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Weltjugendtag 2023: Christus ist die Mitte

Zwischen Krisen und Konstanten: Der Weltjugendtag 2023 hat Lissabon verwandelt.
Weltjugendtag Lissabon , 03/08/2023
Foto: IMAGO/Leonardo Negrão (www.imago-images.de)

„Papa Francesco!“, skandiert eine Gruppe französischer Jugendlicher in roten T-Shirts, die vor den offenen Kirchentüren vorbeizieht, in der ein Priester aus Wien predigt. Eine spanische Gruppe singt lauthals die Hymne des Weltjugendtages in der Metro, so laut, dass man sich nicht unterhalten kann. Auf einem Platz stehen Italiener in einem großen Kreis, sie singen und spielen dabei ein Spiel. Sie füllen die Parks, die Bänke, die Restaurants. Sie versammeln sich vor den hellblauen Türmen, wo erst Kardinal Manuel Clemente und dann Papst Franziskus sie begrüßt, wo Tänzer Rosenblätter herabregnen lassen und Soloisten ihre Stimme an die Weltkirche richten, und überziehen den Parque Tejo in der Nacht zum Sonntag, bis sie die DJ-Einlage des portugiesischen Priesters Padre Guilherme unsanft aus dem Schlaf weckt: Anderthalb Millionen Jugendliche aus fast 200 Ländern, die dem Ruf des Papstes gefolgt sind.

„Die Stadt ist verwandelt, aber im besten Sinne des Wortes verwandelt“, so Bischof Stephan Turnovszky, Weihbischof in der Erzdiözese Wien gegenüber der „Tagespost“. „Tausende junge Leute, auch aus Nationen, die miteinander in Spannung stehen. Trotzdem ist man freundlich zueinander, tauscht Geschenke aus, singt und betet mitunter. Man hat den Eindruck, die jungen Leute tun sich mit dem Weltfrieden leichter als die älteren.“ Gleichzeitig liegt etwas Dringliches in der Luft: Denn die Krisen, die Jugendliche beschäftigen, berühren den Weltjugendtag unmittelbar. Beim Kreuzweg erinnern die Meditationen an das Leid durch Kriege, durch zerbrochene Familien, durch den von sozialen Medien verursachten Druck, durch den Klimawandel. 

Großes Lebenszeichen für die Kirche

Die Pilger bringen ihre persönlichen Zeugnisse mit. Nada gehört zur syrisch-katholischen Kirche. Sie ist vor fünf Jahren aus dem Irak nach Frankreich geflüchtet. Im Irak sind Christen eine religiöse Minderheit. „Es gibt oft Spannungen“, sagt Nada gegenüber der „Tagespost“. „Wir können nicht alles tun, was wir wollen, wir haben keine Freiheit. Aber wir versuchen, zusammenzubleiben, in Freude zu leben, mit allen Menschen zu teilenauch mit denen, die keine Christen sind.“ Die Weltkirche könnte Nada zufolge helfen, die große religiöse Ungleichheit im Irak auszugleichen. „Sie könnte den Christen helfen, ihre Häuser und Kirchen wiederaufzubauen, die verbrannt worden sind, denn es ist sehr schwer, keine Kirche zu haben. Und für sie beten.“

„Die Kirche muss sich den kritischen Fragen und Problemen der jungen Menschen stellen“, so Hermann Glettler, Bischof von Innsbruck. Im Gespräch mit der „Tagespost“ betont Glettler, dass es für Jugendliche aus Krisengegenden ein besonderes Erlebnis sei, ihre Glaubenserfahrung einzubringen und von ihren Schwierigkeiten erzählen zu dürfen. Dabei seien Weltjugendtage ein großes Lebenszeichen für die Kirche, aber auch für die Gesellschaft in Europa:  „Eine jugendliche Dynamik ist da, die allen guttut. Und es zeigt sich, dass junge Menschen sehr wohl nach christlichen Werten suchen und ein solidarisches Bewusstsein haben. In jedem Fall sind sie für Spiritualität und Glaube ansprechbar.“ Die Begegnung mit anderen Kulturen und Mentalitäten könne auch inspirieren.

