Musikgeschichte

"Depeche Mode": Sehnsucht nach dem „persönlichen Jesus“

Der Tod von "Depeche Mode"-Gründungsmitglied Andy Fletcher erschüttert die Musikwelt. Neben Schwermütigkeit prägt auch Hoffnung auf Erlösung die Musik der britischen Elektropop-Pioniere.
Andy Fletcher of Depeche Mode
Foto: IMAGO/mpi04 | Am 26. Mai starb Andy Fletcher, Keyboarder der Musikgruppe Depeche Mode. Mit seiner Band gehört er zu den erfolgreichsten Musikern des Elektro- und Sythiepop.

Er war gewissermaßen der "Stille" bei Depeche Mode: Andrew "Andy" Fletcher – oder kurz "Fletch" – gehörte neben Sänger Dave Gahan, Keyboarder Vince Clarke (mit Songs wie "Just Can t Get Enough" der ganz frühe Hitlieferant der Band) und dem späteren Hauptsongwriter Martin Gore zu den Gründungsmitgliedern der Synthie- und Electropop-Pioniere. Fletcher und Clarke kannten einander, da beide sowohl auf dieselbe Schule als auch in dieselbe Methodisten-Jugendgruppe gingen und gründeten 1980 mit Gore zunächst die konventionelle Rockband "Composition of Sound".

„Möglicherweise löst ‚Fletchs‘ unerwarteter Tod
aber auch bei einem Agnostiker wie Martin Gore den Wunsch aus,
nicht nur den ‚eigenen‘, sondern den ‚wahren‘ persönlichen Jesus kennenlernen zu wollen“

Als ein Jahr später Sänger Dave Gahan dazustieß, wurde der Bandname nicht nur auf dessen Vorschlag hin nach einem französischen Modemagazin in "Depeche Mode" umbenannt, sondern auch auf alle herkömmlichen Rockinstrumente verzichtet, um musikalischen Elektronik-Vorbildern wie "Kraftwerk", Gary Numan, "The Human League" oder "Orchestral Manoeuvres In The Dark" beziehungsweise "O.M.D." nachzueifern. Der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte: Aus Schulfreunden aus dem beschaulichen Basildon wurde innerhalb von vier Jahrzehnten die mit über 100 Millionen verkauften Tonträgern erfolgreichste Synthie- und Elektropop-Band aller Zeiten, die im Jahr 2020 zudem in die "Rock n Roll Hall of Fame" aufgenommen wurde. Doch der persönliche Preis, den man für den Ruhm und die Tatsache zahlen musste, dass man sämtliche musikalische Vorbilder verkaufstechnisch hinter sich lassen konnte, war hoch. 

Nachdem Clarke 1981 bereits kurz nach der Veröffentlichung des von ihm hauptsächlich verfassten Debüt- und Hitalbums "Speak And Spell" Depeche Mode wieder verließ und mit den Synthiepop-Duos "Yazoo" und "Erasure" weitere Erfolge feiern sollte, avancierte Martin Gore gezwungenermaßen zum Hauptsongwriter der Band   und bereits auf dem Nachfolgealbum "A Broken Frame" (1982), das die Band als Trio Gahan-Gore-Fletcher aufnahm, wehte musikalisch ein anderer Wind: Anstatt "Junge liebt Mädchen"-Lyrik sowie fröhlich gestimmtem Synthie-Pop kehrte erstmals jene musikalische Melancholie und Schwermütigkeit ein, die die Band bis auf den heutigen Tag prägt.

Immer industrieller und abstrakter

Lesen Sie auch:

Als noch im selben Jahr Soundtüftler Alan Wilder als Neumitglied gewonnen werden konnte, fand Gore einen radikalen Verwandten im Geiste und sah sich ermutigt, musikalisch noch weiter weg vom harmlosen Elektropop des ersten Albums zu gehen. Alben wie "Construction Time Again" (1983), "Some Great Reward" (1984) oder "Black Celebration" (1986) zitierten mit ihren verstärkt auf Samples basierenden sowie immer industrieller und abstrakter klingenden Sounds vor allem deutsche musikalische Grenzgänger wie "Einstürzende Neubauten" oder "Deutsch-Amerikanische Freundschaft" und wurden stilecht in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen.

Und trotz des immer unkommerzieller werden Sounds wurde der Erfolg der Band paradoxerweise immer größer: Einige der größten Hits aus jenen Jahren wie "Everything Counts", "People Are People", "Master And Servant", "A Question Of Time" oder das später von "Rammstein" gecoverte "Stripped", in denen Machtspiele in Politik und Sexualität thematisiert werden, wurden zu Hymnen gerade für Teenager und Jugendliche, die sich nicht dem daueroptimistisch auftretenden vorherrschenden popkulturellen Mainstream der 80er zugehörig fühlten. Diese Thematik beinhaltete auch das nachfolgende Album "Music For The Masses" (1987) inklusive Hitsingles wie "Never Let Me Down Again", "Strangelove" oder "Behind the Wheel" – um spätestens auf dem Album "Violator" (1990), das vielen als Meisterwerk der Band gilt, jedoch differenzierteren Inhalten zu weichen.

