuhls für Scholastische Philosophie und Direktor des gleichnamigen Seminars an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen sowie kooptierter Professor für Philosophie an der Tübinger Philosophischen Fakultät. Von 1972 bis zu seiner Emeritierung 1984 war er Ordinarius für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der neu gegründeten Universität Augsburg. Am 24. September 2007 ist er in Feldafing in Oberbayern gestorben. Sein immenses publizistisches Œuvre umfasst 18 Monographien, vier Werke in Herausgeberschaft, 77 veröffentlichte Aufsätze und sechs unveröffentlichte, als Typoskript gedruckte Arbeiten.

Möllers Denken in der Philosophiegeschichte zu verorten ist nicht einfach. Aber trotz seiner profunden Kenntnisse der mittelalterlichen Philosophie ist es vor allem in der Neuzeit zu verorten. Er ist fasziniert und geprägt von der Philosophie Hegels, der seine Habilitationsschrift gewidmet ist, er verehrt Schelling als genial, und unverkennbar behält das Denken Heideggers, wenngleich in kritischer Auseinandersetzung, für ihn Bedeutung. Deutlich ist seine Nähe und Offenheit gegenüber den Denkern der Negativität, der Dialektik, der Differenz – von Nikolaus von Kues bis in die Postmoderne. Grundsätzlich liegt Joseph Möllers philosophisches Denken und Werk auf der weiterführenden Linie einer Entwicklung, welche im 19. Jahrhundert aus dem Ende und der Überbietung abendländischer Metaphysik hervorgeht und als deren genuine Weiterentwicklung durch die neuzeitliche Hinwendung zum Subjekt gekennzeichnet ist. Sie nimmt den Anspruch der Phänomenologie als Daueraufgabe ernst. Und sie mündet ein in eine Philosophie der Freiheit.

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Auseinandersetzung mit der Vielfalt

Es gehört zum enormen Anspruch des philosophischen Denkens und Werkes Joseph Möllers, sich auseinanderzusetzen sowohl mit der Vielfalt des philosophischen Gedankens in Geschichte und Gegenwart als auch mit der Vielfalt des Spektrums von Natur- und Humanwissenschaften, mit dem politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen und nicht zuletzt mit Dichtung, Musik, darstellender Kunst und Religion, die für ihn Ausdruck menschlicher Freiheitsfähigkeit sind.

Joseph Möllers Philosophie ist kein System. Eher könnte man sie als das kennzeichnen, was der amerikanische Philosoph Richard Rorty (1931–2007) einmal „bildende Philosophie“ nennt, die „das menschliche Streben nach Wahrheit ,der ganzen Wahrheit‘“ vorzieht. „Das Inganghalten eines Gesprächs als hinreichendes Ziel der Philosophie zu sehen, Weisheit als das Vermögen zu verstehen, ein Gespräch mitzutragen, heißt, den Menschen nicht als ein Wesen zu sehen, das man irgendwann akkurat beschreiben zu können glaubt.“

Erfahrungsbezogen, aber reflektiert in der Form offen

Man könnte Möllers Philosophieren „philosophia experimentalis“ bezeichnen: erfahrungsbezogen, in ihren Aussagen durch und durch reflektiert und begründet und doch in Form und Anspruch offen, um dem Nachdenken, um Assoziationen und Interpretationen Raum zu geben. Sie ist Philosophie als Dialog und im Dialog. Möller spricht selbst einmal von einer „Spurensuche“, die den Ertrag des Überkommenen für Gegenwärtiges sichern will: „Aus der Geschichte lernen heißt, auf Appelle zu hören. Dies gilt auch für die Denkgeschichte.“

Diese Dialogorientierung des Philosophierens impliziert eine Kritik an denkerischen Wahrheitsansprüchen. Sie impliziert auch eine selbstkritische Relativierung bis hin zur Ironie. Möllers Philosophieren lebt von der Ironie, die Dialektik von Wahrheit und Schein ist für ihn immer wieder Thema. „Glaube niemand“, schreibt er einmal, „wo gespottet werde, gehe es nicht um ernste Dinge. ,Der Philosophie spotten, das heißt in Wahrheit philosophieren‘, hat schon Pascal gesagt, der sich sicher auf ernstes Denken verstanden hat.“ Und: „Keine Philosophie ist so uninteressant und langweilig, dass sie ohne Trug wäre.“ Am Ende seines Manuskripts „Was ist Philosophie?“ formuliert Möller: „Sinnerfüllung: Freiheit als Liebe“. Das ist ein Schlüsselwort seines Denkens und Werkes.

