Meinungsfreiheit

Darum verlässt „Mumford and Sons“ - Gitarrist die Band

Ein kontroverses Buch, ein Twitter-Eintrag, ein medialer Shitstorm: Banjospieler Winston Marshall hat sich entschieden, die weltbekannte Band zu verlassen. Sein Glaube spielte bei der Entscheidung eine wichtige Rolle.
Winston Marshall
Foto: Imagespace via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Winston Marshall war nicht nur Gitarrist, Banjospieler und Sänger, sondern auch Liedtexter. Seine Texte des letzten Albums der Band, "Delta", sind inspiriert von den Gedanken des Star-Psychologen Jordan B.

Winston Marshall, der Banjospieler und Backgroundsänger der international erfolgreichen Folk-Rock Band „Mumford and Sons“, verlässt die Gruppe nach 14 Jahren. Dies verkündete der 33-jährige Musiker bereits Ende Juni in einem Blogeintrag. So könne er künftig frei seine Meinung äußern.

Der Musiker lobte umstrittenes Anti-Antifa Buch

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Der Auslöser für die Entscheidung des Engländers waren ein Twitter-Eintrag und ein darauffolgender medialer Shitstorm. In dem kontroversen Post, den Marshall im März veröffentlichte, lobte er das im Februar diesen Jahres erschienene Buch „Unmasked: Inside Antifa’s Radical Plan To Destroy Democracy“ (dt.: „Entlarvt: Im Inneren des radikalen Plans der Antifa, die Demokratie zu zerstören“) des US-Journalisten Andy Ngo: „Gratulation, endlich hatte ich Zeit, Ihr wichtiges Buch zu lesen“, schrieb der Musiker, und schloss seinen Post mit den Worten: „Sie sind ein mutiger Mann“.

Winston Marshalls lobender Twitter-Eintrag zu Ngos Buch, das selbst kontrovers diskutiert wird, löste einen Shitstorm nicht nur gegen den Musiker und seine Familie, sondern auch gegen „Mumford and Sons“ aus. Der Banjospieler wurde als „Faschist“ und „Nazi“ bezeichnet. Binnen nur 24 Stunden wurde sein Tweet zu einem „Trending Topic“ auf Twitter „mit Zehntausenden von wütenden Retweets und Erwähnungen“, wie Marshall in seinem Blogeintrag schreibt. Er habe „keine Ahnung gehabt“, dass sein Kommentar zu „einem Buch, das die extreme Linke kritisiert, als Zustimmung zur ebenso verabscheuungswürdigen extremen Rechten interpretiert werden könnte“, fährt er fort. Der Musiker findet es „aberwitzig“, als Faschist bezeichnet zu werden, da dreizehn seiner Familienmitglieder im Holocaust ums Leben kamen. Einzig seine Großmutter mütterlicherseits überlebte.

Um die Aufregung rund um Marshalls lobenden Tweet zu Andy Ngos Buch zu verstehen, muss man sich mit dem Buch und der Biografie des Journalisten und Autors auseinandersetzen: Ngo erlangte 2019 nationale Aufmerksamkeit, nachdem er auf der Straße seiner Heimatstadt Portland von Mitgliedern der Antifa attackiert worden war. Der Sohn vietnamesischer Flüchtlinge, die Ende der 70er Jahre vor dem kommunistischen Regime in den US-Bundesstaat Oregon flohen, bezeichnet sich als Atheist und outete sich als schwul. Der 34-Jährige schreibt für Blätter, die als konservativ gelten, wie das kanadische Onlinemagazine The Post Millennial, die britische Zeitschrift The Spectator oder die US-Zeitung The Wall Street Journal. Der Journalist hat außerdem Auftritte bei dem US-Fernsehsender Fox News, der während der Amtszeit Donald Trumps als dessen Sprachrohr galt. Ngo wird nachgesagt, ein Provokateur zu sein und Beziehungen zu rechten Gruppen in seiner Heimatstadt Portland zu pflegen.

"Unmasked" wird kritisiert, irreführende Informationen zu verbreiten

Ngos neuestes Buch geht der Entstehung und Entwicklung der linksextremen und teilweise gewalttätigen Bewegung Antifa nach. Kritiker werfen Ngo vor, in seinem Buch „Unmasked“ einseitig zu berichten und irreführende Informationen zu verbreiten. Der Flagship-Store des größten amerikanischen Buchhandlungsunternehmen „Powell´s“ in Portland entschied sich, das Buch weder zu bewerben noch im Bücherregal auszustellen. Trotzdem wurde „Unmasked“ ein nationaler sowie ein Amazon -Bestseller und stand auf der „New York Times“-Bestseller-Liste auf Platz Drei.

