Festival

"Zur Freiheit berufen" ist das Thema des diesjährigen Adoray-Festivals

Freiheit steht im Mittelpunkt. Mit Anbetung und Lobpreis feiern junge Katholiken in der Schweizer Stadt Zug ihren Glauben beim Adoray-Festival. Freiheit meint hier etwas anderes.
Adoray
Foto: Jan Pegoraro | Das Wort "Freiheit" stand im Mittelpunkt des Adoray- Festivals in Zug in der Schweiz. Die Adoray-Band spielt zum Lobpreis.

Die St. Anna-Kirche ist zum Bersten voll. Öffnet man die schwere Tür, quellen Wärme, Weihrauch und Musik hervor. Die Stimmung ist andächtig, anbetend, ausgelassen. Vorne rechts spielt die Adoray-Band Lobpreis: auf Französisch, Englisch und Schwyzerdütsch. Aber die Besucher brauchen nicht viel Anstoß, denn sie kennen die Lieder und singen laut mit. Alle Augen sind nach vorn gerichtet, auf den Tabernakel. Er ist mit einer Auferstehungsikone geschmückt, die darstellt, wie Christus Adam und Eva aus ihren Gräbern zieht. Es ist spürbar im Singen der Teilnehmer, in ihren zum Beten erhobenen Händen: Hier ist etwas Größeres als sie, das sie aus sich heraushebt.

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Mit Band am Arm ohne Maske

Das Adoray-Festival beginnt mit einem Kontrast: Zug ist eine kühle Stadt, von der blanken Oberfläche des Zugersees, auf dem es die schönsten Sonnenuntergänge der Schweiz zu bestaunen gibt, bis zu den schneebedeckten Spitzen der Alpen am gegenüberliegenden Ufer. Schön, sauber und elegant ist die Altstadt, und sündhaft teure Designerboutiquen erinnern daran, dass die Bewohner der Stadt zum großen Teil zugezogene Superreiche sind. Doch heute lockt etwas anderes als niedrige Steuersätze die Menschen nach Zug: Die Aussicht auf vier Tage mit Gott, bei Lobpreis, Anbetung und Katechese in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten.

Am Eingang der Kirche steht ein "Multitalänt", eines der vielen ehrenamtlichen Mithelfenden, und bittet die Besucher, ihr "Bändeli", das man beim Check-In erhält, vorzuweisen. Das zeigt nicht nur, dass man die Festivalgebühr bezahlt hat, sondern auch ein Zertifikat nach der 3-G-Regel vorweisen konnte. Und damit ist das leidige Pandemie-Thema erledigt, denn mit dem "Bändeli" kann man auf dem ganzen Festivalgelände ohne Maske herumlaufen.

Freiheit ist ein heißes Thema

"Zur Freiheit berufen" ist das Thema des diesjährigen Festivals. Und das ist nicht ohne Brisanz. "Freiheit ist aktuell ein aufgeladenes Thema", erklärt der 25-jährige Franz aus Luzern. Er geht seit 2011 jedes Jahr zum Adoray-Festival. Politisch ist "Freiheit" in der Schweiz im Moment ein heißer Begriff, denn auch hier spalten sich die Meinungen der Bürger in Bezug auf den Umgang mit der Pandemie. "Aber hier beim Adoray geht es um etwas anderes. Eine Freiheit, die viel tiefer geht, eine christliche Freiheit."

Pater Gregory Pine OP bringt Freiheit mit der Fähigkeit des Menschen zusammen, Gott zu erkennen und zu lieben. Hoch aufgeschossen und mit blitzenden Augen spricht der junge, schlagfertige Dominikaner aus den USA über Berufung. "Heutzutage halten wir Freiheit für Autonomie: alles tun zu dürfen, ohne von irgendetwas anderem als meiner eigenen Wahlfreiheit beeinflusst zu werden   und ohne dafür kritisiert zu werden." In seinem Vortrag korrigiert er diese Einstellung philosophisch, aber konkret. "Robert Lewandowski hätte als Kind auch Klavier spielen oder Baseballkarten sammeln können   wäre er Amerikaner gewesen." sagt Pater Pine, grinsend. "Aber er wollte Fußball spielen. Man könnte sagen, er war nicht frei, diese anderen Dinge zu tun: Er spielte lieber Fußball, und schloss die anderen Optionen aus. Hat er sich deshalb gegen die Freiheit entschieden? Nein! Denn niemand ist auf dem Fußballfeld freier als Lewandowski ist. Er ist frei für seine Berufung." So, erklärt Pater Pine, ist die individuelle Berufung von Gott: "Sie macht uns frei zu werden, wer wir sein sollen."

Viel Technik im Einsatz

Freiheit eröffnet sich bei Adoray auch über den klugen Gebrauch von Technik. Die Messen, die Anbetung werden live gestreamt   und auch die Freizeitaktivitäten sind über Smartphones organisiert. Am Donnerstagabend treten die Teilnehmer in Gruppen bei einer Challenge gegeneinander an. Über eine App nehmen sie an einem Quiz teil, bei dem sie blitzschnell sein müssen: Wie alt ist der Papst? Was sind die sieben Gaben des Heiligen Geistes? Doch nicht nur Faktenwissen ist gefragt: in der letzten Runde müssen zwei Gruppen zwei Bibelstellen improvisatorisch darstellen. Mit vollem Einsatz jagt der gute Hirte dem auf allen vieren kriechenden verlorenen Schaf auf der Bühne hinterher. In der Jury sitzen Schwester Magdalena Adamonyt von der Johannesgemeinschaft, die aus dem Bistum Eichstätt angereist ist, Pater Olivier-Marie Cassagnou von der Gemeinschaft der Seligpreisungen und Pater Daniel Williamson aus den USA von den Franziskanern der Erneuerung.

Auch wenn die meisten Besucher Schweizer sind, ist das Festival international. Eine Schwester der Göttlichen Liebe aus Nigeria sitzt mit einer Franziskanerin, die in England evangelisiert, am Tisch. Matheus, der aus Brasilien stammt, aber seit einigen Jahren in Schweden lebt, unterhält sich mit Viktoria, einer Medizinstudentin aus Österreich. Aus Norddeutschland bringt Pfarrer Marcus Scheiermann eine Gruppe deutscher Katholiken mit.

QR-Code- Schnitzeljagd

Eine App führt die Gruppen mit QR-Codes bei einer Schnitzeljagd durch die Stadt Zug zu verschiedenen Aufgaben. Die Teilnehmer suchen versteckte Bibelverse, lösen logische Rätsel, machen Geschicklichkeitsübungen, oder toben sich am Verkleidungsreservoir des Theaters aus, um mit einem eingesandten Kostümfoto alle anderen zu überstrahlen. QR-Codes ermöglichen es auch, bei Katechesen Fragen zu stellen, bei denen man lieber anonym bleiben möchte. So bei der Katechese der Familie Ulrich aus Österreich, die viele von ihrem YouTube-Kanal kennen, wo sie Tipps für gelingende christliche Beziehungen und Sexualität geben. Sie geben ein sehr authentisches Zeugnis von der gelebten Theologie des Leibes und der Freiheit zur Liebe, die darin entsteht.

Freiheit greift auch das diesjährige Adoray-Theater auf. Obwohl die Schauspieltruppe nur sechs Tage Probezeit hatte, bringt sie Otfried Preußlers "Krabat" pannenfrei auf die Bühne. Die bedrückende Sinn- und Identitätslosigkeit, Angst und Verzweiflung der Müllersknechte und Zauberlehrlinge werden spürbar und deuten hin auf eine Geisteshaltung, die Menschen nur als gesichtslose Teile einer Maschine sieht, die ohne viel Aufhebens ersetzt werden können   und auf die menschliche Versuchung, die eigene Seele für Macht oder Geld zu verkaufen, um der damit vermeintlich einhergehenden Freiheit willen. Gebrochen wird der böse Zauber durch die echte Liebe, die die Person als solche erkennt.

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Große Anbetungsfeier

Diese Liebe atmet im Big Adoray   der riesigen Anbetungsfeier am Samstagabend. Marcus Scheiermann lädt die Teilnehmer zu einem Heilungsgebet ein. "Das bedeutet nicht, dass gleich alles rundläuft, dass Gott gleich alles Schwere wegnimmt. Doch ihr könnt Hoffnung empfangen, Gottes Liebe und Handlungswillen spüren. Es ist die lebendige Beziehung mit Gott, die heilt." Die Kirchenbänke sind links und rechts mit Priestern in violetter Stola gesäumt, die in allen Sprachen die Beichte abnehmen: in abgegriffenem grauen oder braunen Franziskaner-, schwarzem Benediktinerhabit, die Seligpreisungen in weiß und braun, Diözesanpriester in weiß. Drei Stunden lang singen, beten, schweigen, lauschen die Adorayler, empfangen Trost, Stärkung, Versöhnung, Rat. Und zum Schluss tanzen sie in den Kirchenbänken, und tanzen danach im Gemeindesaal gleich weiter: Bis es am Sonntagvormittag nach der Messe wieder Richtung Heimat geht.

Es fällt allen schwer, am Ende der vier Tage, in denen man intensiv Beziehungen knüpft, auf Wiedersehen zu sagen. Viele Freundschaften, die man geschlossen hat, erstrecken sich über Länder und Kontinente. Abhilfe und Trost bietet selbstverständlich das Internet: über Instagram, WhatsApp, E-Mail kann man vernetzt bleiben. Die letzten Stunden verbringen die Teilnehmer mit tränenreichen Umarmungen und mit dem Speichern von Kontakten. Und natürlich mit der Versicherung, dass man sich allerspätestens im nächsten Jahr beim 15. Adorayfestival wieder sieht.  


Das 14. Adoray-Festival fand dieses Jahr vom 14.-17. Oktober in Zug statt. Adoray ("adore" anbeten und "pray"   beten) ist eine junge katholische Bewegung, die aus lokalen Gebetsgruppen besteht. Sie wurde 2004 nach dem Weltjugendtag in Toronto in Zug und Luzern gegründet. Einmal jährlich laden die regionalen Gruppen zum gemeinsamen Adoray-Festival ein, das gewöhnlich aus circa 600 Teilnehmern besteht. Die Festival-Livestreams erscheinen in den kommenden Tagen auf YouTube auf dem Kanal "adoray".

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