Dem Erlösungsbedürfnis der Menschen nachgespürt

Lesen Sie auch:

Worum geht es eigentlich in den Texten Martin Gores? Vor allem um große Gefühle, gepaart mit viel Schwermut, Düsternis und der beinahe wagnerianisch anmutenden Hoffnung auf Erlösung durch die Liebe. Auch der Religion widmete sich Gore thematisch seit Mitte der 1980er Jahre – zunächst kritisch in dem die Theodizee behandelnden Stück "Blasphemous Rumours". Doch stärker als Religionskritik beschäftigt den Songwriter Gore im Laufe der Zeit immer stärker das grundsätzliche Erlösungsbedürfnis des Menschen – und nimmt dieses in der ersten Singleauskopplung von "Violator", "Personal Jesus", gekonnt ins Visier.

Die durchaus verständliche, letztendlich jedoch abgründige Wunschvorstellung einen "eigenen" Jesus, also gewissermaßen einen persönlichen Erlöser ausschließlich für sich alleine haben zu wollen, musikalisch thematisieren zu wollen, kam Gore, als er durch Priscilla Presleys Autobiographie "Elvis and me" von ihrer jahrelangen Hörigkeit gegenüber ihrem Ehemann, dem "King of Rock  n Roll", erfuhr. Unterlegt mit einem für Depeche-Mode-Verhältnisse ungewohnten Blues-Gitarrenriff ließ Gore Sänger Dave Gahan zum messianisch-musikalischen Verführer avancieren, der Erlösung durch Unterwerfung verspricht.

Zunehmend religiöse Themen in den Liedtexten

 

 

"Reach out and touch faith!" ruft Gahan von einem Berg der Versuchung hinab ins Tal der Einsamkeit   und das mit einer Subtilität und Erhabenheit, die den zahlreichen  Coverversionen, die "Personal Jesus" unter anderem von Marylin Manson über Nina Hagen bis hin zu "Def Leppard" erfahren hat, bedauerlicherweise zumeist abgeht. Lediglich der Version von Countrylegende Johnny Cash aus dem Jahr 2003, die den Song konsequent auf seine Bluesstruktur zurückführt, gelingt es, diesem neue Facetten abzugewinnen.

Mit "Personal Jesus" und der weiteren Singleauskopplung "Enjoy The Silence" gelangen Depeche Mode zwei ihrer größten Hits   und die auf "Violator" überarbeitete Themen- und Klangpalette wurde auf dem Nachfolgealbum mit dem bezeichnenden Titel "Songs of Faith and Devotion" (1994) beinahe bis zur Vollendung fortgeführt: Noch rockiger, noch mehr Gefühle, noch mehr Erlösungsbedürftigkeit und – mit Songtiteln wie "Judas", Condemnation" (einem Gospel-Stück) oder "Higher Love" – auch noch mehr Religion. Doch sowohl die Albumaufnahmen als auch die anschließende Welttournee führten aufgrund von Gahans ausufernder Heroinsucht, Gores Alkoholexzessen, einer bei Fletcher diagnostizierten klinischen Depression sowie dem Ausstieg von Klangexperte Alan Wilder beinahe zur Auflösung der Band: Der unrühmliche Höhepunkt jener Epoche war eine Heroinüberdosis, die sich Gahan zufügte und aufgrund derer er zwei Minuten klinisch tot war und nur mit Mühe und Not wiederbelebt werden konnte.

Den Totalabsturz knapp verhindert

Doch nach dem Beinahe-Totalabsturz der Band konnte sich das verbliebene Trio Gahan-Gore-Fletcher wieder zusammenraufen: Das minimalistisch anmutende Comeback-Album "Ultra" von 1997 blickte zwar musikalisch mit Songs wie "Barrel Of A Gun" und "Sister Of Night" noch einmal in den knapp entronnenen Abgrund zurück – doch Stücke wie "Home" signalisierten auch eine gewisse Aufbruchstimmung und die Bereitschaft, die Exzesse der Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Auf den nachfolgenden Alben "Exiter" (2001) "Playing The Angel" (2005), "Sounds Of The Universe" (2009), "Delta Machine" (2013) sowie dem jüngsten Album "Spirit" (2017), die nach Alan Wilders Abgang mit wechselnden Produzenten aufgenommen wurden, überwiegen denn auch trotz aller musikalischen Moll-Töne eine lebensbejahende Grundhaltung – Songtitel wie "Free Love", "I Feel Loved", "Precious" oder "Heaven" zeugen hiervon. 

Der Tod Andy Fletchers, der musikalisch wohl wenig zum Oeuvre der britischen Musiker beisteuerte, aber dafür für emotionale Stabilität innerhalb der Band sorgte, lässt ein Weiterbestehen Depeche Modes zweifelhaft erscheinen. Möglicherweise löst "Fletchs" unerwarteter Tod aber auch bei einem Agnostiker wie Martin Gore den Wunsch aus, nicht nur den "eigenen", sondern den "wahren" persönlichen Jesus kennenlernen zu wollen. Dave Gahan ist da schon einen Schritt weiter – Ende der 1990er-Jahre konvertierte der nunmehr cleane Sänger zum griechisch-orthodoxen Glauben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Was gibt Menschen die Kraft, Krisen und lebensbedrohliche Umstände durchzustehen und das Leben wieder aufzunehmen? Es ist ein Sinn, den man nicht in sich selbst und im Leben an sich finden kann.
12.05.2022, 15  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Stefan Ahrens Erlösung

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter