Würzburg

Auf den Spuren des Sinns

Bei den Geisteswissenschaften ging es nie um Dinge, sondern um Namen und Menschen.
Denkmal  Wilhelm von Humboldt
Foto: Alexander Veltens (47016261) | Dass wir vom "Geist" sprechen, hat damit zu tun, dass der Gedanke aus der Philosophie stammt, vielleicht auch mit einer besonderen Philosophie-Lastigkeit der deutschen Kultur. Im Bild: Denkmal Wilhelm von Humboldts.

Es gibt Naturwissenschaften, es gibt Geisteswissenschaften. Die Naturwissenschaften sind für unsere Infrastruktur zuständig. Die U-Bahn fährt, fährt nicht, wir haben Netzanschluss, telefonieren, die Bestrahlung trifft den Tumor genau und mit der richtigen Dosis, wir drehen die Heizung an. Wenn wir aber über uns selbst reden, dann tun wir das in den Dialekten, die uns die Geisteswissenschaften bereitstellen: Du bist narzisstisch, die deutsche Geschichte erfüllt uns mit Stolz, erfüllt uns mit Trauer, sie ist Feministin, wir sind typisch Mittelschicht, sie gehören dieser oder jener Konfession an. Es gibt kein Selbstverständnis eines Menschen unserer Zeit, das sich nicht auf geisteswissenschaftliche Gedankengänge beziehen ließe. Wir handeln und sprechen und hinterlassen dabei eine Sinnspur, die andere entziffern müssen. Die methodisch verantwortliche Auslegung solcher Sinnspuren ist das Geschäft des geisteswissenschaftlichen Verstehens, der Hermeneutik.  

Geisteswissenschaften befassen sich mit dem Namen

Man kann den Gegensatz der Denkweisen noch einmal anders deutlich machen: die Geisteswissenschaften befassen sich mit den Namen, die Naturwissenschaften mit den Dingen. Für einen Naturwissenschaftler, der den Planeten Mars untersucht, ist der Name gleichgültig; er möchte die Umlaufbahn kennen, die stoffliche Zusammensetzung, die Atmosphäre, die Kräfte, die an der Oberflächenstruktur gearbeitet haben. Der Geisteswissenschaftler denkt an den römischen (aus dem griechischen übersetzten) Gott, der aber mit dem griechischen Ares nicht völlig identisch ist. Er fragt nach der kultischen und kulturellen Bedeutung des Mars und vielleicht auch danach, wie es kam, das man vor 3.000 oder mehr Jahren in Babylon, unter dem klarsten Nachthimmel, begann, den Planeten Götternamen zu geben. Wir haben es mit einer in Sprache und Geschichte verwurzelten Fragestellung zu tun.  

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Wovon rede ich? Von Fächern wie Philosophie, Theologie, Geschichte, Religionsgeschichte, Sprachwissenschaft (die sich wieder auffächert in einzelne Sprachen oder Sprachgruppen), Rechtswissenschaft, Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte oder inzwischen häufiger "-theorie", dazu Soziologie und Ethnologie, die sich dem Gesellschaftsleben widmen; die Psychologie sieht sich je nach Schule mehr den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten zugeordnet oder den geisteswissenschaftlichen. Die Wirtschaftswissenschaften erlauben aufgrund ihres hohen Mathematisierungsgrades keine Zuschreibung zu den Geisteswissenschaften, allerdings gibt es auch Forscher wie den Frankfurter Bertram Schefold, die in ihren Fragen nach den kulturell verschiedenen "Wirtschaftsstilen" sich ihnen doch wieder nähern.

Philosophie-Lastigkeit der deutschen Kultur

Warum aber "Geist"? In den angelsächsischen Ländern spricht man bei den hier gemeinten Disziplinen von den "humanities", das geht auf die "humaniora" zurück,  meint also vor allem die griechische und römische Antike als Grundlage aller Bildung seit der Renaissance. Damit ist eine gewisse inhaltliche Vorentscheidung für ein Gentleman-Ideal getroffen. Andererseits gibt es den älteren Sprachgebrauch "moral sciences", Wissenschaften, die mit der Moral zu tun haben. Das mag aus der allgemeinen moralischen Wendung stammen, die spätestens mit dem Puritanismus in das englische Wesen kam und das ältere, das heitere England ("merry old England") wegschwemmte. In Frankreich heißt diese Fächergruppe "sciences humaines", Wissenschaften vom Menschen.  

