Exklusiv-Beitrag

Lebensordnung und Lebenswirklichkeit verwechselt

Muss die katholische Kirche eine „Engführung“ ihrer Sexualmoral überwinden? Ein Offener Brief von Bernhard Meuser an Thomas Söding, Vizepräsident des ZdK und des Synodalen Wegs.
Der Theologe und Publizist Bernhard Meuser
Foto: Archiv | Der Theologe und Publizist Bernhard Meuser war Verlagsleiter des Pattloch Verlages; er initiierte verschiedene katechetische Werke, wie zum Beispiel den YOUCAT.

Lieber Thomas,

Über fast zwei Jahre haben wir intensiv zusammengearbeitet an einem Werk, das heute in fast vierzig Sprachen der Welt übersetzt ist – der Jugendbibel von YOUCAT. Dieser Tage stellte die Indische Bischofskonferenz gerade die Ausgabe in Kannada, der Muttersprache von 44 Millionen Menschen, vor. Das Werk wurde auch deshalb zu einem Welterfolg, weil Du Deine exegetische Expertise eingebracht hast. Seinerzeit hast Du Dir viel auf Dein internationales Renommee - etwa als Mitglied der Internationalen Theologen Kommission in Rom - zugutegehalten, hast auch gerne über Deine enge, freundschaftliche Beratertätigkeit für Papst Benedikt gesprochen. 

Im Februar 2022 hast Du mich in einer privaten Mail mit dem Betreff „Komm mal runter!“ von meiner Skepsis gegenüber dem Synodalen Weg abzubringen versucht. Ich hatte Dich zu einer öffentlichen Debatte eingeladen, zu der Du Dich aber nicht bereitfandest. Nun muss ich den Faden aber doch neu aufnehmen – und zwar öffentlich. Auf der Seite der Ruhr-Uni Bochum hast Du am 10. November 2022 ein so denkwürdiges Interview gegeben („Die Bischöfe bei ihrer Verantwortung gepackt“), dass mir bei der Lektüre alle theologischen Haare zu Berge standen. Lassen wir Argumente sprechen – und reden wir über Biologie und Theologie (nicht über Pastoral, denn dass Menschen unter ihrer sexuellen Orientierung leiden und nach Annahme und Freundschaft suchen, ist ein anders Thema; es gehört meiner Ansicht nach ins forum internum und nicht auf den Marktplatz).

Zwei oder mehr Geschlechter?

Du sagst: „Die katholische Ethik kennt traditionell ein fixes Geschlechtermodell: männlich oder weiblich. Sie tut sich schwer, das zu integrieren, was in der Biologie und Medizin über Intersexualität und Transsexualität bekannt geworden ist.“ Ich staune nicht nur in deinem Fall, wie theologievergessen Theologen mit scheinbar exakteren „Wissenschaft“ um sich schmeißen. Erst mussten die „Humanwissenschaften“ (?) für die kleine Revolution „in sexualibus“ herhalten und nun purzeln auch noch die Naturwissenschaften darüber, wobei man sich des Eindrucks kaum erwehren kann, dass nicht ein einziger dieser vorpreschenden Theologen wirklich zur Kenntnis genommen hat, was Sexualwissenschaftler mittlerweile über die vielfältigen Faktoren der Psychogenese, der Fluidität, der Mutationen und der Fixierung sexueller Einstellungen herausgefunden haben. Einer plappert dem anderen sein Halbwissen nach, wodurch die Empirie keine andere wird. Die katholische Ethik wird auch weiterhin kein anderes Geschlechtermodell kennen, als das der empirischen Naturwissenschaften, das keiner biblischen Bestätigung aus Genesis 1 und 2 bedarf. 

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Wer nur ein wenig aus dem theologischen Binnendiskurs herausschaut, nimmt wahr, dass weltweit Naturwissenschaftler gerade sturmlaufen gegen das Wissenschaftsmärchen, es gäbe mehr als zwei Geschlechter. So etwa David Buss, Evolutionspsychologe an der Texas University in Austin: „Aus Sicht der Evolution ist das biologische Geschlecht binär. Beim Menschen gibt es zwei und nur zwei Geschlechter, die durch die Größe der Keimzellen definiert sind. Es gibt keine Zwischenformen.“ In der Gattung Mensch gibt es nur Spermienproduzenten und Eierproduzentinnen. Transsexuelle Geschlechtsdysphorie ist ein WHO-anerkanntes Leiden an der Unfähigkeit, sich mit seinem biologischen Geschlecht zu identifizieren und kein eigenes Geschlecht. Und Intersexualität? Dazu die Evolutionsbiologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in EMMA: „Intersexualität entsteht durch sehr seltene Abweichungen, zum Beispiel beim Chromosomensatz. Aber auch intersexuelle Menschen haben die Merkmale beider Geschlechter, sie sind kein drittes Geschlecht.“ Nun könntest Du Dich ja auf ein Urteil des Verfassungsgerichts von 2017 berufen, wo es heißt: „In den medizinischen und psychosozialen Wissenschaften besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sich das Geschlecht nicht allein nach genetisch-anatomisch-chromosomalen Merkmalen bestimmen oder gar herstellen lässt, sondern von sozialen und psychischen Faktoren mitbestimmt wird.“ Christiane Nüsslein-Volhardt dazu: „Das ist Unfug. Wie man sich fühlt, das lässt sich durch soziale und psychologische Umstände ändern. Das biologische Geschlecht aber eben nicht. Das ist dort, wo wirklich Wissenschaft betrieben wird, auch völlig unstrittig.“ 

Kleiner Blick in den Garten Eden

In schönstem Einklang mit dem Chor der Stimmen auf dem Synodalen Weg verwechselst Du einmal mehr den Garten Eden und seine „Lebensordnungen“ mit den „Lebenswirklichkeiten“ vor den Toren des Paradieses. Der Garten Eden kennt nur eine einzige, göttlich mit „sehr gut“ bewertete anthropologische Matrix, die von Genesis 1 und 2: Elohim erschafft ha adam (= den Menschen); er erschafft ihn als Mann und Frau. „Wie sein Bild, im Hinblick auf sein Ebenbild“ erschafft Elohim ihn, aufeinander hin entworfen, so dass sie „ein Fleisch“ (Gen 2,24) werden. Dieses hochzeitliche Geheimnis von Braut und Bräutigam hält sich über den neuen Adam und Bräutigam Christus (Eph 5,25), der mit der Kirche ein Fleisch wird, buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite der Schrift durch. Absurd, als Exeget in Genesis 1 und 2 parallele Anthropologien und Matrizes der Diversität finden zu wollen. Dass es die bierernsten „Eisegeten“ (Hineinleser) dieses Schlages tatsächlich gibt, kann nur ein Akt der Verzweiflung sein: Da muss doch was zu finden sein!

Vizepräsident des Synodalen Wegs, Thomas Söding

Nun fand der Aufprall der paradiesischen Lebensordnungen mit der Lebenswirklichkeit nicht erst durch aufgeklärte Erleuchtungen auf dem Synodalen Weg statt. Das Recht der Entdeckung gebührt möglicherweise einem (oder mehreren) Theologen am Hof Salomos, jedenfalls ist sie etwa 3000 Jahre alt: Schon die Verfasser von Genesis 3 nahmen den Aufprall mit rätselhaften, nicht ins Bild passenden Lebenswirklichkeiten wahr, durch welche die paradiesischen Lebensordnungen konterkariert werden. Der ebenfalls salomonische Paulus greift in der wuchtigen Ouvertüre zum Römerbrief den postparadiesischen Zorn Gottes „wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten“ (Röm 1,18) auf, und wählt als Beispiel für die himmelschreiende Verkehrung der göttlichen Ordnungen ausgerechnet gleichgeschlechtlichen Sex. Der Abfall von Gott produziert eine Art Ausgeliefertsein an „entehrende Leidenschaften“ (Röm 1,26) - und so stellt Paulus fest: „Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.“ (Röm 1,27) Dieser Stachel im Fleisch der neutestamentlichen Exegese - das weißt Du besser als ich - hat Berge von weginterpretierender Literatur hervorgebracht. Selbst die Ansicht, Paulus könne ja nicht unsere aufgeklärten symmetrischen Liebesverhältnisse gekannt und gemeint haben, ist längst widerlegt. Dergleichen gab es auch in der Antike. 

Schon die salomonischen Experten vor Paulus und vor dem Synodalen Weg verfielen nicht auf den verrückten Gedanken, das Chaos heiligzusprechen und die Anarchie der „Lebenswirklichkeiten“ als „Normvarianten“ und „gute Schöpfungsgabe“ Gottes nachträglich ins Paradies zu befördern. Der Oxford-Philosoph Leszek Kolakowski fand die Erzählung von Genesis 3 so genial, dass er dem Verfasser posthum am liebsten einen antiken Literaturnobelpreis verliehen hätte. Macht dich das nicht nachdenklich?

Gott hat sie alle so gewollt

Warum ist, das festzustellen, wichtig? Weil die ganze „neue Sexualmoral“ an zwei überaus dünnen Fädchen hängt: an dem weiter oben beschriebenen Wissenschaftsmärchen und an der törichten theologischen Entsorgung von Genesis 3. Und so hängt man hinter die Lokomotive Trans- und Intersexualität 72 bunte Waggons von sexuellen „Identitäten“ - LGBTQI bietet an: Androgyner Mensch, Androgyn, Bigender, Weiblich, Frau zu Mann, Gender variabel, Genderqueer, Inters, Männlich, Mann zu Frau, Weder-noch, Geschlechtslos, Nicht-binär, Weitere, Pangender, Trans, Transweiblich, Transmännlich, Transmann, Transmensch ... - und eilfertige Theologen attestieren ihnen gleich einmal Naturgegebenheit und Gottgefälligkeit und prägen ihnen den Stempel „made in paradise“ auf. „Gott“, weiß der Mainzer Bischof, „hat sie alle so gewollt.“ 

Das ist nun weder Wissenschaft, noch Theologie. Trotzdem heißt es in Forum IV des Synodalen Wegs, das Lehramt missachte „weitestgehend Erkenntnisse aus Psychologie, Medizin und Anthropologie, nach denen Geschlecht auch nicht-binäre Varianten kennt.“ Ganz das Gegenteil ist der Fall; das Lehramt ist auf Stand der Empirie, nicht der Synodale Weg, der mit Berufung auf esoterische Blütenträume die Sexualethik der Kirche umkrempeln will. Mit größerer Notwendigkeit, als Dir vielleicht bewusst ist, forderst Du: „Die katholische Theologie ist dringend darauf angewiesen, im Gespräch mit den Humanwissenschaften, Sozialwissenschaften und Rechtswissenschaften zu bleiben.“ Volle Zustimmung, aber vergiss bitte die Naturwissenschaften nicht, - und nimm die bunten Luftballons mit.

Sex zu vielen Gelegenheiten?

Dann, Thomas, sagst Du: „Hinzu kommt, dass in dieser traditionellen Ausprägung katholischer Theologie jede Form von aktiver Sexualität außerhalb einer gültig geschlossenen Ehe als schwere Sünde gilt. Genau diese Engführung muss überwunden werden.“ Das ist nun wirklich ein dicker Hund. Im Grunde genommen dockst Du damit an den heimlichen Vektor der Sexuellen Revolution an: 1. Sex ist keine Sünde, in welchem humanen Aggregatzustand auch immer. 2. Sex, Liebe, Ehe, Treue, Fruchtbarkeit sind fragmentierbare Größen. Mit anderen Worten: Du unterminierst das Axiom, das Schrift und kontinuierliche Lehre unanimiter aussagen, dass nämlich die Ehe der einzige authentische Ort von Sexualität ist. Über 2.000 Jahre hinweg hat die Kirche an etwas festgehalten, was sie zum weißen Elefanten im Zoo der Menschheit machte, nämlich am unbedingten Zusammenhang von Monotheismus und Monogamie – man muss sagen: humpelnd und hinkend, mit halbherzigen Kompromissen, unter dem Gelächter immer neuer Generationen und in Anbetracht permanenten Scheiterns. Juden wie Christen verstanden sich als leidenschaftliche, ja feindliche Antithese zum sie umflutenden Polytheismus der Vielvölker. Polytheismus - das war die Hingabe an die vielen Götter, die Unzucht mit den Baalen. Eifersüchtig wacht Jahwe über die Treue seiner Braut. „Hurerei“, sagt Hans Urs von Balthasar, „ist die wichtigste alttestamentliche Bezeichnung für den Abfall vom wahren Gott, der Israels rechtmäßiger Gatte ist und der sich beklagt, dass Israel unter jedem Busch für einen fremden Gott die Beine spreizt und ihm noch Geld dafür gibt, statt sich bezahlen zu lassen (Ez 16).“ 

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Der monotheistische Identitätskern, der vom Judentum ungebrochen auf das Christentum überging, manifestierte sich im eisern durchgehaltenen, exklusiven Festhalten an der monogamen Ehe und der Verwerfung aller außerehelichen sexuellen Manifestationen als „Unzucht“. Das ist die doppelte Wasserscheide, in der die geforderte Hingabe des einen Volkes an den einen Gott in der Hingabe des eines Mannes an eine Frau gelebt wird. Die gleichzeitige oder serielle Hingabe an die Vielen ist Götzendienst wie „Unzucht“. Wir finden sie in allen Paränesen von Paulus (etwa 1 Kor 6,18) an herausgehobener Stelle, wie auch bei Jesus, wo die „bösen Gedanken“, die „von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen“ eingeleitet werden mit der „Unzucht.“ (Mk 7,21) „Eheliche Treue“, sagt N.T. Wright, „... ist Echo und Antizipation der Treue Gottes gegenüber der ganzen Schöpfung. Andere Arten von sexueller Aktivität symbolisieren ... die Entstellungen und den Verfall der gegenwärtigen Welt. Mit anderen Worten: Christliche Sexualethik ist nicht einfach eine Ansammlung alter Regeln, die wir heute locker beiseitelegen können, weil wir es besser wissen.“ 

Du wirst es vielleicht als anmaßend betrachten, dass ich - der ich kein Exeget bin - Dich an Dein Fach erinnere, von dem ich glaube, dass es mit Deinem kirchenpolitischen Engagement und Deinen Ausflügen in die Naturwissenschaft gerade nicht sonderlich kongruent ist. Ich würde mich ja freuen, könntest Du mich belehren und den Konnex herstellen. Leider kann ich mir im Moment nur vorstellen, dass der von Dir einst so geschätzte und umworbene Theologe Joseph Ratzinger - würde man ihm dein Interview vorlesen (er ist ja geistig noch immer hellwach, wenn er auch nicht mehr lesen kann) - so erschüttert von Deinen Ansagen wäre, dass er sich im Rollstuhl abwenden würde, wo er sich im Grab noch nicht herumdrehen kann.

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