Folk

„Mumford and Sons“: Bad Boys mit christlichen Wurzeln

Ein rasanter Aufstieg, die Bibel als Inspiration, ein medialer Shitstorm: Die Folkband „Mumford and Sons“ ist in den über zehn Jahren ihres Bestehens durch Höhen und Tiefen gegangen.

Mumford und Söhne. Der Name steht für bärig klingende Stimmen und für Folkmusik-Ästhetik. Eine gewisse vintage bad boy-Aura umgibt Marcus Mumford, Winston Marshall, Ben Lovett und Ted Dwane. Sie wirken wie mit allen Wassern gewaschene Landjungs, die mit Banjo, Gitarre und Akkorden gekommen sind, um London unsicher zu machen – was ihnen auch gelungen ist: Ihr Debütalbum „Sigh no more“ schaffte es 2009 auf Platz zwei der UK-Album Charts und erhielt 2011 den Preis „Bestes Britisches Album“. Die zweite Langspielplatte der Folk/Rockmusiker „Babel“ wurde das meistverkaufte Rockalbum des Jahres 2012, nicht nur in England, sondern auch in den USA.


Die Band will nicht als „christlich“ definiert sein

Die britische Zeitung „The Guardian“ bezeichnete sie als die bekannteste Band der Welt. Was machte „Mumford and Sons“ so populär? Ein Grund ist sicher ihre Echtheit, die sich in ihren Texten und in den Bühnenauftritten widerspiegelt. Es ist die wilde Energie und Lebensfreude, die die damals Anfang 20-Jährigen an den Tag legten. Doch es ist etwas anderes, was bei Christen, vor allem Freikirchlern, das Interesse an der Band weckte: Die Eltern des Frontmanns Marcus Mumford, John und Eleanor Mumford, waren die Gründer und jahrelangen Leiter des englischen Zweigs der internationalen und charismatischen „Vineyard“-Freikirche. Aus akademisch erfolgreichen Familien kommend, beschloss John Mumford, eine Laufbahn als Geistlicher in der anglikanischen Kirche einzuschlagen. In den 80er Jahren lernte er die charismatische Erneuerung kennen und die Familie schloss sich der in den USA neu entstandenen Vineyard-Gemeinde an. Das nun pensionierte Ehepaar wird öfters als Redner zu christlichen Veranstaltungen eingeladen, wie 2016 zu den „Herbsttagen“ der österreichischen Loretto-Gemeinschaft.

„Die Bibel hat eine großartige Sprache und reiche Poesie.“ Marcus Mumford

Marcus Mumford hält sich mit öffentlichen Statements zu seinem Glauben zurück. Doch in einem kürzlich geführten Interview mit dem Magazin „Rolling Stone“ gab er zu, dass die Texte der ersten Musikalben von der Bibel beeinflusst sind. „Die Bibel hat eine großartige Sprache und reiche Poesie“, sagt der Sänger. In dem eher ruhigeren Song mit dem schon typischen „Mumford and Sons“-Banjo-Sound „Awake my soul“ heißt es beispielsweise „For you were made to meet your maker“. Das flotte Lied mit Ohrwurm-Charakter „The cave“ hat folgende Strophe: „So come out of your cave walking on your hands /And see the world hanging upside down / You can understand dependence / When you know the maker's hand“. Bezüge zum Metaphysischen finden sich in fast jedem Lied – wenn auch dezent und absichtlich offen für verschiedene Interpretationen. Was die vier Bandmitglieder nämlich nicht wollen ist, als „christliche Band“ gebrandmarkt zu werden, wie Marcus in dem Interview erzählt. Damit unterscheiden sich die vier Engländer von Popstars wie Justin Bieber oder Kanye West, die in ihrer Musik sehr explizit über Jesus, den Glauben und ihre Bekehrung singen. Der Bandleader Marcus hingegen will „nicht darüber definiert werden“.

An der Grenze zum Kitsch

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Wie steht es heute um die wilden Folkmusiker von einst? Ihre zwei letzten Alben „Wilder Mind“ (2015) und „Delta“ (2018) verkauften sich gut, der große Erfolg und die Begeisterung blieben jedoch aus. Die Platten wirken, vergleicht man sie mit den ersten beiden, geglättet, mainstreamig, ja fast bieder. Das Video zu dem Lied „Beloved“ zeigt eine im Sterben liegende Mutter, die von ihrem jungen Sohn besucht wird. In dem Songtext befinden sich Bezüge zu Gott. Das Musikvideo kratzt jedoch die Grenze zum Kitsch. Vielleicht teilt die Band das Schicksal vieler anderer, die als unabhängige Indie-Band starteten, mit dem Ruhm und Plattenverträgen mainstreamiger Studios ihren ursprünglichen Charakter verloren.

In den vergangenen Monaten gab es um die Band mediale Furore. Der Anlass war nicht ihre Musik, sondern eine Twitter-Äußerung des Banjospielers Winston Marshall. In dem kontroversen Post, den der 33-Jährige im März veröffentlichte, lobte er das im Februar diesen Jahres erschienene Buch „Unmasked: Inside Antifa?s Radical Plan To Destroy Democracy“ des US-Journalisten Andy Ngo. Kritiker werfen dem umstrittenen Ngo vor, in „Unmasked“ einseitig zu berichten und irreführende Informationen zu verbreiten. Winston Marshalls lobender Twitter-Eintrag zu dem kontroversen Buch löste einen Shitstorm nicht nur gegen den Musiker und seine Familie, sondern auch gegen „Mumford ans Sons“ aus.

Wie geht es weiter?

2018 gab es bereits einen ähnlichen Aufschrei, als die Band den nicht unumstrittenen Star-Psychologen und Autor Jordan B. Peterson in ihr Londoner Studio einluden. Der Bandleader Marcus Mumford verteidigte daraufhin „das Recht“ seiner Bandkollegen, „diesem Mann zuzuhören“, wie er gegenüber dem Guardian berichtete. Im Juni traf der Banjospieler nun die schwere Entscheidung, die Band, mit der er über zehn Jahre unterwegs war, zu verlassen.

Um sich zu einer Entscheidung durchzuringen, half dem gläubigen Banjospieler das Gebet. „Mein Glaube spielte eine große Rolle in dieser Periode meines Lebens“, sagte er. In der Woche vor Marshalls finalen Entscheidung, die Band zu verlassen, sei er fest verwurzelt gewesen in seiner lokalen katholischen Pfarrei um die Ecke seines Hauses. Man darf gespannt sein, wie es in Zukunft mit „Mumford and Sons“ weiter gehen wird. Ob ihre ursprüngliche Folkmusik-Linie ein Comeback feiern wird oder ob sie den neu eingeschlagenen Wegen treu bleiben.

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