Lemberg

Ukraine: Sanfte Kritik an Franziskus

Der Lemberger Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki sieht eine mögliche Moskau-Reise des Papstes skeptisch.
Papst Franziskus mit ukrainischen Kindern
Foto: IMAGO/Riccardo Antimiani (www.imago-images.de) | Papst Franziskus trifft bei einer Generalaudienz im April Kinder aus der Ukraine.

Kein Verständnis für eine baldige Moskau-Reise des Papstes zeigt der römisch-katholische Erzbischof von Lemberg (Lviv), Mieczyslw Mokrzycki, im Gespräch mit der „Tagespost“: „Es wäre ein Desaster, wenn der Heilige Vater zunächst Russland besuchen würde, und dann erst die Ukraine. Es ist durchaus möglich, dass die Grenzen der Ukraine für ihn geschlossen wären, wenn er aus Russland zurückkäme.“ Und weiter: „Unsere Gläubigen sagen, man müsse sich zuerst dem Unfallopfer zuwenden, dem der leidet, und dann erst demjenigen, der den Unfall verursacht hat.“

Der Erzbischof von Lemberg, Mieczyslw Mokrzycki

Nicht mit allen Gesten gegenüber Russland einverstanden

Im Gespräch mit dieser Zeitung in Lemberg äußert Erzbischof Mokrzycki differenzierte Kritik: „Wir sind dem Heiligen Vater sehr dankbar, dass er von Anfang an dem ukrainischen Volk mit seinen Gebeten und vielen Appellen nahe war.“ Weniger zufrieden sei das ukrainische Volk damit, dass der Heilige Vater zuerst den russischen Botschafter in Rom besuchte und nie deutlich aussprach, dass Russland eine Invasion in der Ukraine durchführt.
Mokrzycki, der von 1996 bis 2005 als zweiter Sekretär für Johannes Paul II. und Benedikt XVI. im Vatikan arbeitete, meint gegenüber der „Tagespost“ wörtlich: „Nicht nur die griechisch-katholischen Gläubigen, auch wir sind nicht mit allen Gesten des Heiligen Vaters gegenüber Russland einverstanden, aber vielleicht verstehen wir seine Intentionen und seine Politik nicht gut. Hoffen wir, dass der Papst gute Intentionen hat und mit seiner Art des Agierens bald Frieden in die Ukraine bringt.“

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Der Erzbischof für die Katholiken des lateinischen Ritus in der Westukraine bestätigt, es sei „beinahe offiziell, dass der Heilige Vater – sobald er aus Kanada zurückkehrt – entscheidet, wann er nach Kiew kommt: möglicherweise im August oder September“. Ganz gewiss werde er kommen.

Weiter Probleme mit Moskaus Orthodoxie

Derzeit müsse die Kirche unter den Bedingungen des Krieges das Evangelium und die Caritas verbreiten. „Wir predigen das Evangelium, spenden die Sakramente, kümmern uns um die Armen und Kranken. Jetzt wenden wir uns besonders den Flüchtlingen zu, die alles verloren haben, ihre Häuser und ihre Heimat.“ Er sei sehr zufrieden mit seinen Gläubigen und Priestern, „die ihre Herzen und die Türen ihrer Häuser geöffnet haben“. Alle katholischen Priester seien in ihren Gemeinden geblieben: „Das ist ein schönes Zeichen. Keiner hatte Angst, keiner hat seine Pfarrei und seine Herde verlassen“, so Erzbischof Mokrzycki.

Zwischen den Konfessionen in der Ukraine gebe es weiter ernsthafte Probleme, insbesondere mit der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Dennoch kritisiert der katholische Erzbischof auf eine Frage der „Tagespost“ regionale Verbote dieser Kirche: „Ich persönlich meine, dass ein demokratischer Staat, wie überall in Europa, volle Religionsfreiheit gewähren muss, und das für alle – seien es die Muslime, die Zeugen Jehovas oder andere. So sollte das auch hier in der Ukraine sein.“  DT/sba

Lesen Sie eine ausführliche Reportage über die Lage der Christen in der Ukraine in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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