Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Reportage aus Erfurt

Ein „ökumenischer“ Katholikentag

In Erfurt ist die gelebte Ökumene längst selbstverständlich – das wurde auch beim 103. Deutschen Katholikentag deutlich, der ohne protestantische Hilfe wohl nicht hätte stattfinden können. Nicht nur hier sei der Osten bereits den Geschwistern im Westen ein Stück voraus, sind nicht wenige Christen vor Ort überzeugt.
Katholisch-evangelischer Gemeinschaftsstand beim Katholikentag
Foto: Oliver Gierens | Ökumene in der Mitte: Am katholisch-evangelischen Gemeinschaftsstand sollen Besucher die richtige Mischung finden.

Ein großes Büro in einem etwas abgelegenen Gewerbegebiet am Rande der Erfurter Innenstadt. An diesem Samstagmorgen sitzen rund zehn Mitarbeiter in dem Konferenzraum. An der Wand zwei riesige Monitore, einer zeigt Livebilder mehrerer Überwachungskameras, unter anderem vom Domplatz. Hier, in der Geschäftsstelle, schlägt das organisatorische Herz des 103. Deutschen Katholikentags. Ein zweiter Bildschirm zeigt, wie stark die Veranstaltungen des bundesweiten Laientreffens derzeit besucht sind. Die Helferinnen und Helfer vor Ort geben regelmäßig Rückmeldung, wenn eine Kirche oder ein Konferenzraum überfüllt ist, die Ampeln gehen dann auf Rot.

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Seit Herbst 2022 arbeiten die aktuell 35 Mitarbeiter des Katholikentags hier in Erfurt. Manche haben ein Quartier vor Ort, andere pendeln regelmäßig von ihren Heimatorten. Das Ganze ist ein „Wanderzirkus“, sagt Katholikentags-Geschäftsführer Roland Vilsmaier im Gespräch mit der „Tagespost“. Etwa fünf Angestellte gehören zum personellen Grundstock, die anderen haben Zeitverträge. Viele sind aber auch abwechselnd für den Evangelischen Kirchentag tätig, schließlich finden beide Großevents in der Regel im jährlichen Wechsel statt. Noch etwa bis zum Herbst werden die Mitarbeiter hierbleiben, dann zieht die Karawane weiter nach Würzburg, wo der nächste Katholikentag 2026 stattfinden soll.

In der tiefen ostdeutschen Diaspora

Dass nach Münster und Stuttgart das Großevent diesmal in der tiefen ostdeutschen Diaspora stattfindet, ist für die Organisation erst einmal unerheblich, sagt Vilsmaier. Die Mitarbeiter kommen aus ganz Deutschland, auch vor Ort habe man kompetente Kollegen gefunden. Doch 35 Personen reichen naturgemäß bei Weitem nicht, um eine solche mehrtägige Großveranstaltung mit rund 20.000 Besuchern auf die Beine zu stellen. Viele ehrenamtliche Helfer sind nötig, und da stößt die katholische Kirche in der Diaspora schnell an ihre personellen Grenzen.

Hier kommt die Ökumene ins Spiel. Marija Vidovic ist stellvertretende Geschäftsführerin und Programmreferentin beim Katholikentag – und blickt auf eine intensive ökumenische Zusammenarbeit zurück. In vielerlei Hinsicht habe die mitteldeutsche evangelische Landeskirche die katholischen Glaubensgeschwister unterstützt, etwa bei der Suche nach geeigneten Veranstaltungsräumen wie Kirchen oder Gemeindezentren. Auch das evangelische Augustinerkloster, in dem einst der Mönch Martin Luther lebte und das Papst Benedikt XVI. bei seiner Deutschlandvisite 2011 besucht hat, ist in diesen Tagen von früh bis spät mit Katholikentagsbesuchern gefüllt. Ohne ökumenische Schützenhilfe, heißt es in Erfurt landauf, landab, sei das katholische Großevent hier nicht möglich gewesen.

Vidovic bestätigt diesen Eindruck. Es mache die Lebenswirklichkeit des Bistums Erfurt aus, dass hier vieles nur ökumenisch funktioniere. Schon in den vorbereitenden Arbeitskreisen hätten viele evangelische Christen mitgewirkt, auch bei zahlreichen Bühnen, Podien und der Öffnung von Kirchen in der Innenstadt. Für die Katholikentags-Organisatoren ist diese gelebte Ökumene ohnehin seit vielen Jahren selbstverständlich: Sie arbeiten eng mit der Geschäftsstelle des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Fulda zusammen, unterhalten ein gemeinsames Lager, tauschen auch Personal untereinander aus. So unterstützt etwa ZdK-Pressesprecherin Britta Baas auch die evangelischen Großevents in der Pressearbeit, im Gegenzug wirkt Marketing-Vorstand Mario Zeißig vom Evangelischen Kirchentag auch bei den Katholikentagen mit, so auch diesmal in Erfurt.

Erst der dritte Katholikentag in Ostdeutschland

Nach 1994 in Dresden und 2016 in Leipzig findet seit der Wiedervereinigung erst der dritte Katholikentag in Ostdeutschland statt. Wie sich diese ostdeutsche Lebensrealität im Programm niederschlägt, darüber gab es im Vorfeld Kontroversen. Der frühere Erfurter Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU) trat Ende vergangenen Jahres als Vorsitzender des Trägervereins zurück, weil er ostdeutsche Perspektiven zu wenig berücksichtigt sah. Im Frühjahr dieses Jahres nannte er das Großevent ein „Raumschiff“, das keinen Bezug zu den Themen und den Menschen in Ostdeutschland habe.

Die „Ökumene in der Mitte“ lädt zum Dialog ein
Foto: Oliver Gierens | Wasser des Lebens, des Lichts und des Waldes als Erfrischung, dazu Gespräche mit Passanten: Die „Ökumene in der Mitte“ lädt zum Dialog ein.

Diese Kritik weist Vidovic zurück. Die spezielle Diaspora-Situation in Ostdeutschland und die Friedliche Revolution 1989/90 seien von vorneherein berücksichtigt worden. „Wir sind kein Ufo, das irgendwo landet“, macht sie im Gespräch deutlich. So gab es etwa auf dem Katholikentag eine Diskussion über neue Pfarreileitungsmodelle in den ostdeutschen Diözesen, in denen sich der Priestermangel bereits deutlicher als im Westen auswirkt. Auch die Chancen einer verstärkten Zusammenarbeit der Ostbistümer untereinander oder mit ökumenischen und zivilgesellschaftlichen Partnern war ein Thema in Erfurt. Die Frage, wie groß die Ost-West-Unterschiede heute noch sind, sowie der Umgang mit Opfern der SED-Diktatur waren ebenfalls Themen auf der mehrtägigen Großveranstaltung.

Das bestätigt auch Ulrich Born. Er ist evangelischer Christ, Präses der Kreissynode im Kirchenkreis Erfurt, Präsident der Internationalen Martin-Luther-Stiftung und Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der Thüringer CDU. Als eines von zehn Mitgliedern und einziger Protestant gehörte er dem Trägerverein des Erfurter Katholikentages an – und kennt seinen Parteifreund Manfred Ruge seit vielen Jahren. Dessen Kritik nennt er im Gespräch „außerordentlich bedauerlich“ und „nicht hilfreich“. Schließlich sei die Veranstaltung kein regionaler Erfurter Katholikentag, sondern eine bundesweite Veranstaltung.

Wie die alltägliche Ökumene selbstverständlich gelebt wird

Auch Dagobert Glanz, der Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum Magdeburg, also des obersten Laiengremiums, bestätigt: „Der Osten ist deutlich da“ im Programm der Großveranstaltung. Er erinnert etwa an ein Podium mit dem Titel „Salz der Erde? Christliches Engagement in einer säkularen Gesellschaft“ mit dem Erfurter Soziologen Hartmut Rosa und dem sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff, bekennender Katholik und langjähriges ZdK-Mitglied. Und er dankt dem Erfurter Bischof Neymeyr, dass er in seinen Ansprachen die Ökumene so deutlich herausgestellt habe.

Laut Präses Born gibt in der Stadt eine lange und sehr gute ökumenische Tradition – in beide Richtungen. So sei die katholische Kirche bereits 2017 in das Reformationsjubiläum voll eingebunden gewesen. Unter anderem am 3. Oktober, dem Einheitsfeiertag, gebe es stets einen ökumenischen Gottesdienst. Auch in der Augustinerkantorei, dem größten evangelischen Oratorienchor, seien viele Katholiken dabei. Während des Gesprächs auf dem Domplatz kommt plötzlich der katholische Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr vorbei und begrüßt Born – ein anschauliches Beispiel, wie die alltägliche Ökumene selbstverständlich gelebt wird.

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So hat allein der Kirchenkreis fünf Erfurter Kirchen geöffnet, etwa die Reglerkirche als Zentrum für Wallfahrten und Pilgern. Auch in den vorbereitenden Arbeitskreisen haben sich zahlreiche evangelische Christen engagiert, etwa der Senior (Superintendent) Matthias Rein beim Abend der Begegnung oder im Arbeitskreis Theologie, Kirche und Ökumene. Hinzu kommen unzählige evangelische Christen, die ihre Privatwohnungen als Quartiere für Katholikentagsteilnehmer zur Verfügung gestellt haben.

„Wir lernen voneinander“, ist Born überzeugt. Auch mit der säkularen Mehrheitsgesellschaft gebe es eine konstante Zusammenarbeit. „Dort, wo Kirche stattfindet, wird sie sehr intensiv gelebt“, meint der evangelische Christ. All das trete häufig viel deutlicher hervor als in der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft.

Raum für Gespräche schaffen

Eine andere Herausforderung in einer weitgehend entkirchlichten Region – nur rund ein Viertel der Thüringer gehört überhaupt einer christlichen Kirche an – hat laut Marija Vidovic darin bestanden, von den Bürgern als gesellschaftlicher Akteur wahrgenommen zu werden. Schließlich sollen Katholikentage nicht nur innerkirchliche Themen diskutieren, sondern auch gesellschaftliche Debatten wie das Erstarken der AfD in Ostdeutschland aufgreifen. „Das Programm besteht zu zwei Dritteln aus diskursiven Veranstaltungen“, betont die Programmplanerin. „Wir wollen ja nicht mit uns selbst ins Gespräch kommen.“ So gab es mehrere kostenlose Konzerte auf dem Domplatz, außerdem eine kleinere Bühne und einige Mitmachangebote auf dem Anger, dem zentralen Platz in der Innenstadt. Man wolle Raum für Gespräche schaffen, und dieses Angebot sei von der Bevölkerung durchaus angenommen worden.

Diesen Eindruck hat auch Dagobert Glanz, der seit dem Ökumenischen Kirchentag in München 2010 jedes Mal auf den evangelischen und katholischen Großveranstaltungen den Stand „Ökumene in der Mitte“ mitbetreut. Der ist ein Gemeinschaftswerk der Bistümer Erfurt und Magdeburg sowie der evangelischen Landeskirchen in Anhalt und Mitteldeutschland. Auch diesmal steht er wieder mit seinen ökumenischen Mitstreitern auf dem Erfurter Anger, der belebten Einkaufsstraße im Zentrum. Ein Highlight ist das Ökumene-Labor, in dem die Besucher kleine Körnchen in verschiedenen Farben in Reagenzgläser füllen können – und so über die Ökumene, aber auch die Fragen ihres eigenen Lebens nachdenken können: Ein Häufchen Sehnsucht, ein wenig Utopie, ein paar Krümel Stille – die persönlichen Sehnsüchte und Wünschen vermischen sich hier mit einem Nachdenken über Glauben und Kirche.

„Wir führen gute Gespräche“, berichtet Glanz. Der Stand sei eine Gelegenheit, unverzweckt und niederschwellig mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Nicht nur Katholikentagsbesucher, auch Passanten, die zum Einkaufen unterwegs sind, würden stehenbleiben. Hier wird Ökumene in einem säkularen Umfeld schon selbstverständlich gelebt – vielleicht ist der Osten damit Vorreiter für eine Situation, wie es sie früher oder später in ganz Deutschland geben könnte.

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