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„Zum Glauben gehört dieses leidenschaftliche Interesse, das über den eigenen Tellerrand hinausreicht, diese Vitalität. Vielleicht müssen wir im deutschsprachigen Raum lernen, mehr zuzulassen und Enthusiasmus nicht gleich unter Verdacht zu stellen, so Glettler. Beim Weltjugendtag konnte man auch die „Pluralitäts-Fitness“ der Kirche trainieren, so der Tiroler Bischof. Es gab „unterschiedliche Stimmen und Temperamente, eingebettet in eine Atmosphäre des Gebetes.“

Deutscher Reformgeist

Im deutschen Pilgerzentrum, eingerichtet im Goethe-Institut neben der deutschen Botschaft in Lissabon, diskutieren Bischöfe, Aktivisten und Diplomaten beim Weltjugendtag über Klima und Kolonialismus. Danilo Moreira, portugiesischer Umwelt- und Anti-Rassismus-Aktivist, fordert ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass der globale Süden in eine immer stärkere wirtschaftliche Abhängigkeit rutsche. Das ermögliche es Ländern in Europa, ihre eigene Verantwortung für den Klimawandel abzustufen. Volker Andres vom BDKJ im Erzbistum Köln zufolge hat die katholische Kirche zusätzlich eine soziale Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Sie müsse die Stimme erheben, um darauf aufmerksam zu machen. „Wir müssen mit glaubwürdigem Handeln vorangehen“, so Andres.

Aber nicht nur Schöpfungsbewahrung und internationale Solidarität, sondern auch Reformgeist prägt das Ambiente des deutschen Pilgerzentrums: Manche Pilger haben LGBTQ-Flaggen dabei oder tragen Sticker und Ansteckplaketten von der Initiative „offen.katholisch“, die sich für die Abschaffung des Zölibats und die Einführung von Frauenpriestertum und der Ehe für LGBTQ-Personen einsetzt. „Meinem Eindruck nach ist der Weltjugendtag nicht so konservativ, wie man immer glaubt“, so der BDKJ-Vorsitzende Gregor Podschun gegenüber der KNA. Die Veranstaltungen, bei denen es darum gehe, die Kirche zu verändern, seien gut besucht.

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Aber nicht alle wollen die Kirche so verändern. Für Nada aus dem Irak ist der Glaube an Jesus das Leben: „Das ist die Basis für alles.“ Es sei nicht leicht, an etwas zu glauben, was man nicht sieht: „Aber wenn man betet, anderen Menschen zuhört und hilft, dann hilft es uns zu glauben.“  Auch die Palästinenserin kann sich ihr Leben ohne Jesus Christus nicht vorstellen: „Das Christentum ist für mich nicht einfach eine Religion. Es ist mein Leben“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie ist hier, um anderen Menschen von dem Land zu erzählen, dass die Heimat Jesu war, sagt sie: „Das ist eine große Sache für mich, vor allem, weil so wenige Menschen dorthin können.“

Die Fragestellung der Jugendlichen ist immer die Gleiche

Laut Bischof Turnovszky sei es die Aufgabe jeder Generation, sich zu fragen, wie sie einen Beitrag leisten könne, um die Welt zu verbessern. „Für diese Generation ist sicher das ökologische Thema eine Berufung. Aber die generelle Fragestellung ist immer die Gleiche: Wofür braucht mich Gott?“ Turnovszky ziehe aus seinen Erfahrungen eher den Eindruck, dass junge Leute das bewege, was sie immer bewege: Die Suche nach Orientierung und der Umgang mit Druck von innen und außen. Dabei könne der Weltjugendtag eine nachhaltige Anlaufstelle ein, so Turnovszky. „Manche kritisieren den Weltjugendtag als einmaliges Glaubensfest, das dann aber keine langfristige Wirkung bei den Pilgern hat.“ Inzwischen gebe es aber so viele Weltjugendtage, dass man das nicht mehr spekulativ beantworten müsse. „Die Erfahrung zeigt, Weltjugendtage sind für viele junge Menschen etwas Prägendes, etwas, was in ihrem Leben einen Unterschied gemacht hat, wo sie sagen können: Nach dem Weltjugendtag damals, da habe ich begonnen, Dinge anders zu sehen.“

Das deutsche Pilgerzentrum musste während des Weltjugendtages wegen des hohen Andrangs teilweise die Türen schließen. Aber nur halb so viele deutsche Jugendliche haben sich in Lissabon zum Weltjugendtag angemeldet wie noch vor sieben Jahren in Krakau – ein Hinweis darauf, dass das Interesse der Jugendlichen in Deutschland an der katholischen Kirche weiter sinkt. Für Bischof Glettler kann der Weltjugendtag dazu beitragen, dass sich auch zuhause wieder kleine Zellen des Glaubens bilden: „Es ist wichtig, dass sich die Jugendlichen nicht isolieren, sondern zusammenschließen, Gemeinschaften bilden.“ Wie beim Weltjugendtag sei es entscheidend, dass „Christus bewusst in die Mitte genommen werde, seine frohe Botschaft. Und davon ausgehend müssen Herz und Hände weit ausgebreitet werden für all jene, die unsere Aufmerksamkeit und konkrete Hilfe brauchen.“

 

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