Dass wir vom "Geist" sprechen, hat damit zu tun, dass der Gedanke aus der Philosophie stammt, vielleicht auch mit einer besonderen Philosophie-Lastigkeit der deutschen Kultur. Die "Phänomenologie des Geistes" von Hegel, 1807 erschienen, hat als Grundidee, dass die Entfaltung aller menschlichen Möglichkeiten, historisch und systematisch betrachtet, eine Angelegenheit des Geistes ist. Die Hauptgegenstände dieser Schrift sind eben nicht nur kognitive Prozesse, mentale Geschehnisse (mit denen, also dem Bewusstsein und dem Selbstbewusstsein, Hegel beginnt), sondern etwa die antike Tragödie, das Verhältnis von Herr und Knecht, die französische Revolution, die Religionen, die Kunst in ihren verschiedenen Epochen. Sie alle sind Manifestationen des Geistes, stehen für einen bestimmten Geist.

Hegel will "die verschiedenen Gestalten des Geistes als Stationen des Weges in sich, durch welchen er reines Wissen oder absoluter Geist wird", verstehen. Das war ein ungeheures Vorhaben, und die Vorstellung, der gesamte Weltgehalt ließe sich in einer, und zwar einer systematisch zusammenhängenden Geschichte schildern, in einem Zug erzählen, mit einem Atem, war eines der attraktivsten Angebote der Philosophie überhaupt. Es ist dahin, das Versprechen ließ sich so nicht erfüllen. Vielmehr im Augenblick der Vollendung zerbrach das Projekt auch schon und hinterließ eine Sprachverwirrung unter jenen, die eben noch Teile eines Ganzen gewesen waren. 

Verlangen nach maximaler Konkretion

Die Geschichtswissenschaft machte sich unabhängig, indem sie, nach dem großen Wort von Ranke (1795 bis 1886), sich nicht mehr in Konstruktionen einspannen lassen wollte, sondern stattdessen zu ermitteln suchte, "wie es eigentlich gewesen". So bildeten auch die anderen Zweige, die sich nach und nach als Disziplinen autonom machten und von der Philosophie lösten, ihre je eigene Methoden aus. Dynamisierend wirkte ein wachsender Stoffhunger, ein Verlangen nach maximaler Konkretion. Mit Marx und Max Weber kommen die Wirtschafts- und Arbeitsverhältnisse in die Geisteswissenschaften   aber noch Weber spricht in seiner Untersuchung über die protestantische Ethik vom " Geist  des Kapitalismus".

Der historische Roman belebt das malerische Talent auch der professionellen  Historiker. Mit Freud kommt die Sexualität in die Geisteswissenschaften   auch sie wird nun "verstanden"  , und auf andere Weise meldet sie sich in den Spuren, die der Darwinismus (in Gestalt des Rassismus) in den Geisteswissenschaften, besonders in der Ethnologie, hinterlässt. Der reine Geist der Geisteswissenschaften saugt alles Leibliche in seinen Bezirk; man untersucht den Sport und die Kulte. Er will schließlich etwas zu erzählen haben und muss sich darum immer tiefer eingraben, immer neue Schichten durchwühlen und erbohren. Er erweist sich als Geist gerade darin, dass er neue Stoffe an sich reißt. Diese Tendenz hat ebenso belebend wie zeitweise fatal gewirkt. Der Geist der Geisteswissenschaften ist immer anfällig für Ideologien.  

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich neue Sub-Disziplinen wie die Gender-Studies entwickelt, die eine rein konstruktivistische Überziehung der geisteswissenschaftlichen Idee anzustreben scheinen: nicht mehr nur will man die Geschlechterrolle als ein Umspielen und Gestalten der Natur fassen, sondern die angeborene Natur selbst soll per Sprechakt zur Vergangenheit erklärt werden können.  Neuerdings scheint sich, vielleicht als Antithese, das Interesse an Naturbeschreibungen zu verstärken, das "nature writing" ist ein Zweig mit enormem Wachstumspotenzial. Schon gibt es "Critical plant studies", also Studien, welche die Ideen und Beschreibungsformen zu Pflanzen erforschen. Niemand kann sagen, wie es weitergeht, nur der Stoffhunger bleibt als Konstante, und solange wir über uns sprechen wollen (und nicht über Dinge), wird es auch die Geisteswissenschaften geben. 

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