Nur einige Tage nach seinem verhängnisvollen Tweet löschte Marshall den Beitrag und postete eine Entschuldigung. „In den letzten Tagen habe ich den Schmerz, den das Buch verursacht, das ich befürwortete, besser verstanden“, so Marshall. „Ich habe nicht nur viele Leute, die ich nicht kenne, beleidigt, sondern auch diejenigen, die mir am nächsten standen, einschließlich meiner Bandkollegen, und das tut mir wirklich leid.“ Als Konsequenz nahm er eine Auszeit von der Band.

Auf die Entschuldigung des Banjospielers folgte allerdings die nächste Welle der Empörung, nur diesmal von rechter Seite. Wofür? „Für die Sünde, mich entschuldigt zu haben“, meint der Musiker in seinem Blog.

Marshall fühlte sich eigenen Aussagen zufolge zwischen den Fronten. Er schwanke zwischen „liberal“, „Mitte“ und „ein bisschen hiervon, ein bisschen davon“. „Falsch etikettiert zu werden zeigt, wie binär der politische Diskurs geworden ist. Ich hatte die „Linke“ kritisiert, also muss ich Teil der „Rechten“ sein, so die Logik.“, schlussfolgerte er.

Jordan B. Peterson besuchte "Mumford and Sons" in ihrem Studio

„Mumford and Sons“, die 2013 mit dem Grammy Award für ihr Album „Babel“ ausgezeichnet wurden und deren erstes Album „Sigh No More“ es auf Platz 2 der UK-Charts schaffte, schwiegen zu dem Vorfall. 2018 gab es bereits einen ähnlichen Aufschrei, als die Band den nicht unumstrittenen Star-Psychologen und Autor Jordan B. Peterson in ihr Londoner Studio einluden und sich Marshall und zwei weitere Bandmitglieder auf einem Foto, das viral ging, mit ihm abbilden ließen. Der Bandleader Marcus Mumford verteidigte daraufhin „das Recht“ seiner Bandkollegen, „diesem Mann zuzuhören“, wie er gegenüber dem Guardian berichtete. In diesem Fall zeigten sich Marshalls Bandmitglieder loyal und boten ihm an, Teil der Gruppe zu bleiben, wie der Musiker in seinem umfangreichen Blogeitrag erzählt. Ein Angebot, das er annahm.

Der Glaube spielt in den Liedern eine Rolle

Warum entschied Winston Marshall, sich nach der jüngsten Kontroverse endgültig von „Mumford and Sons“ zu trennen? Die Wochen zwischen dem Twitter-Post und der finalen Entscheidung befand sich der Musiker in einem „moralischen Dilemma“, wie er in dem Podcast „Honestly“ der US-Journalistin Bari Weiss erzählt. Ihm sei bewusst geworden, dass er sich als Mitglied einer international erfolgreichen Band aus politischen und gesellschaftlichen „Heißen Eisen“ künftig heraushalten müsse. Um sich zu einer Wahl durchzuringen, half dem gläubigen Banjospieler das Gebet. „Mein Glaube spielte eine große Rolle in dieser Periode meines Lebens“, sagte er gegenüber Weiss. Winston Marshall ist nicht das einzige, jetzt ehemalige Bandmitglied von „Mumford and Sons“ mit christlichem Hintergrund. Die Eltern des Leadsängers Marcus Mumford, John und Eleanor Mumford, waren die nationalen Leiter des freikirchlichen Netzwerks „Vineyard Church“ in England und Irland. Der Glaube wurde in den Liedern der Gruppe immer wieder thematisiert.

In der Woche vor Marshalls finaler Entscheidung, die Band zu verlassen, sei er fest verwurzelt gewesen in seiner lokalen katholischen Pfarrei. Er sei seinem Gewissen gefolgt und habe die Band verlassen. „Ich könnte bleiben und mich weiterhin selbst zensieren, doch das würde meine Integrität untergraben. An meinem Gewissen nagen. Die Anfänge davon habe ich bereits gespürt. Der einzige Weg nach vorn ist für mich, aus der Band auszusteigen. Ich hoffe, dass ich durch die Trennung von ihnen meine Meinung äußern kann, ohne dass sie die Konsequenzen tragen müssen“, erklärte er in seinem Blogeintrag.

Seiner anfänglichen Entschuldigung steht Marshall nun kritisch gegenüber. Er habe das Gefühl, dass sie „an der Lüge teilhat“, dass ein politischer Extremismus nicht existieren würde oder dass dieser eine „Kraft zum Guten“ wäre.

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