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Freiheit als Übersteigen der physikalisch-gesetzlichen Wirklichkeit

Freiheit steht im Zentrum des philosophischen Schaffens von Joseph Möller. Dabei kann er sich sowohl auf eine auf eine lange philosophische Tradition als auch auf die Bibel berufen. Für Möller zentral ist darin das Wort: „Der Herr ist Geist.“ Und: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). In diese Traditionsgeschichte stellt er sich explizit, wenn er sagen wird: „Geist ist Freiheit.“ Was bedeutet dies? Der Mensch als Wesen des Geistes ist ein transzendierendes Wesen. „Das Gesamt … Transzendenz, das Übersteigen der physikalisch-gesetzlichen Wirklichkeit, bezeichnen wir als Freiheit.

Freiheit ist eine fundamentale Grundbestimmung des Menschen. Sie lässt sich nicht auf Willensfreiheit reduzieren, sondern liegt dieser als eine ursprüngliche Bestimmung des Menschen zugrunde und wirkt sich in den verschiedensten Bereichen aus. Sie öffnet, weitet, durchdringt das nach allen Seiten begrenzte menschliche Sein.“ Und: „Transzendieren ist unser Leben, Erhebung, Überspringen, Erweiterung der Macht – und zugleich Untergehen.“ Denn auch Vergehen und Sterben können Unterliegen und Überwinden zugleich sein. Transzendieren ist ein Weg ins Offene und Weite hinein und zugleich ein Weg ins Ungewisse, in Dunkelheit und Negativität – und darin Vollzug der Freiheit. Das Geheimnis bleibt unauflösbar.

Liebe ist Freiheit

Zugleich lebt Geist als Freiheit und Transzendenzvollzug von dieser Offenheit her, die sich immer schon erschließt, indem wir nach ihr fragen – und nach der wir überhaupt nur fragen können, weil sie sich je schon erschlossen hat. Und die doch in ihrer Verborgenheit der bleibende Grund unserer Fraglichkeit und aller Fraglichkeit ist. Geist ist immer auch endlich und konkret. Als Logos ist er auch Dialog. Er erweist sich in der Bezogenheit auf das Andere und den Anderen, auf das Du, auf das Wir. Im Miteinander erfährt Freiheit ihre Begrenzung und Bewährung. In der Eröffnung auf das Du hin kommt sie zu sich selbst. „Das Wesen der Liebe ist die Freiheit“ und „Das Wesen der Freiheit ist die Liebe“, schreibt Joseph Möller. „Freiheit und Liebe einen sich so, dass jegliche Grenzüberschreitung im praktischen Verhalten nur Liebe fordern kann, wie andererseits Liebe stets Grenzüberschreitung, das heißt Freiheit besagt.“

Freiheit ist ein dialogisches, korrespondierendes Geschehen: ein Antworten, dem immer schon ein Wort voraus geht und Verantwortung fordert; eine Offenheit auf etwas hin, das sich immer schon eröffnet hat und zugleich dunkel und verborgen bleibt. „Und er gehorcht, in dem er überschreitet“, dieser Satz von Rainer Maria Rilke gewinnt in Möllers Denken weitreichende Bedeutung.

Denkvollzug der Freiheit

Man kann Joseph Möllers Denken und Werk als eine umfassende Entfaltung des Freiheitsgedankens bezeichnen. Sie ist Denkinhalt und Denkweg zugleich. So sehr, dass er selbst sein Philosophieren, ja die Metaphysik überhaupt als „Denkvollzug der Freiheit“ interpretiert. Er entwickelt dies in seiner philosophischen Ethik ebenso wie in der Ästhetik und in der Geschichtsphilosophie, in der er Geschichte als Freiheitsgeschichte deutet, und in der Religionsphilosophie. Das alles kann hier nur angedeutet werden.

Etwas ausführlicher soll seine Anthropologie erwähnt werden, die er in einem Buch über „Menschsein: ein Prozess“ (1979) entwirft und explizit als Bildungsphilosophie konzipiert – als Gegenentwurf zu einem immer ausschließlicheren funktionalen und auf effiziente Anpassung ausgerichteten Bildungsverständnis. Was Menschsein bedeutet, lässt sich für ihn nicht definieren, weil der Mensch ein ins uneinholbar Offene verweisendes Wesen ist. Menschsein ist Bildung in einem umfassenden Sinn. Der Mensch entwirft sich ein Leben lang auf ein Bild seiner selbst hin, das immer schon in ihm angelegt ist und das er doch nie einholt. „Werde, der du bist“, das ist seine lebenslange Aufgabe. Er muss als „homo ethicus“, „homo aestheticus“, „homo sociologicus“ und „homo religiosus“ in allen Spannungen und Differenzierung zu einer Identität, zu einem unverwechselbar einmaligen Selbst finden. In der lebenslang nicht einzuholenden Prozesshaftigkeit des Menschseins sind sein Geheimnis und seine Würde begründet, allerdings auch die Möglichkeit des Scheiterns.

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Von der Sinnfrage zur Gottesfrage

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass er sich für die pädagogische Umsetzung dieser Bildungsphilosophie nach dem Erscheinen des genannten Buchs vielfältig in der Erwachsenenbildung engagiert hat. „Was ist Philosophie?“, lautet Möllers bilanzierende Frage am Ende seines Schaffens, verbunden mit der Antwort: „Eine Suche nach dem Sinn des Lebens.“ Aber stößt die Sinnfrage, diese transzendierende, nie abgeschlossene Denkbemühung, nicht doch immer wieder an eine uneinholbare Grenze – oder an die Gottesfrage?

Am Ende seines Lebens, noch im Todesjahr 2007, veröffentlicht Möller als letzten Band seiner „Trilogie der Freiheit“ ein Buch, das er als das wichtigste seines Lebens bezeichnet: „Das Mystische begreifen? Zur Problematik ,christlicher‘ Philosophie“.

Als „Spurensuche“, als „Denkexperiment“, für das er Offenheit nach vielen Seiten als Programm beansprucht, hat er es bezeichnet, eine Spurensuche nach Hinweisen in der philosophischen Denkgeschichte und in menschlichen Existenzerfahrungen, „die im Lichte des Offenbarungsglaubens von Bedeutung sein könnten“. Auch wenn er methodisch die Autonomie einer durch Vernunft bestimmten Philosophie gewahrt sehen will, bleiben doch das Christentum und seine Offenbarungsinhalt „Adresse“: „die Botschaft vom Reich Gottes, vom steten Kommen des Heiligen Geistes, von der Wirksamkeit der Gnade, die Botschaft vom neuen Menschen“.

Die radikale Fraglichkeit ernst nehmen

Vermag uns die Sinnfrage als Vorstoß in eine uneinholbare Transzendenz nicht doch zu einer – wenn auch gebrochenen – Ahnung Gottes führen? „Die Transzendenz ist nicht Gott. Doch mag Gott sich in Transzendenz verbergen.“ Gewiss, über die Transzendenz können wir nicht verfügen. Das Mystische gebietet das Schweigen. Es bleiben der Zweifel, die Angst, die Verzweiflung. Es bleibt, eine radikale Fraglichkeit ernst zu nehmen. Und doch, wenn man Menschengeschichte als Freiheitsgeschichte und Transzendenz als Freiheit interpretiert, „bleibt die Frage ,Warum Seiendes und nicht vielmehr nichts?‘ nicht mehr schlechthin offen (Sie bleibt nur insofern ,offen‘, als sie in die Offenheit der Freiheit verweist.).

Sie findet ihre Lösung in der Offenheit, aber einer positiven, das heißt antiskeptischen Offenheit.“ Ja, das Bemühen, von Freiheit her zu denken, die „Umkehrung der Denkrichtung, impliziert die Frage nach dem verborgenen Gott, der im Lichte eines transzendental-transzendierenden Freiheitsdenkens als möglich (vielleicht sogar als einzig mögliche Lösung) erscheint. Ja, man kann die Frage stellen, ob Freiheit überhaupt sein kann und ob die Rede von Freiheit sinnvoll sein kann, wenn sie nicht die Grundmöglichkeit des Seins in Gott und von Gott her ist“. So sei „Offenbarung nichts dem Menschen Fremdes, vielmehr Voraussetzung des Menschseins“.

Ein Abgrund zwischen Denken und Glauben

Und doch muss die Spannung von Wissen und Nichtwissen ausgehalten werden. Und die fragende Vernunft steht, wenn sie ehrlich ist, immer auf der Seite des Nichtwissens. Wenn wir die Anwesenheit Gottes ahnen, dann ist es doch eine „Anwesenheit der Abwesenheit“. Aber auch dies mag eine Form von Glaubensbekenntnis und ein Weise der Gottesoffenbarung sein. „Die Negativität der Freiheit ist unüberbietbar; und kraft ihrer entzieht sich uns immer der göttliche Gott ... Uns bleiben die Missverständnisse, die durch Freiheit, Gnade, genannt, jederzeit in Liebe umschlagen können.“

„Der Sprung vom Denken zum Glauben zeigt immer neu einen Abgrund auf, ,vermittelt‘ durch eine unzureichende Sprache, im Glauben freilich vermittelt durch die Liebe Gottes“, sagt Joseph Möller. Als Philosoph bleibt er an der Grenze, an die ihn die Sinnfrage führt. Aber „es bleibt die Aufgabe der Philosophie, Grenzsituationen zu erhellen“, so der letzte Satz seines zuletzt veröffentlichten Werkes.


Thomas Broch, Dr. theol., Jahrgang 1947 und Schüler von Joseph Möller, veröffentlichte 2008 das Buch „Freiheit des Denkens – Denken der Freiheit. Zum philosophischen Werk von Joseph Möller“ im Grünewald Verlag.

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